Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Bis sich der Körper wehren kann

Wer das neue Coronavirus Sars-CoV-2 in sich trug, soll danach immun sein. Stimmt das tatsächlich – und wie zuverlässig hält diese Immunität?

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Noch gibts keine Impfung: Die blaue Zelle ist mit roten Sars-CoV-2-Viruspartikeln infiziert (Aufnahme mit dem Rasterelektronenmikroskop). Foto: Handout, NIAID / National Institutes of Health, Keystone

Sie sind die neuen Shootingstars unter den wissenschaftlichen ExpertInnen: VirologInnen wie Christian Drosten von der Berliner Charité, der in einem Podcast des Norddeutschen Rundfunks täglich verschiedene Aspekte der Coronapandemie erklärt und einordnet. Vor ein paar Tagen referierte er einen Tierversuch aus China, bei dem man vier Rhesusaffen mit Sars-CoV-2 infizierte, um drei von ihnen dann erst vollständig genesen zu lassen, bevor man sie erneut infizierte. Keiner der drei erkrankte erneut. Eine ethisch problematische Untersuchung – jedoch mit einem Resultat, das hoffen lässt: Gilt auch für Menschen, dass sie nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 immun sind? Und ist diese Immunität von Dauer?

Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich Benjamin Meyer, Virologe an der Universität Genf. «Bei den bereits bekannten Coronaviren weiss man, dass eine Immunität ungefähr zwei Jahre anhält», sagt er. «Danach ist es grundsätzlich möglich, sich wieder zu infizieren, wobei eine solche Sekundärinfektion vermutlich meist deutlich milder verläuft.» Gilt das auch für das neue Coronavirus Sars-CoV-2? Immerhin hat China von Personen berichtet, die sich ein zweites Mal angesteckt haben.

Meyer weist darauf hin, dass aus diesen Berichten nicht klar hervorgeht, wie hoch die Virenlast bei den erneut positiven Tests war. Der üblicherweise verwendete Test identifiziert genetisches Virusmaterial im Rachen. Dort lässt sich das Virus noch Wochen nach einer Infektion nachweisen. Weil die Virenlast nach einer Erkrankung mit der Zeit abnimmt, lässt auch die Zuverlässigkeit dieses Tests nach. Je nach Ort im Rachen, wo man den Abstrich vornimmt, sind noch Viren vorhanden oder eben nicht mehr. «Deshalb kann jemand, der zuerst negativ getestet worden ist, bei einem zweiten Test ein paar Tage später wieder positiv getestet werden», sagt Meyer und ergänzt mit Blick auf die Fälle aus China: «Das muss nicht bedeuten, dass sich die Person ein zweites Mal angesteckt hat.»

Spezielle Antikörper

Grundsätzlich lässt sich Sars-CoV-2 auf zwei Arten nachweisen. Der Rachenabstrich ist ein sogenannter Antigentest – er identifiziert das Virus direkt. Beim Antikörpertest wird das Virus indirekt über Antikörper im Blut nachgewiesen. Diese werden als Reaktion auf Viren gebildet. Im Fall von Sars-CoV-2 produziert unser Körper erst nach sieben bis zwölf Tagen eine solche Immunantwort. Ein Antikörpertest eignet sich deshalb nicht, um Infizierte frühzeitig zu identifizieren. Er ist hingegen für epidemiologische Studien wichtig, die untersuchen, wie hoch der Anteil an Personen in einer Bevölkerung ist, die bereits eine Infektion durchgemacht haben und immun sind.

Wobei Antikörper alleine noch keine Immunität garantieren – sie erkennen zwar das Virus, können es jedoch nicht davon abhalten, in die Zellen einzudringen und dort eine Entzündung hervorzurufen. Um ein Virus tatsächlich auszuschalten, muss eine spezialisierte Form von Antikörpern aktiv werden, sogenannte neutralisierende Antikörper. Sie lassen sich nach einer Infektion noch bis zu zehn Jahre lang im Blutserum nachweisen, wobei ihre Zahl und damit auch die Immunität mit der Zeit sinkt.

Im Fall von Sars-CoV-2 bilden offenbar nicht alle Infizierten solche neutralisierenden Antikörper aus. Zumindest berichtet Drosten von mehreren Fällen unter den früh an Covid-19 Erkrankten aus München, die nach ihrer Genesung keine neutralisierenden Antikörper im Blut hatten. Er vermutet, dass sie wieder gesund wurden, weil andere Immunreaktionen, etwa im zellulären Immunsystem, das Virus bekämpften. Auch sie dürften immun gegen Sars-CoV-2 machen, vermutet Meyer. «Genaueres müssen aber langfristige Studien zeigen.»

Für nachhaltigen Impfschutz

Neutralisierende Antikörper spielen eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Impfstoffen. Aktuell versuchen verschiedene Biotechfirmen, sie aus Blutspenden von Covid-19-Genesenen zu isolieren und daraus sogenannte mono- oder polyklonale Antikörper herzustellen. Diese würden eine passive Immunisierung ermöglichen. Eine solche hält aber nur wenige Wochen an und bewirkt bestenfalls, dass eine infizierte Person nicht so rasch und heftig erkrankt – Drosten und Meyer sind beide eher skeptisch.

Für einen nachhaltigen Impfschutz braucht es eine aktive Immunisierung, bei der das Immunsystem zur Ausbildung möglichst vieler neutralisierender Antikörper provoziert wird. Das lässt sich nur mit einem Impfstoff erreichen, der das Virus in abgeänderter Form enthält: entweder als noch aktives Virus, das sich im Körper vermehrt – wie etwa bei Masern –, oder in der Form einzelner Proteine des Virus, die selbst nicht vermehrungsfähig sind. Ein Beispiel dafür ist die saisonale Grippeimpfung. In ihrem Fall muss der Impfstoff jedes Jahr wieder neu angepasst werden, weil Influenzaviren rasch mutieren und dabei ihre Eigenschaften ändern.

Auch Coronaviren mutieren. «Trotz dieser Mutationen sind sie relativ stabil», sagt Benjamin Meyer. «Ein dereinst verfügbarer Impfstoff sollte das Sars-CoV-2 deshalb auch längerfristig neutralisieren können – vorausgesetzt, seine Qualität ist hoch.»

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