Nr. 07/2020 vom 13.02.2020

Deutsche auf der Flucht

Mit der Documenta und der Berlinale werden gerade zwei zentrale Nachkriegsinstitutionen der Bundesrepublik von der Vergangenheit eingeholt. Die Fälle verraten viel über ein in Sachen Demokratie verunsichertes Land – und den dortigen historischen Diskurs.

Von Georg Diez

«Es wird ein Lernprozess propagiert, der gar keiner war»: Skulpturensaal an der ersten Documenta 1955. Foto: Ullstein

Geschichtspolitik ist Identitätspolitik, speziell in Deutschland, speziell in Phasen gesellschaftlicher Unsicherheit, wie gerade jetzt, im Jahr 75 nach der Befreiung von Auschwitz. Die Fiktion von Zeit als einer linearen Angelegenheit wird in solchen Momenten offensichtlich, denn nichts ist vorbei: In immer neuen Zirkeln kehrt die Vergangenheit wieder, und die Geschichten, die sich dieses Land von sich selbst erzählt, die Wahrheiten, die doch eigentlich klar sind und doch immer wieder neu verhandelt werden müssen, treffen auf eine demokratisch labile Lage, in der schwächliches politisches Personal und ein reduktionistischer historischer Diskurs eine gefährliche Verbindung ergeben.

Genauer gesagt: Der Schock, der Teile dieses Landes ergriffen hat, als nach der Wahl in Thüringen nun klar wurde, wie nah die FaschistInnen von der AfD längst an der realen politischen Macht sind (von ihren Gnaden liess sich ein Politiker der FDP zum Ministerpräsidenten dieses Bundeslands wählen, vgl. «Die Rechte sortiert sich neu»), war nicht gespielt, er war echt. Der Schock war aber auch ein Teil der Geschichte von Verleugnung und Selbsttäuschung, die eben auch dazugehört, wenn es darum geht zu verstehen, wie gut oder wie wenig gut die Deutschen mit dem umgehen, was sie getan haben, an monströsen Verbrechen, auf denen ja immer noch dieses Land aufbaut, auch wenn sie sich davon frei machen wollen, die Generation der Enkel.

Der Mythos von der Stunde null

Die Grossväter jedenfalls, die im grossindustriellen Stil gemordet hatten (und auch die Grossmütter), hatten sich nach dem Krieg darauf geeinigt, dass einige von ihnen verurteilt werden mussten, um das Funktionieren der restlichen Gesellschaft, das Überleben, den so oft beschworenen «Wiederaufbau» zu ermöglichen. Es war eine juristische, aber auch historiografische Arbeitsteilung: Die Realität der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse von 1945 bis 1949, von den siegreichen Alliierten angeschoben, und der Mythos von der Stunde null, von den geschlagenen Deutschen apostrophiert, gehören zusammen. Es gab diese Stunde null nicht, es gab diesen klaren Schnitt zwischen Kriegsdeutschland und Friedensdeutschland nicht. Wie auch?

Was es vielmehr gab, und das ist auch leider sehr logisch, das war eine «Elitenkontinuität», so nennt es der Kunsthistoriker Christian Fuhrmeister, der die Kunst und die Kunstpolitik der Nationalsozialisten untersucht und gerade jetzt ein paar sehr kluge Anmerkungen zu einem Fall gemacht hat, der symbolisch die deutsche Kultur in ihren Fundamenten erschüttert – aber nur, wenn man eben etwas gedankenfaul auf die Geschichte schaut: Der Kunsthistoriker Werner Haftmann, einer der Wegbereiter der Moderne im Nachkriegsdeutschland, seit 1955 wissenschaftlicher Berater der ersten Documenta-Ausstellungen und später Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, war, wie nun bekannt wurde, von 1937 bis 1945 Mitglied der NSDAP.

Die künstlerische Nachkriegsmoderne also als Flucht der Deutschen vor sich selbst, eine Flucht nach vorne in der Zeit. «Die Documenta ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel», sagt Fuhrmeister in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung». «Die Documenta ist interessant, weil sie das macht, was die Deutschen hören wollen und womit man im Ausland Punkte machen kann: Wir wertschätzen jetzt die von den Nazis verfemte ‹entartete Kunst›. Es wird ein Lernprozess propagiert, der gar keiner war. Es gibt einen glasklaren Widerspruch zwischen der Behauptung einer Wiedergutmachung und den Realitäten. Werner Haftmann kam dabei die Rolle eines Sprachrohrs zu, der dieses Erlösungsversprechen zu formulieren weiss.»

Was diesen Fall so interessant macht und auch symptomatisch, ist eben genau dieser Mechanismus von Verdrängung und Aufklärung, der zum Wesen mindestens des westlichen Teils Deutschlands, der BRD, gehört. «Wir fangen erst langsam an zu begreifen», sagt Fuhrmeister, und dieser Satz ist so überraschend wie krass und klar und wohl leider wahr, im Jahr 75 nach Kriegsende, «wir fangen erst langsam an zu begreifen, was das NS-System in seiner Radikalität bewirkt hat.» Keine Linearität also, trotz Paul Celan, Peter Weiss, Eugen Kogon und ja in vielem tatsächlich sehr guter «Aufarbeitung» – auch wenn der Stolz auf diese Arbeit manchmal merkwürdig weltmeisterlich wirkte –, sondern die Ellipsen von Geschichte, die sich jede Generation wohl neu erzählen muss.

Der zweite Mann hinter Goebbels

In Deutschland, das sich so sehr als Kulturnation sieht und definiert und wo Kunst einen Erlösungscharakter hat, immer schon und speziell in den Fragen von Schuld und Verantwortung der Nachkriegszeit, nimmt das eine besondere Form an. Das macht auch der zweite Fall deutlich, der eine zentrale Institution des neuen Deutschland betrifft, das eben doch nicht so neu war: Auch Alfred Bauer, der erste Direktor der Berlinale, eines der weltweit wichtigsten Filmfestivals, war tief verstrickt in die nationalsozialistische Hierarchie und Mechanik, als zentrale Figur in der Reichsfilmintendanz, die die Filmpolitik steuerte. Bauer war hier im Grunde hinter Joseph Goebbels der zweite Mann und, wie die jetzt durch private Recherchen bekannt gewordenen Akten zeigen, «ein eifriger SA-Mann».

Die Berlinale, die dieses Jahr am 20. Februar beginnt, hat sofort reagiert und den Preis für den Silbernen Bären, der auch der Alfred-Bauer-Preis war, erst einmal ausgesetzt. Sie hat auch eine neue Biografie von Bauer, die im Februar erscheinen sollte, zurückgezogen und angekündigt, die Stellen zu Bauers Zeit im Nationalsozialismus zu überarbeiten – der Autor und Filmhistoriker Rolf Aurich hatte wesentliche Aussagen verkürzt und deutlich zugunsten von Bauer entschärft, indem er die Selbstdarstellung des eifrigen Selbstentschulders Bauer übernahm und ein Schreiben lückenhaft zitierte: Bauer sei ein «bescheidener und anspruchsloser Mensch», hiess es da, von «tadellosem sittlichen und moralischen Verhalten»; gestrichen wurde der Part über ihn als eifrigen SA-Mann und den Besuch von SA-Versammlungen.

Warum das so ist, im Jahr 2020, weit weg von der Vergangenheit und konkreter Schuld? Genau deshalb, weil es so weit weg ist. Und gleichzeitig so nah, ein ideologischer Kampfplatz für gegenwärtige politische Gefechte.

Die rechtsextreme AfD, in Thüringen mit 23 Prozent der Stimmen im Landtag, bezeichnet die NS-Verbrechen als «Vogelschiss». Die FDP schlägt sich auf die Seite von Paul von Hindenburg, Steigbügelhalter und Ermöglicher Hitlers, den die Stadt Berlin vorletzte Woche von der Liste der EhrenbürgerInnen gestrichen hat. Und Nachfahren des letzten Kaisergeschlechts der Hohenzollern ziehen vor Gericht, um Teile ihres Eigentums wiederzubekommen, indem sie reklamieren, dass der Kaiser und sein Sohn, aktive Unterstützer Hitlers, doch allein taktisch gehandelt hätten.

Wie am «Tag von Potsdam»

In Thüringen nun kulminierte all das, westdeutsche und ostdeutsche Geschichtspolitik, Politisierung der Vergangenheit, falsche historische Vergleiche zwischen links und rechts (Hufeisentheorie), auf bildträchtige Art und Weise: Der Handschlag von Björn Höcke, Rechtsaussen der AfD, mit Thomas Kemmerich, FDP-Ministerpräsident von seinen Gnaden (und inzwischen zurückgetreten), erinnerte viele an die Fotos vom Handschlag zwischen Adolf Hitler und Paul von Hindenburg am sogenannten Tag von Potsdam, der die, wahlweise, Kooperation, Selbstaufgabe oder den vermeintlichen Sieg der konservativen Eliten sinnfällig machte. Und diese Frage überwölbt auch alle derzeitigen historisch-politischen deutschen Diskurse.

Die Diskussion um Documenta und Berlinale eröffnet jedenfalls den weiteren geschichtlichen Hallraum: Deutschland hat vielleicht keine Weimarer Verhältnisse, oder noch nicht; Deutschland hat mit Sicherheit ein paar Weimarer Fragen zu klären. «Unterkomplex» nannte der Kunsthistoriker Fuhrmeister den Blick auf die Kunst im 20. Jahrhundert; das Wort trifft auch auf den Blick auf die deutsche Geschichte zu, wie sie derzeit im politisch-medialen Diskurs instrumentalisiert wird.

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