Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Der heilige George

Von Stefan Howald

Ein Schal und zwei Halstücher mit etwas Blut darauf werden am Erscheinungstag dieser WOZ in London versteigert. Handelt es sich dabei um einen Beweis dafür, dass Lady Di doch durch den britischen Geheimdienst ermordet worden ist? Leider nicht. Das Blut geht auf ein Ereignis anderer weltgeschichtlicher Bedeutung zurück. Die befleckten Kleidungsstücke gehörten einst George Orwell (1903–1950). Er trug sie, als er während des Spanischen Bürgerkriegs lebensgefährlich verletzt wurde.

Orwell hatte sich, anders als die meisten anderen ausländischen SpanienkämpferInnen, nicht den kommunistisch organisierten Internationalen Brigaden angeschlossen, sondern einer Einheit der trotzkistischen POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista). Er war seit Januar 1937 an einem eher ruhigen Frontabschnitt eingesetzt, doch im Mai 1937 schoss ihm bei Huesca ein faschistischer Heckenschütze in den Hals, wobei Orwell nur mit Glück dem Tod entging.

Die beiden Halstücher sind mit den Insignien der POUM und der anarchistischen CNT (Confederación Nacional del Trabajo) geschmückt. Ein nordirischer Genosse Orwells, der diesen verarztete, nahm Schal und Tücher mit nach England und übergab sie einem anderen Genossen, nach dessen Tod sie jetzt auf den freien Markt der Heldenverehrung gelangt sind. Erwartet werden vom Auktionator für das Triptychon 1200 Pfund (1700 Franken).

Orwell selbst hatte aus seiner Verletzung nie viel Aufhebens gemacht, obwohl sie seine Gesundheit beeinträchtigte und zu seinem frühen Tod durch Tuberkulose mit 47 Jahren beitrug. Für die religiöse Legende muss jetzt die Nachwelt sorgen.

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