Nr. 11/2020 vom 12.03.2020

Das Virus und die Wirtschaft

Von Daniel SternMail an AutorIn

So gesehen kann man dem Coronavirus fast dankbar sein: Nichts trägt mehr zur Absenkung der Treibhausgase bei als die Epidemie. Fluggesellschaften streichen reihenweise Verbindungen, China hat die energieintensive Produktion stark zurückgefahren, weltweit sinkt der Konsum. Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass der Erdölverbrauch dieses Jahr erstmals seit 2009 rückläufig sein wird. Der Verfall des Ölpreises ist ein klarer Beleg. Am Montag kam es gar zu einem eigentlichen Preisschock. Nicht nur, weil die Nachfrage sinkt, sondern auch, weil sich die Angebotsseite – speziell die Exportstaaten Russland und Saudi-Arabien – nicht auf Förderbeschränkungen einigen konnte. Dass das nun wieder zu mehr Verbrauch führt, ist nicht absehbar, solange sich das Virus weiter ausbreitet.

Besonders gut fürs Klima: Die sowieso schon hoch verschuldete US-Frackingindustrie droht wegen der tiefen Preise zu kollabieren. Die Förderung eines Fasses Öl kostet derzeit mehr, als man damit einnehmen kann. Die Aktienkurse der Frackingunternehmen sanken entsprechend am Montag um bis die Hälfte. Viele ihrer Obligationen sind noch einen Bruchteil des Ausgabepreises wert. Das werden auch diejenigen Banken schwer zu spüren bekommen, die in den letzten Jahren den Frackingunternehmen besonders stark mit Krediten aushalfen, etwa die Credit Suisse. Nun werden viele Ölpumpen gestoppt. Die Frackingindustrie ist für den Ausstoss riesiger Mengen an besonders klimaschädigendem Methan in die Atmosphäre verantwortlich, wie immer mehr Studien belegen. Sie verübt faktisch ein Verbrechen an der Menschheit.

Doch leider ist alles nicht so einfach. Mal ganz abgesehen davon, dass das Coronavirus weltweit bereits über 120 000 Menschen krank gemacht hat und über 4200 daran gestorben sind. Und abgesehen davon, dass das Virus uns Angst macht und unsere sozialen Kontakte in den kommenden Wochen oder sogar Monaten schwer beeinträchtigen wird. Die Wirtschaftskrise, die jetzt durch die Coronaepidemie ausgelöst wird, trifft auch viele Menschen ganz direkt in ihrer wirtschaftlichen Existenz. Sollte die Epidemie länger anhalten, werden weltweit Millionen Stellen verloren gehen. Die heftigen Kursverluste vieler Aktien der letzten Tage treffen nicht nur die Reichen. Bleiben die Notierungen im Keller, wird sich das auch sehr negativ auf die Pensionskassen auswirken. Diese konnten in den letzten Jahren vor allem wegen der hohen Buchgewinne bei den Aktienanlagen ihren Deckungsgrad über hundert Prozent halten.

Es ist deshalb zu befürchten, dass die Staaten wieder das tun, was sie in den letzten Jahrzehnten immer machten, um Wirtschaftskrisen zu bekämpfen: ihre Nationalbanken mehr Geld drucken lassen, das diese den Banken leihen, die dann mit billigen Krediten die Wirtschaft wieder ankurbeln sollen. Und die Regierungen werden Konjunkturprogramme auflegen, die nur eines zum Ziel haben: die Arbeitslosigkeit zu senken. Nach der Wirtschaftskrise von 2009 ist genau das geschehen. Die Wirtschaft sollte bloss wieder wachsen, auf wessen Kosten, spielte keine Rolle. Nachdem wegen der Krise der weltweite CO2-Ausstoss tatsächlich erstmals zurückging, stieg er daraufhin wieder an – bis heute.

Es wäre deshalb jetzt geboten, ganz anders zu handeln. Ja, auch wenn es etwas abgegriffen tönt: Das Coronavirus und die damit einhergehende Wirtschaftskrise könnten gar eine Chance sein. Wenn schon ein Konjunkturprogramm, dann sollte dieses ganz gezielt dazu benutzt werden, veraltete klimaschädigende Strukturen durch eine nachhaltige Wirtschaft zu ersetzen. Doch was es eben grundsätzlich braucht: Wir müssen einen Weg finden, um aus der Wachstumsspirale auszusteigen. Denn auch wenn der Umbau in eine nachhaltige Wirtschaft wichtig ist, das allein wird den nötigen schnellen Rückgang der Treibhausgasemissionen nicht bewirken. Wir müssen weniger produzieren und konsumieren. Wie das sozialverträglich geht, darüber braucht es eine breite gesellschaftliche Diskussion. Möglichst schnell.

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