Nr. 07/2020 vom 13.02.2020

Wer klagt hier an?

Unschuldig verfolgt: Roman Polanski hat die Dreyfus-Affäre verfilmt. Der Film bietet Gelegenheit, sich mit einer problematischen Figur wie dem polnisch-französischen Regisseur auseinanderzusetzen.

Von Barbara Schweizerhof

Und mit wem identifiziert sich das Publikum? Der zwiespältige Held Offizier Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) klärte den Dreyfus-Fall auf. Still: Frenetic Films

Machen wir uns nichts vor: Eine saubere Lösung gibt es nicht. Schon Roman Polanskis Biografie – als polnisch-jüdischer Junge überlebte er elternlos den Holocaust, seine schwangere Frau wurde 1969 von der Manson-Bande ermordet, 1977 vergewaltigte er eine Dreizehnjährige – löst widersprüchliche Gefühle zwischen Empathie und Ächtung aus. Und da hat man über seine Filme noch gar nicht gesprochen, Werke wie «Rosemary’s Baby», «Chinatown» oder «Der Pianist». Trotzdem müsste jedes Festival mit Protest rechnen, das ihn mit einer Retrospektive ehren wollte.

So schlägt das Pendel der öffentlichen Reaktionen ständig hin und her. Als die Schauspielerin Adèle Haenel im November Missbrauchsvorwürfe gegen den Regisseur Christophe Ruggia erhob und mit explizitem Bezug auf Polanski die französische Kultur der falschen Toleranz gegenüber vermeintlichen Genies beschuldigte, erklärte sich Frankreichs Filmindustrie mit ihr solidarisch. Im Januar dann nominierte dieselbe Branche Polanskis neuen Film, «J’accuse», in elf Kategorien für den César, den französischen Filmpreis, der Ende Februar verliehen wird. Dieser handelt von der sogenannten Dreyfus-Affäre, der Verurteilung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus wegen angeblichen Landesverrats im Jahr 1894.

Präzise recherchiert

Mit einer Trennung von Werk und Autor kommt man da nicht weit, zumal jeder Film immer das Resultat einer Zusammenarbeit von vielen ist. Auch «J’accuse» ist mindestens so stark geprägt durch die Vorlage von Robert Harris, der zusammen mit Polanski auch das Drehbuch geschrieben hat, und durch seine DarstellerInnen. Sie alle dafür in Mithaftung zu nehmen, quasi der Kollaboration zu beschuldigen, scheint exzessiv. Und es gibt noch mehr Gründe, im Fall von «J’accuse» von der Person des Regisseurs abzusehen: Der Film präsentiert die Fakten der Dreyfus-Affäre in bündiger, präzis recherchierter Form und gibt vielerlei Anregungen, den Bezügen zum Hier und Heute nachzuspüren.

Das betrifft nicht zuletzt den Epochenwandel, der sich um 1900 in der Struktur der Öffentlichkeit vollzog: Beschlüsse aus den geschlossenen Stuben von Politik und Militär prallten fortan auf die Stimmungen in den offeneren Räumen von Kaffeehaus, Zeitung und Strasse, während Intellektuelle wie Émile Zola Partei ergriffen. Was Dreyfus genau vorgeworfen wurde, wissen heute die wenigsten, aber Zolas «J’accuse» ist immer noch das Vorbild aller offenen Briefe. Und er war alles andere als ein Troll, Zolas Einwurf damals war ein langer, die ganze Frontseite der Zeitung «L’Aurore» einnehmender Text, der präzise die Versäumnisse des Falles auflistete und konkrete Namen nannte.

Das Risiko für Leib und Leben, das der Dichter damit auf sich nahm, spielt im Film eine untergeordnete Rolle. Polanski und Harris konzentrieren sich ganz auf ihren Helden: den Offizier Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin), der den Dreyfus-Fall aufklärte. Louis Garrel als Alfred Dreyfus hat nur eine kleine Rolle, verleiht ihr aber eine eindringliche Präsenz – gerade weil er Dreyfus nicht als heroischen Dulder interpretiert, sondern dessen Schwächlichkeit angesichts der Staatsgewalt herausstreicht und seine gewöhnliche, sehr soldatische Pedanterie sichtbar werden lässt.

Picquart wiederum ist ein zwiespältiger Held, der erst in Konfrontation mit dem Unrecht zu seinen Überzeugungen findet. Nicht nur, dass er nonchalant eine Beziehung zu einer verheirateten Frau (Emmanuelle Seigner) unterhält, zu Beginn des Films wird er auch als Antisemit gezeigt, was im französischen Militär um 1900 gewissermassen zum guten Ton gehörte. Als er zum Leiter der Spionageabteilung aufsteigt, verschafft ihm seine Abscheu gegenüber den verstaubten Büroräumen mit ihren knarzenden Dielen und dreckigen Fenstern schliesslich genug Distanz, den gefälschten Beweisen gegen Dreyfus auf die Spur zu kommen.

Zweischneidige Empörung

In einem Interview soll sich Polanski mit dem unschuldig verfolgten Dreyfus verglichen haben – der Film als solcher aber lädt zur Identifikation mit Picquart und dessen aufklärerischem Heldentum wider Willen ein. Ob sich Polanski auch in ihm wiedererkennen will? Und falls ja: Wäre das ein Grund, den Film abzulehnen?

Im Grunde ist es so: Gerade durch seine Metaebenen und die Interpretationsmöglichkeiten, die der Film eröffnet, bietet sich «J’accuse» dafür an, sich mit der Problematik einer Figur wie Polanski auseinanderzusetzen. Nicht nur wegen des Gegensatzes von verfolgter Unschuld und widerstrebendem Heldentum, sondern auch, weil die Dreyfus-Affäre so guten Stoff bietet, darüber nachzudenken, dass auch die Empörung der Öffentlichkeit ein zweischneidiges Schwert ist. Auf der einen Seite ist sie unerlässlich – mehr als zehn Jahre liegen für Dreyfus zwischen Verurteilung und Freispruch. Andererseits liegt die Empörung ja nicht immer richtig: Polanski zeigt auch die antisemitischen Ausfälle, die es damals gab, den Mob, der Zolas Artikel verbrannte und die Bestätigung der falschen Urteile beklatschte.

Wer weiss, mit wem sich Polanski hier identifiziert. Eine andere Frage ist, worin wir uns als Publikum wiedererkennen. Anders nämlich, als es damals bei Dreyfus der Fall war, sind uns die Fakten des Falls Polanski seit über vierzig Jahren bekannt. Dass wir uns erst jetzt empören und darin etwas Überfälliges nachholen, sollte darum als selbstkritische Reflexion Teil jeder Polanski-Kritik sein. Genauso wie die Überlegung, wie so etwas wie Sühne und Vergebung in Zeiten von Social Media noch gültige Gestalt annehmen könnte.

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