Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

Nicht alle werden geschützt

Geflüchtete, Obdachlose, Gefangene: Für die ohnehin Prekarisierten verschärfen sich die Lebensumstände durch das Coronavirus zusätzlich.

Von Michael Braun, Rom

Dürfen vielleicht bald in den Hausarrest: Protestierende Insassen auf dem Dach des Poggioreale-Gefängnisses in Neapel. Foto: Salvatore Laporta, Getty

Es ist ein drastischer Einschnitt für die sechzig Millionen Menschen in Italien. Seit Donnerstag vor einer Woche gilt auf Anordnung der Regierung für sie alle: «Io resto a casa» (Ich bleibe zu Hause). Aber noch drastischer ist der Einschnitt für jene Zehntausende, die dem behördlich verordneten Hausarrest gar nicht Folge leisten können, weil sie gar nicht «zu Hause» sind, weil sie etwa auf der Strasse leben oder als Häftlinge im Gefängnis einsitzen.

Kaum Abstand möglich

So etwa Geflüchtete: Jene mit etwas Glück haben einen Platz in einem SPRAR, einer der kleinen, auf zwanzig oder dreissig Personen ausgelegten, vom Innenministerium finanzierten Asylunterkünfte. Doch schon die Unterbringung in Mehrbettzimmern schafft ebenso Probleme wie das Beisammensein im Speisesaal fürs Mittag- oder Abendessen. Auf Abstand gehen, wie die Regierung es will, ist da kaum möglich. «Wir haben die Betten so weit auseinandergerückt, wie es geht», sagt eine Mitarbeiterin eines SPRAR in Rom, die anonym bleiben möchte. «Aber es wurde bisher schier nichts getan – weder zu unserem Schutz noch zum Schutz der Geflüchteten.» So habe etwa niemand daran gedacht, die Einrichtung mit Schutzmasken und Desinfektionsmittel auszustatten. «Wir haben das Gefühl, wir werden hier völlig allein gelassen», bilanziert die Betreuerin bitter.

Noch verheerender ist indes die Situation jener Geflüchteten, die gar keine Unterkunft haben. Gleich hinter dem Bahnhof Tiburtina in Rom campieren Dutzende Menschen aus Westafrika, aus Afghanistan oder Tunesien. Der private Verein Baobab leistet Unterstützung vor Ort, er lebt allein vom Engagement freiwilliger HelferInnen. Bis letzte Woche konnte Baobab den Geflüchteten wenigstens eine warme Mahlzeit garantieren. Jetzt musste der Verein die Versorgung umstellen – auf hygienisch in Tüten verpackte Brötchen, Thunfischkonserven und Mineralwasserflaschen. Auch Andrea Costa, Koordinator des Baobab, fühlt sich allein gelassen: «Unsere Helfer und die von uns betreuten Flüchtlinge brauchen Schutzmasken. Doch wir haben nur das, was wir selbst auftreiben können.»

Auf den verwaisten Strassen

Auch die ohnehin prekären Lebensumstände der etwa 55 000 Obdachlosen in Italien verschärfen sich nun zusätzlich. Einer von ihnen, ein Mann aus der Ukraine, wurde letzte Woche in Mailand von einer Polizeistreife mit einer Geldbusse belegt, weil er sich nicht an die Verfügung «Ich bleibe zu Hause» gehalten habe. Das löste Kopfschütteln im ganzen Land aus, die Busse wurde zurückgezogen, die Polizei sprach von «übereifrigen Beamten».

Für die Obdachlosen ist der Slogan ein anderer. Wie es ein Mitarbeiter der Caritas formuliert: «Ihr Hashtag lautet vielmehr ‹Ich würde gern zu Hause bleiben›.» Stattdessen finden sie sich völlig allein in verwaisten Innenstädten wieder und können sich nicht einmal mehr die paar Euro erbetteln, die sie für das Nötigste brauchen. Auch das Hilfsangebot für Obdachlose ist deutlich ausgedünnt: In Mailand etwa kümmerten sich bis vor wenigen Tagen sieben Vereine darum, die Menschen auf der Strasse mit Essen zu versorgen. Zwei sind übrig geblieben, die anderen mussten ihre Aktivität einstellen, weil ihnen die HelferInnen abhandenkommen – insbesondere die oft älteren Menschen, die nun besser kein Infektionsrisiko eingehen.

Streiks, Proteste und Revolten

In zahlreichen Fabriken kam es vergangene Woche zu spontanen Streiks und Protesten, weil die ArbeiterInnen um ihre Gesundheit fürchteten. Und in den chronisch überfüllten Gefängnissen kam es gar zu Revolten: Die Situation der rund 60 000 Gefangenen ist ebenfalls prekär. Oft müssen sich acht InsassInnen eine Zelle teilen – «ein Meter Mindestabstand», wie es die Regierung von ihren BürgerInnen fordert, lässt sich da nie und nimmer einhalten. Als eine der ersten Massnahmen gegen die Verbreitung des Virus beschloss die Regierung, alle Haftbesuche für Häftlinge auszusetzen. Und während alle anderen Notstandsmassnahmen erst mal auf den 25. März und den 3. April terminiert waren, hiess es hier: Häftlingsbesuche sind gleich bis zum 31. Mai ausgesetzt.

Angesichts der düsteren Perspektive, unter für das Virus äusserst freundlichen Bedingungen in den Zellen zusammengepfercht zu sein, zugleich aber auch auf jeden Aussenkontakt ausser Telefonaten verzichten zu müssen, reagierten die Häftlinge sofort. Tausende beteiligten sich an Revolten in insgesamt fünfzig Gefängnissen des Landes, zündeten Bettlaken und Matratzen an, verwüsteten zum Beispiel die Justizvollzugsanstalt von Modena komplett. Dabei starben neun Gefangene mutmasslich an einer Methadonüberdosis aus der geplünderten Gefängnisapotheke. Im süditalienischen Foggia kam es zu einem Massenausbruch von etwa siebzig Häftlingen. Ende letzter Woche befanden sich noch sechs der Gefangenen auf freiem Fuss.

In gewöhnlichen Zeiten hätte diese Massenrevolte ein ungeheures Medienecho ausgelöst – doch Italien ist völlig im Bann des Coronavirus. Nach nur zwei Tagen sprach keine Zeitung, kein TV-Sender mehr von dem Aufstand. Die Regierung will jetzt mit einer Massnahme etwas Erleichterung schaffen: Weit stärker als bisher soll auf elektronische Fussfesseln zurückgegriffen werden, um Häftlinge in den Hausarrest entlassen zu können.

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