Nr. 06/2020 vom 06.02.2020

Wenn das Aufstiegsversprechen zerbröselt

Der Kulturphilosoph Andrzej Leder legt mit psychologisch geschultem Blick die historischen Wurzeln des rechten Hasses frei, der sich in Polen und darüber hinaus Bahn bricht.

Von Lennart Laberenz

Kann ein akademischer Text, in dem es mit kulturphilosophischen Instrumentarien durch die polnische Geschichte geht, Licht auf die Erfolge von PiS, Viktor Orban und AfD werfen? Auch wenn er sich auf den Zeitraum zwischen dem deutschen Überfall 1939 und Chruschtschows Geheimrede 1956 konzentriert? Vermag das ein Essay, der das Gelände mit psychotherapeutischer Theorie vermisst, danach fragt, wieso sich ein bedeutender Teil der osteuropäischen und ostdeutschen Gesellschaften autoritären, weltvereinfachenden, nicht selten chauvinistischen, rassistischen Versprechen zuwendet?

Ein Hotel neben der Hamburger Universität. Andrzej Leder trägt rahmenlose Brille, Resthaarkranz und Spitzbart, ist Kulturphilosoph, Professor an der polnischen Akademie der Wissenschaften, aber auch Therapeut. Später wird er einen Vortrag halten. Sein Buch «Polen im Wachtraum» hat vor fünf Jahren eine grössere Diskussion in Polen provoziert – im deutschsprachigen Raum hat das kaum jemand mitbekommen. Nun ist der Essay übersetzt und vom Osteuropahistoriker Felix Ackermann hervorragend eingeleitet.

Darin attackiert Leder eine der grossen politischen, bis ins persönliche Leben reichenden Erzählungen Polens, nämlich die der Unschuld nach dem Überfall durch die Deutschen 1939 und beim Aufbau der realsozialistischen Gesellschaft nach dem Krieg. Die Erzählung hält sich trotz der Ermordung von Millionen JüdInnen innerhalb des «Gewaltraums», den Wehrmacht und SS in Polen etablierten. Das Schlafwandeln – Leder leiht sich hier einen Begriff von Historiker Christopher Clark aus – sei auch in den Nachkriegsjahren weitergegangen: Bodenreform, Enteignung und Vertreibung des landadeligen Grossgrundbesitzer- und städtischen Bürgertums. «Der wichtigste Prozess ist dabei die Etablierung einer polnischen Mittelklasse, zusammen mit der Urbanisierung der Gesellschaft», erzählt Leder. «Allerdings ohne einen Akt der Legitimierung.»

Rachsüchtige Fantasien

Dieser Kerngedanke, dessen «longue durée» Leder in Polens Geschichte festgemacht hat, markiert die Historie Osteuropas und geht weit darüber hinaus: Während sich die Mittelklasse herausbildet, machen sich das Gefühl und die Erzählung einer fehlenden politischen Wirkmacht breit. Sie fehlte, weil politisch-moralische Handlungsträger ausgeschaltet waren, das Land besetzt; allenfalls sei man zur Kollaboration gezwungen gewesen. Die Erzählung ermöglicht das grosse Achselzucken: Wir hatten keine Verantwortung.

Inzwischen haben Forschungsarbeiten in mehreren Ländern Osteuropas den Mantel des Schweigens über Denunziation, tätige Mithilfe und Selbstbereicherung während Besatzung und Aufbau des real existierenden Sozialismus an etlichen Stellen zerrissen. Für Polen stellt Ackermann fest, dass sich «die Etablierung eines stalinistischen Gewaltregimes in der polnischen Nachkriegsgesellschaft nicht als Fremdherrschaft im Sinne einer Besatzung beschreiben [lässt].» Selbstverständlich behauptet die PiS genau das Gegenteil.

Leder untersucht das «Imaginarium» – Vorstellungen, die in ethischen Orientierungen gründen, aber auch mit Emotionen verknüpft sind. Sie haben eine materielle Basis sowie psychologische Komponenten: In einem kurzen Prozess von kaum zwei Generationen wurde eine spätmittelalterliche Gutshof- und Landadelsgesellschaft zerschmettert und in die sowjetische industrielle Moderne katapultiert. Vorangetrieben von Deutschen und Russen, bot dieser Prozess keine Identifikationsfiguren. Nicht einmal negative, denn Revolution, die Ermordung der jüdischen BürgerInnen und die Vertreibung der Eliten bedienten rachsüchtige Fantasien vieler PolInnen.

Oft erfüllten sich solche Gewaltträume «interpassiv»: Nationalsozialisten deportierten, ghettoisierten, terrorisierten und ermordeten sie. NachbarInnen profitierten, weil sie kurz darauf eine grössere Wohnung beziehen oder Silberbesteck abgreifen konnten. Später sorgten Industrieanlagen, Bildungseinrichtungen und Grossbetriebe nach sowjetischem Vorbild für enorme Modernisierungsschübe und soziale Mobilität. Angehörige ganzer Gesellschaftskohorten, deren Eltern einfache LandarbeiterInnen waren, wechselten mit ihren Ausbildungen ins gehobene Industrieproletariat oder konnten studieren. Wurden mit Parteibuch in der Tasche Teil von Apparat, Militär, Verwaltung, Gewerkschaft. Tatsächlich beharrt Leder aber auf einer Bindung des sozialen Unterbewusstseins an die Opfer, «eine verdrängte Erinnerung an Taten und Unterlassungen, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind (…) Wie sehr die Polen, mit ihren Eigenschaften von heute, durch diese (…) Ereignisse geprägt sind, bleibt unausgesprochen, wie der Inhalt eines ungewollten Traums.»

In Hamburg fasst Leder das so zusammen: Sosehr die Profiteure von einst nach 1990 auch «bereit dafür waren, die Dinge zu übernehmen», sich aus ihren staatlichen Posten zu lösen und von den ersten Schritten der Privatisierung erneut zu profitieren – sie kamen in der sich rasch radikalisierenden Welt des Marktes schlechter klar als gedacht. Ihren Kindern zerbröselte die Fortsetzung der Aufstiegsversprechen. Dazu die überraschenden Folgekosten all der naiven Freiheitsgesänge: Unsicherheit, soziale Deklassierung – und der tumbe Gschaftlhuber von nebenan verdient sich mit irgendwas Banalem eine goldene Nase.

Gefühltes Unrecht

In der Konsequenz führt Leders Blick auf die Geschichte über Polen hinaus – das psychotherapeutisch geschulte Instrumentarium wird historisch geschärft und öffnet einen Blick in die Herzkammer der Malaise: Misstrauen, Neid, Benachteiligungsgefühl, schlechte Laune. Im Ergebnis werden die VerliererInnen von 1990, die ihren sozialen Aufstieg als selbstverständlich vorausgesetzt und die Opfer ihres eigenen Fortkommens verdrängt hatten, zu unempathischen, gesprächsunfähigen Figuren, die sich vom Gemeinwesen abwenden und ganz auf das Universum des gefühlten Unrechts fixiert sind. Das Gegenbild des «Fremden» wird zur militanten Bedrohung der eigenen Stellung. Und jedes Zeichen von Benachteiligung zum bitteren Triumph.

Wer in Deutschland also AfD wählt, drückt sein Ressentiment gegen «Fremde», Eliten oder andere Lebensentwürfe aus. Die Wurzeln dafür liegen zumeist weit vor 1990. Die Zustimmung zu Viktor Orban in Ungarn ist ein kurzes Flackern von «eigen» im Konzert der «fremden» Europäischen Union. Ähnliche Prozesse finden sich in Österreich, Italien, Frankreich. Die Geschichte geht also dummerweise weiter. «Solange es keine Genugtuung gibt, ist alles andere unwichtig. Der Schmerz dauert an und verschliesst gegenüber allem anderen», schreibt Leder. «Völlig ausgeschlossen ist eine Situation, in der derjenige, dem Unrecht zuteil wurde, darüber nachdenkt, dass er selbst Quelle von Unrecht sein könnte.»

Er schliesst, dass nur Verantwortung weiterführe: Wir müssen akzeptieren, dass unsere Väter, Grossväter, wir selbst von Gewalt, Vertreibung, Mord, gesellschaftlicher Differenzierung mindestens profitierten. Sein Essay hat sich über 20 000-mal verkauft, mittlerweile erreichen ihn Briefe, in denen Menschen nach der Lektüre die eigene Familienhistorie durchforsten. Nach dem grossen Haus fragen, in dem die Familie lebte. Nach dem jüdischen Bekannten.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch