Nr. 10/2020 vom 05.03.2020

Kriegerin im Abendkleid

Schnauze voll, wir ziehen Leine: Adèle Haenels wütender Abgang beim französischen Filmpreis wird zum ikonischen Bild der #MeToo-Bewegung.

Von Florian KellerMail an AutorIn

«C’est la honte!» Adèle Haenel verwirft noch die Hände vor laufender Kamera, dann ist sie weg, raus aus dem Saal der Schande.

So sah sie also aus, die feministische «Lynchjustiz», vor der sich Roman Polanski im Vorfeld gefürchtet hatte. Und die ihn dazu bewogen hatte, der Gala des französischen Filmpreises, der Césars, präventiv fernzubleiben. Draussen gab es wütende Kundgebungen, weshalb die Polizei das Gebiet rund um die Salle Pleyel in Paris hatte absperren lassen. Drinnen aber, im erlauchten Kreis der französischen Filmakademie, gabs drei Césars für Polanskis Film «J’accuse» – zuletzt den Preis für die beste Regie. Worauf die Schauspielerin Adèle Haenel aus Protest den Saal verliess, wie auch Céline Sciamma, ihre Regisseurin bei «Portrait de la jeune fille en feu», und weitere Gäste. Lynchjustiz, aha.

Dabei hatten die Herren der Filmakademie doch geglaubt, sie könnten ihre Gala nochmals in alter Ruhe über die Bühne bringen, ohne Eklat. Zur allgemeinen Beschwichtigung hatte der Vorstand zuvor geschlossen seinen Rücktritt angekündigt – für nach den Césars. Dies, nachdem 400 Akademiemitglieder das Altherrengremium in einem offenen Brief dringend zu Reformen aufgefordert hatten. Die Hauptvorwürfe: fehlende Transparenz bei den Preisverfahren, undurchsichtige Buchführung, mangelnde Diversität, nicht zuletzt im überalterten Vorstand. Und jetzt das. C’est la honte.

Den Anschluss verpasst

Nichts daran sei überraschend, kommentierte die Schriftstellerin Virginie Despentes in der Zeitung «Libération» den Regiepreis für Polanski: «Es ist grotesk, beleidigend, unrühmlich, aber nicht überraschend», so die Autorin der Vernon-Subutex-Trilogie. Nicht überraschend, weil Polanskis Film, von der Akademie mit elf Nominierungen bedacht, bereits im Vorfeld als Favorit gelten durfte. Nicht überraschend, weil von den über 4500 stimmberechtigten Mitgliedern der Filmakademie zwei Drittel Männer sind. Und nicht überraschend, weil Frankreich in Sachen #MeToo sowieso «komplett den Anschluss verpasst hat», wie Adèle Haenel unlängst in einem Interview mit der «New York Times» befand. Jede Auszeichnung für Polanski, der sich schuldig bekannte, Sex mit einer Dreizehnjährigen gehabt zu haben, sei ein Schlag ins Gesicht für alle Opfer von sexueller Gewalt, sagte sie dort. Das war noch vor den Césars.

Erst im vergangenen Herbst hatte Haenel ihre eigene Missbrauchserfahrung öffentlich gemacht. Sie berichtete im Rahmen einer umfassenden Recherche des Onlinejournals «Mediapart» von Übergriffen durch den Regisseur des ersten Films, in dem sie mitspielte. Sie war damals zwölf Jahre alt.

Das Schweigen im Saustall

Haenel hat den Kodex der stillen Komplizenschaft in der patriarchal geprägten Filmbranche aufgekündigt – und dafür wurde sie nun von ebendieser Branche bei den Césars symbolisch abgestraft und gedemütigt. Anders kann man nicht erklären, dass der überragende Film «Portrait de la jeune fille en feu» bei zehn Nominierungen nur gerade mit dem Preis für die beste Kamera bedacht wurde. Aber mit ihrem Abgang im Zorn hat Haenel abermals das «Gesetz des Schweigens» gebrochen, schreibt Virginie Despentes: «Am Ende der Übung wissen wir, dass wir alle Angestellte dieses grossen Saustalls sind.» Und allen, die von der Gnade der mächtigen Herren der Filmindustrie abhängig sind, sei klar: «Wenn sie morgen noch arbeiten wollen, müssen sie schweigen.»

Diese Césars hätten eigentlich nicht viel gezeigt, was man nicht davor schon über die «schöne Industrie des französischen Kinos» gewusst habe, so Despentes in ihrer Abrechnung. Haenels Abgang jedoch sei ein Fanal, eine Absage an die «Maskerade der Ehrwürdigkeit». Wie eine Kriegerin habe sie ihr Abendkleid getragen, und in ihren Stöckelschuhen sei sie aus dem Saal marschiert, «als wollte sie das ganze Gebäude zerstören». Für dieses ikonische Bild, schreibt Despentes, würde sie achtzig Prozent ihrer feministischen Bibliothek hergeben. Denn Adèle Haenel habe damit die einzig richtige Antwort auf die Politik der Herrschenden gegeben: «Macht euren Scheiss doch alleine. Von jetzt an stehen wir auf und ziehen Leine.»

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