BBC im Kreuzfeuer : Dem Minister vergeblich eine Frage zurufen

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Die BBC steht unter dem Druck der konservativen Regierung. Klar, man muss ihren öffentlichen Auftrag verteidigen. Auch wenn sie nicht ganz so gut ist wie ihr legendärer Ruf.

Die Macht der Medien kennt er, seit er vor dreissig Jahren als Brüsseler Korrespondent für den konservativen «Daily Telegraph» und später für den «Spectator» mit Übertreibungen und Fälschungen sein Image als unerschrockener Europhober begründete. Als Premierminister will Boris Johnson jetzt kritische Berichte über sich selbst minimieren. So hat sein Presseamt versucht, Briefings nur noch für ausgewählte JournalistInnen zu machen; statt dass sich MinisterInnen kritischen Fragen stellen, werden regierungsamtliche Videos verteilt. Dazu kommen Sprachregelungen wie bei George Orwells Neusprech: Das Wort «Brexit» soll nicht mehr verwendet werden, weil der angeblich geschafft ist, und offiziell wird beileibe kein Austritt aus der EU ohne Handelsvertrag angestrebt, sondern ein «Deal australischer Art» – wobei Australien und die EU gerade keinen Vertrag abgeschlossen haben, sondern nach WTO-Regeln miteinander verkehren.

Als Hauptgegnerin gilt Johnson die BBC. Schon im Wahlkampf vom vergangenen Dezember weigerte er sich, sich einem kritischen BBC-Interviewer zu stellen. Mittlerweile setzt sich kein Minister mehr den unbequemen Fragen von «Today» aus, dem Morgenmagazin auf BBC Radio 4, das die politischen Themen für den Tag vorgibt. Zudem hat Johnson gezielt durchsickern lassen, er prüfe für 2022, ob die BBC nicht einzelne Radiosender und Fernsehkanäle abstossen müsse. Vor allem aber soll die Rundfunkgebühr durch ein Abonnement ersetzt werden, mit der erwartbaren Aushöhlung des öffentlichen Auftrags der BBC.

Anlässlich der vom Brexit dominierten Parlamentswahlen haben die privatwirtschaftlichen, mehrheitlich konservativen Printmedien ebenso wie soziale Medien das Bild gezeichnet, die BBC habe an den «Bedürfnissen des Volks» vorbei berichtet. Das hat sich als gezieltes Konstrukt herausgestellt, so wie generell die Rede vom wahren «Volkswillen». In einer breiten Umfrage des Publizistikinstituts der Universität Oxford ist die Wahlberichterstattung der BBC soeben eindeutig als die beste aller Medien eingeschätzt worden.

Noch immer spitze?

Tatsächlich ist die BBC weiterhin im sozialen Leben des Landes verankert. Zwar hat sie in den letzten zehn Jahren zwei Sparrunden absolviert. Dennoch bleiben die Zahlen eindrücklich: 22 000 Festangestellte, zehn TV-Kanäle, sechzehn Radiosender, eine Newswebsite, BBC iPlayer als Wiederholmedium im Internet und, als selbstständige Einheit, der BBC World Service, der als Rundfunk in über vierzig Sprachen sendet. Zusammen mit dem weltweiten Verkauf von Eigenproduktionen gehört die BBC zu den grössten Fernseh- und Radioanstalten der Welt.

In Grossbritannien selbst hält das BBC-Fernsehen einen beachtlichen Marktanteil von 31 Prozent, etwa gleich viel wie SRF in der Schweiz; beim Radio sind es gar 51 Prozent. Sowohl Fernsehen wie Radio der BBC schneiden bei aktuellen Umfragen in allen relevanten Kategorien besser ab als die kommerzielle Konkurrenz. Die Aufsichtsbehörde Ofcom grummelt im letzten Jahresbericht 2019 zwar über die abnehmende Reichweite unter den Jungen und über Mängel bei der Diversität. Bei Letzterem trifft sie einen wunden Punkt der BBC. In führenden Positionen dominiert weiterhin das Netzwerk älterer weisser Herren. Und wegen der Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern hat das Unternehmen kürzlich von einem Gericht empfindlich eins auf die Finger bekommen: Jetzt müssen für Nachzahlungen und Anpassungen ein paar Millionen auf die Seite gelegt werden.

Doch wie steht es um die publizistische Qualität? Bei den Newssendungen gibt es einzelne Gefässe wie «Today» oder «Newsnight», die kritischen Journalismus betreiben. Dagegen wirken die Hauptnachrichtensendungen erstaunlich anämisch – die BBC hat oft etwas Gouvernementales, das über das Parteipolitische hinausgeht. Bei der Etablierung spezifischer Rechercheteams für den Investigativjournalismus hinkte sie hinter den Zeitungen her. Der langjährige, seinerseits umstrittene BBC-Reporter John Sweeney hat ihr kürzlich vorgeworfen, kritische Untersuchungen unterdrückt zu haben. Und die Vorzeigesendung «Panorama» hat die Tendenz, Enthüllungen vor Ort durch Analysen im Studio zu ersetzen.

Überhaupt: Der angelsächsische Newsjournalismus wird überschätzt. Eloquenz übertüncht zuweilen mangelnde Substanz. Die ständige Repetition täuscht Gewichtigkeit vor; Aufgeregtheit und Pseudoauthentizität nehmen zu. Nichts Peinlicheres, als wenn eine gestandene BBC-Korrespondentin einem Minister, der ins Auto steigt, eine rhetorische Frage zuwirft, die dieser grinsend ignoriert.

Jenseits der Newsgefässe

Nun geht die Wirkung der Massenmedien als Teil der Bewusstseinsindustrie aber weit über die politische Berichterstattung hinaus. Wie die Welt, die Gesellschaft und unsere Beziehungen zu anderen Menschen in Soap-Operas, in Krimis und Unterhaltungssendungen dargestellt werden, bestimmt politische Präferenzen jenseits der Newssendegefässe. Da sieht die Bilanz der BBC durchzogen aus.

Die viermal in der Woche ausgestrahlte Soap «East Enders», einst realitätsgesättigt, droht mit dem ebenso nostalgischen wie reaktionären Rückbezug auf die Familienehre in East-End-Ganovenkreisen zu einer Parodie ihrer selbst zu verkommen. Die grossen Unterhaltungssendungen wie «Strictly Come Dancing» sind etliches professioneller und spektakulärer, als wenn Deutschland tanzt oder die Schweiz zum Tanz bittet. Aber die allgegenwärtigen Quizsendungen brechen nur selten aus dem globalen Mainstream aus, den sie mit geschaffen haben – etwa wenn im Radio «Just a Minute» oder «I’m Sorry I Haven’t a Clue» das Genre unterwandern und die Stand-up-Comedy auf die Spitze treiben.

Diversität – schwarz, asiatisch, lesbisch, schwul, behindert – ist in den meisten Sendungen im Figurenensemble pflichtschuldig abgehakt, doch kippt sie selbst in besseren Serien wie den Spitaldramen «Holby City» oder «Casualty» immer wieder ins traditionelle Stereotyp. Dagegen mag man, nein, muss man TV-Dramen wie «Line of Duty» oder aktuell «The Split» mit der unvergleichlichen Nicola Walker für besser halten als hochgelobte US- und Netflix-Produktionen.

Versöhnliche Selbstironie

Als allumfassende Dienstleisterin ist die BBC an vielerlei Stellen unter Druck. Da gilt es als herber Verlust, wenn ihr ein Quotenknüller wie «The Great British Bake Off», in dem die jüngere englische Obsession mit Kochen in eine Wettbewerbsform gegossen wurde, von der Konkurrenz abgeworben wird. Auch im Sport sind der BBC die grossen Wettkämpfe verloren gegangen. Einzig den FA Cup im Fussball hat sie verteidigt, für den für ein Wiederholungsspiel im Sechzehntelfinal schon mal die beste Sendezeit freigeräumt wird.

Nicht alles bei der BBC rechtfertigt die Rundfunkgebühr. Doch gegenüber Boris Johnsons Drohungen muss sie als Service public verteidigt werden. Und sie versöhnt einen wieder, wenn sie sich über sich selbst lustig macht, etwa in der Sendung «W1A», in der Hugh Bonneville, die adlige Heiligenfigur aus «Downton Abbey», sich als netter, aber etwas beschränkter Manager heroisch mit BürokratInnen und Medienmediokritäten herumschlägt.