Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Filmriss in Paris

Die «Cahiers du cinéma» im Würgegriff der Filmbranche? Aus Protest gegen die neuen Besitzer hat gleich die ganze Redaktion gekündigt.

Von Marc Zitzmann, Paris

Die «Cahiers du cinéma», gegründet 1951 in Paris, sind die bekannteste Filmzeitschrift der Welt. Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Éric Rohmer und François Truffaut zählten zu ihren frühen Redaktoren, bevor sie die Seite wechselten und zu Hauptvertretern der Nouvelle Vague wurden. Doch jetzt, ein Jahr vor seinem 70. Geburtstag, ist das Heft nur noch eine leere Hülle: Ende Februar hat die gesamte Redaktion demissioniert. Grund für diese kollektive Kündigung: Das Blatt war kurz zuvor von einer zwanzigköpfigen Investorengruppe aufgekauft worden. Deren Profil ist gemäss den Zurückgetretenen unvereinbar mit der Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit.

Zum einen finden sich unter den Käufern acht Film- und Fernsehproduzenten. Die Redaktion der «Cahiers» weigere sich, unter deren Schirmherrschaft zu arbeiten, schreibt der langjährige Chefredaktor Stéphane Delorme in seinem mit «The End» überschriebenen Abschiedsartikel: «Allein die Tatsache, dass Produzenten die Zeitschrift besitzen, trübt die Rezeption von Filmen und nährt einen berechtigten Verdacht auf Befangenheit.» Es wirkt tatsächlich ein wenig so, als hätten Gastwirte einen Restaurantführer gekauft. Des Weiteren vertraten die RedaktorInnen der «Cahiers» dezidiert linke, antimacronistische Positionen, derweil etliche der neuen Besitzer Frankreichs Präsidenten weltanschaulich oder gar beruflich nahestehen.

Staatsgeld für Netflix

Das gilt namentlich für den Unternehmer Frédéric Jousset, der 2018 von der damaligen Kulturministerin mit der Entwicklung des «Pass culture» betraut worden war. In diesem umstrittenen Programm, das noch immer in der Testphase steht, erhält jede Französin und jeder Franzose bei Erreichen der Volljährigkeit 500 Euro für Ausgaben im Kultursektor gutgeschrieben. Viele fürchten, dass so jährlich Hunderte Millionen Euro an Staatsgeldern in den Taschen von Netflix, Spotify und Co. landen.

Stéphane Delorme hatte unlängst einen flammenden Leitartikel gegen den «Pass culture» geschrieben, weil dieser das unabhängige Kulturangebot aussen vor lasse: «Die ‹Cahiers du cinéma›, der kleine Zeitungskiosk, der leidenschaftliche Buchhändler ums Eck oder das Programmkino können krepieren!» Nun also steht Jousset, der Entwickler des «Pass culture», Aktionär der «Cahiers», an der Seite von Millionären aus der Privatbank- oder Telekombranche, die es gewiss nicht goutieren, wenn sich die Zeitschrift für die Gelbwesten oder gegen Macrons Kultur- und Kommunikationsminister starkmacht.

Doch sind die neuen Besitzer durchaus glaubhaft, wenn sie beteuern, dass sie die «Cahiers» aus Bewunderung für deren glanzvolle Geschichte gekauft hätten – und mit dem Vorsatz, das Image des Hefts aufzupolieren. Niemand erwirbt eine Filmzeitschrift, die nur noch 12 000 Exemplare pro Monat absetzt, um sie als Sprachrohr für eigene Botschaften zu missbrauchen. Auch ist es richtig, dass der vorherige Besitzer, der Londoner Kunstbuchverleger Richard Schlagman, der Redaktion zwar nie dreinredete, dafür aber den Filmbuchverlag – das zweite Standbein der «Cahiers» – schloss und die Investitionen peu à peu einstellte. Es gibt also viel Wiederaufbauarbeit zu leisten.

Chic und gastlich

Doch die neuen Aktionäre haben die Belegschaft mit vorlauten Verlautbarungen vor den Kopf gestossen. So wollen sie eine Vertreterin des französischen Regieverbands zur Generaldirektorin ernennen, die Zeitschrift selber will man in ein «schickes, gastliches» Blatt mit Fokus auf das französische Kino verwandeln. Nichts davon, so Delorme sarkastisch, habe je auf die «Cahiers» zugetroffen.

Tatsächlich passen diese Ankündigungen schlecht zur Geschichte der «Cahiers». Deren Geradlinigkeit sollte man aber auch nicht überzeichnen: Das Heft begann im Zeichen der Ausgeglichenheit, ehe die Jungen der Nouvelle Vague in seinen Spalten gegen die «qualité française» polemisierten. In den frühen 1970er Jahren machten diese maoistischen Sektierern Platz, die ihrerseits den grossen Förderern der Filmkunst, Serge Daney und Serge Toubiana, wichen, bevor die Zeitschrift zwischen 1998 und 2008 dem Imperium von «Le Monde» einverleibt wurde. So mag, was Delorme «The End» nannte, auch bloss der x-te Neuanfang sein.

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