Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

In der Stadt der Dschinns und Rituale

Wie lebt Ägypten nach der gescheiterten Revolution? Der Journalist Peter Hessler hat für seine Grossreportage jahrelang in dem Land recherchiert.

Von Thomas Wagner

Ein Geschäft für Lingerie in der ägyptischen Provinz: Eine junge Frau – sie ist eine Braut – nimmt die dargebotene Reizwäsche aus chinesischer Billigproduktion in Augenschein. Sie trägt einen Hidschab, und auch ihre Oberbekleidung verrät, dass sie den traditionellen Kleidervorschriften folgt; in den eigenen vier Wänden darf es dann freizügiger zugehen. Für westliche Augen ungewohnt ist die Begleitung, die sie mitgebracht hat: Neben ihrer Mutter sind es die Brüder und weitere Verwandte beiderlei Geschlechts. Unangenehm scheint der Vorgang weder der jungen Braut noch sonst jemandem zu sein. Und er ist kein Einzelfall, wie der Reporter Peter Hessler bei seinen Ausflügen in die Welt geschäftstüchtiger chinesischer Damenunterwäscheverkäufer bald bemerkt.

2011 zieht der Journalist mit seiner Frau und den Zwillingstöchtern nach Kairo. Sie werden fünf Jahre bleiben. Seine Grossreportage «Die Stimmen vom Nil. Eine Archäologie der ägyptischen Revolution» zeigt, wie die Hoffnungen des Arabischen Frühlings schon nach kurzer Zeit einer resignierten Stimmung Platz machen. Hessler schildert die verschiedenen Regierungswechsel bis zur Machtübernahme durch Abdel Fattah al-Sisi, beschränkt sich aber nicht auf das politische Geschehen. Das Buch ist voller Geschichten, die tief hineinführen in die ganz eigenen Gesetze eines Landes, in dem – Islam hin oder her – der Glaube an übersinnliche Wesen wie Dschinns und an magische Rituale wie die Abwehr des bösen Blicks noch heute Teil der Alltagskultur sind – auch in einer Metropole wie Kairo.

Untiefen des Ehelebens

Wie nebenbei lernen wir, dass es Privatleute, oft AnalphabetInnen, sind, die als MüllsammlerInnen jenseits von staatlicher Planung verhindern, dass die chaotisch wirkende Metropole in ihrem eigenen Abfall versinkt. Stolze achtzig Prozent des Mülls werden recycelt. Aber die Arbeit ist schmutzig und gefährlich, eine Krankenversicherung haben die SammlerInnen nicht, von Renten- oder Pensionsansprüchen ganz zu schweigen. Ausserdem begleiten wir den Reporter zum Gespräch mit einem ehemaligen salafistischen Terroristen, der 25 Jahre im Gefängnis sass, weil er 1981 an der Ermordung des Präsidenten Muhammad Anwar as-Sadat beteiligt war. Über einen befreundeten Müllsammler lernt Hessler die Untiefen des ägyptischen Ehelebens kennen. Er trifft sich mit Archäologen an ihrer Arbeitsstätte, gibt Einblicke in 5000 Jahre ägyptische Geschichte und zeigt, wie WissenschaftlerInnen aus den ehemaligen Kolonialmächten bei ihrer Erforschung immer noch federführend sind.

In den ersten Monaten seines Aufenthalts mischt sich Hessler immer wieder unter die Protestierenden am Tahrir. Mit dabei ist sein Dolmetscher Manu, dem der Journalist ein eigenes Porträt widmet. Der in Port Said aufgewachsene junge Mann ist schwul und auch in Kairo wegen seiner sexuellen Orientierung bedroht. Er wird verprügelt und immer wieder bestohlen. Als ihn ein Spitzel an die Polizei verrät und diese ihn für 24 Stunden ins Gefängnis steckt, wird ihm klar, dass ein längerer Aufenthalt in einem ägyptischen Knast für ihn die Hölle bedeuten würde. Aber so unvermittelt, wie Manu festgenommen wird, kommt er auch wieder frei. Ein Polizeistaat, wird Hessler klar, ist nicht unbedingt ein Staat, der alles unter Kontrolle hat, sondern einer, in dem es viele PolizistInnen gibt.

«Ich bin schwul»

Für Manu steht fest, dass er Ägypten verlassen muss, wenn es eine sichere Zukunft für ihn geben soll. Gelegentlich interviewt er für den Korrespondenten des «Guardian» Flüchtlinge aus Libyen oder Syrien, die von Ägypten übers Mittelmeer nach Europa zu kommen hoffen. Für ihn steht fest, dass er diesen Weg nicht gehen will. Manu verkauft seine Wohnung, macht kurze Auslandsreisen in Länder, für die ÄgypterInnen problemlos ein Visum erhalten: Zypern, Südafrika, die Türkei. All das wegen der Stempel, die ihn als Vielreisenden ausweisen sollen. 2016 erhält er von einer LGBT-Gruppe die Einladung zu einer Diskussionsrunde in Berlin; die deutsche Botschaft stellt ihm ein Visum aus. Nach der Diskussion bereitet er mit Hilfe der Schwulenberatung seinen Asylantrag vor.

Als der Tag seines Rückflugs kommt, begibt er sich zum Flughafen Tempelhof, der zum Registrierzentrum für Flüchtlinge umfunktioniert wurde, und beantragt Asyl. Dabei sagt er zum ersten Mal gegenüber einem Behördenvertreter die Worte: «Ich bin schwul.» Aus der Ferne unterstützt ihn Hessler, der mittlerweile zum Freund geworden ist, mit einem Brief, in dem er alles schildert, was er über Manus gefährliche Situation in dessen Heimatland weiss. Manus Asylantrag wird stattgegeben; heute lebt er in Berlin. Im Sommer geniesst er den bewölkten Himmel, der die Farben intensiver erscheinen lässt als das gleissende Sonnenlicht in Ägypten. Heimweh hat er im Winter, wenn er in die depressiv verstimmten Gesichter der PassantInnen schaut.

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