Nr. 10/2020 vom 05.03.2020

Selbst ist die Frau

Ein Sammelband ruft in Erinnerung, wie tatkräftige Selbsthilfe unter Frauen sowohl den Kampf gegen die spanische Militärdiktatur als auch die eigene Emanzipation beflügelte.

Von Thomas Wagner

Über die Härte, mit der die Auseinandersetzung geführt werden würde, machten sie sich keine Illusionen: Frauen im Spanischen Bürgerkrieg, undatierte Aufnahme. Foto: Alamy

Als am 17. Juli 1936 rechtsgerichtete Militärs in Spanien einen Staatsstreich versuchten, gehörten zu den VerteidigerInnen der Republik auch 20 000 anarchistisch orientierte Frauen, überwiegend Arbeiterinnen, die sich unter dem Namen Mujeres Libres (Freie Frauen) selbst organisierten. Einige gingen mit den Männern auf die Barrikaden und an die Front, andere stellten die Versorgung im Hinterland sicher. Die ersten Frauengruppen waren bereits 1930 in Barcelona und in kleinen Provinzstädten im Umfeld anarchosyndikalistischer Gewerkschaften entstanden, die sich in der Confederación Nacional del Trabajo (CNT) zusammengeschlossen hatten.

Über die Härte, mit der die Auseinandersetzung geführt werden würde, machten sie sich keine Illusionen. «Der Kampf geht um Leben und Tod», schreibt eine der Frauen direkt zu Beginn des Konflikts, «greift, wenn nötig, auf die härteste, die brutalste Vorgehensweise zurück; doch verkürzt ihn, lasst ihn zu einem schnellen Ende kommen; in ihm geht unsere geistige Gesundheit zugrunde.» Ihr Wunsch blieb unerfüllt, der blutige Krieg zog sich hin. Doch erreichten die Frauen inmitten des Gemetzels auch Teilerfolge bei ihrer Befreiung aus patriarchalen Verhältnissen. Diese beschrieb die Anarchistin und Friedensaktivistin Emma Goldman für Spanien als besonders bedrückend: Selbst von den eigenen Kameraden würde eine Frau hier als dem Mann «sehr unterlegen, als reines Lustobjekt und Gebärmaschine» angesehen. «Das Problem der weiblichen Emanzipation ist analog dem der proletarischen Emanzipation: diejenigen, die frei sein wollen, müssen den ersten Schritt tun.»

Hilfe mit Bildung verknüpfen

Die Revolution, da waren sich die Mujeres Libres mit Goldman einig, war zunächst einmal keine Frage der Theorie, sondern bestand aus einem Bündel an täglich aufs Neue zu bewältigenden praktischen Aufgaben. Sie luden Frauen ein, sich zur Ausbildung an den Schiessplätzen anzumelden, richteten Anlaufstellen ein, in denen Prostituierte medizinische Hilfe und Beratungsangebote erhielten, gaben Alphabetisierungskurse und evakuierten Flüchtlingskinder. Sie unterhielten Werkstätten und Fahrschulen, betreuten MilizionärInnen, die sich vom Einsatz an der Front erholten, leisteten Sanitätsdienste, verschickten Post an die KämpferInnen und versorgten sie mit sauberer Wäsche.

Die Frauen übernahmen die Arbeitsplätze der an der Front kämpfenden Männer. Sie wurden Schweisserinnen im mobilen Reparaturdienst der Eisenbahnen, Maurerinnen im Bunkerbau, Strassenbahn- oder Busfahrerinnen und Mechanikerinnen in der Luftfahrt. Um innerhalb ihrer Organisation bestimmte Aufgaben übernehmen zu können, mussten sich die Frauen, die oft nur bis zum Alter von elf oder zwölf Jahren die Schule besucht hatten, die dazu nötigen Fertigkeiten erst einmal selbst aneignen. «Vor allem anderen», erinnert sich Conchita Guillén, eine ehemalige Sekretärin für Propaganda, «mussten wir uns gegenseitig helfen. Deshalb stellten sich Frauen, die in Pädagogik und anderen Wissenschaften ausgebildet waren, freiwillig zur Verfügung, um Unterricht in Allgemeinbildung zu organisieren und eine Gruppe von jungen Mädchen zu unterrichten, die nichts weiter als ihren guten Willen vorzuweisen hatten.»

Ihr Bericht ist eines von zahlreichen anschaulichen Dokumenten, die im Buch «Mujeres Libres. Libertäre Kämpferinnen» vom Kampf anarchistischer Frauen gegen den Faschismus, die Bevormundung durch die kommunistische Partei und die partielle Geringschätzung ihrer männlichen Kampfgenossen zeugen. In Spanien bereits 1999 erschienen, enthält der nun von der Historikerin Vera Bianchi herausgegebene Band ausgewählte Artikel der Zeitschrift «Mujeres Libres», die von Mai 1936 bis Herbst 1938 in insgesamt dreizehn Ausgaben erschienen war. Hinzu kommen Erinnerungen von damals bereits hochbetagten Zeitzeuginnen.

Imperativ der Praxis

Bei der Lektüre wird deutlich: Viele Themen, die von den Mujeres Libres damals auf die Agenda gesetzt wurden, sind nach wie vor aktuell. Weder ist das Prinzip «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» überall durchgesetzt, noch wird die Hausarbeit in den privaten Beziehungen zwischen den Geschlechtern immer gerecht verteilt. Zwar sind die meisten sexuellen Tabus heute Geschichte, doch mit freier Liebe als Beziehungsform zugleich autonomer wie solidarischer Menschen hat das wenig zu tun.

Mit dem zeitgenössischen Feminismus der Post-AchtundsechzigerInnen taten sich die Mujeres Libres übrigens schwer. Anstatt «Frauen aus den sozial am meisten benachteiligten Schichten (…), den Minderheiten, den armen Leuten und den Frauen aus der Arbeiterklasse» praktische Hilfe zu leisten, verschwendeten sie allzu häufig ihre Energie mit Diskussionen «über die Theorie der Unterdrückung der armen Frau durch den schlechten Mann». Die Mujeres Libres hingegen hätten sich nicht als intellektuelle Organisation, sondern «als eine Gruppe im Dienst des Volkes» verstanden, «die Frauen aller gesellschaftlichen und intellektuellen Schichten half».

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