Nr. 15/2020 vom 09.04.2020

Verklebte Partikel, riskante Abkürzungen

Das Wettrennen um einen Impfstoff gegen Covid-19 ist in vollem Gang. Noch ist nicht abzuschätzen, ob dabei die Beste gewinnt – oder einfach der Schnellste.

Von Ulrike Baureithel

Jahrzehntelang waren sie die vernachlässigten Stiefkinder der pharmazeutischen Industrie – doch seit das neue Coronavirus die Welt in Angst und Schrecken versetzt, ist der Markt für Impfstoffe plötzlich wieder attraktiv.

Inzwischen beteiligen sich nicht nur Forschungsinstitute am Wettlauf um ein Serum, sondern auch Biotechunternehmen, die das grosse Geschäft wittern. Weltweit dürften mittlerweile an die sechzig Anbieter in dieses Rennen eingestiegen sein. Aus der Schweiz mit dabei: das Team von Martin Bachmann von der Uni Bern, das in einer Kooperation mit chinesischen KollegInnen an einer Impfung mit virusartigen Partikeln forscht, und der Basler Immunologe Peter Burkhard, der seinen im Privatlabor designten Impfstoff sogar im Selbstversuch testet.

Die Entwicklung von Impfstoffen ist ein langwieriges und teures Geschäft. Sie war von Anfang an eine Geschichte von Versuch und Irrtum, wie die Experimente des Landarzts Edward Jenner im 18. Jahrhundert zeigen. Er hatte beobachtet, dass Menschen, die sich mit Kuhpocken infiziert hatten, nicht an Pocken erkrankten. Darauf impfte er seine PatientInnen – aus heutiger Sicht ein Menschenexperiment – mit Kuhpocken: Sie blieben gesund. So verlieh die Kuh, lateinisch vacca, dieser neuen medizinischen Intervention den Namen: Vakzin.

Auch beim alljährlich hergestellten Grippeimpfstoff handelt es sich um eine versuchsweise Annäherung. Gelingt die Zusammensetzung weniger gut, können Grippeepidemien folgen wie in der Saison 2017/18. Und verunreinigte Impfstoffe haben immer wieder zu dramatischen Unfällen geführt, wie 1930 in Lübeck, wo 208 von 256 gegen Tuberkulose geimpfte Babys erkrankten und 77 daran starben.

Impfstoff aus dem Drucker

Grundsätzlich lassen sich Impfstoffe nach der Art ihrer Herstellung unterscheiden. Bei Lebendimpfstoffen werden abgeschwächte Viren, sogenannte Vektorviren, verwendet. Ihnen werden Bestandteile des zu bekämpfenden Virus eingebaut, im Fall von Sars-CoV-2 das Spike-Protein, das die Aussenhülle des Virus bildet. Das Vakzin täuscht dem Körper eine Infektion vor, auf die der mit der Produktion von Antikörpern reagieren soll, sodass er im Falle einer tatsächlichen Infektion geschützt ist. Dieses Ziel verfolgt man auch bei der Entwicklung von Totimpfstoffen. Man verwendet dazu abgetötete Viren, wie es etwa Martin Bachmanns Team am Inselspital in Bern tut: Aus dem Spike-Protein wird ein kleiner Bestandteil isoliert, im Labor vermehrt, mit inaktiven Virenpartikeln «verklebt» und eingespritzt.

Um die Bildung von Antikörpern geht es auch bei der derzeit innovativsten der Impfstrategien, der genbasierten Methode. Sie greift nicht mehr auf das Virus selbst zurück, sondern nur noch auf dessen Bauanleitung, die RNA. Möglich gemacht haben dies chinesische ForscherInnen, die das gesamte Erbgut von Sars-CoV-2 entschlüsselt und ins Netz gestellt haben. Das Prinzip: Man schleust Teile der Viren-RNA, sogenannte mRNA, in den Körper. Dort werden sie von den Zellen aufgenommen. Diese produzieren darauf in mehreren Schritten ein Protein, das den Körper zur Bildung von Antikörpern anregen soll. Der grosse Vorteil dieses Verfahrens ist, dass der Impfstoff nicht mehr wie bisher aufwendig in Hühnereiern herangezüchtet werden muss, sondern sich mittels lokal stationierter RNA-Drucker schnell und in grossen Mengen produzieren lässt.

Am weitesten mit der Entwicklung eines solchen Coronavakzins ist das US-Unternehmen Moderna Pharmaceuticals. In den kommenden Wochen testet es das neuartige «mRNA 1273» an 45 freiwilligen PatientInnen. Eine erste Probandin hat sich Ende März das Serum verabreichen lassen. Aber auch in Europa, insbesondere in Deutschland, arbeiten mehrere Firmen an dieser Methode. Die Mainzer Firma Biontech, die mit einem chinesischen Unternehmen kooperiert, hat für April erste Tests am Menschen angekündigt.

In Tübingen ist es das Start-up-Unternehmen Curevac, das auch über einen RNA-Drucker verfügt und in der Lage wäre, Millionen von Impfstoffdosen herzustellen. Curevac ist kürzlich in die Schlagzeilen geraten, weil US-Präsident Donald Trump den künftigen Impfstoff exklusiv für den amerikanischen Markt aufkaufen wollte. Das wurde vom Mehrheitseigner, dem SAP-Gründer Dietmar Hopp, allerdings abgelehnt.

Standards werden gesenkt

Die klinische Phase, in der ein Impfstoff an Menschen getestet wird, ist nach der Entwicklung des Impfstoffdesigns und den Tierversuchen die kritischste und längste Phase bei der Zulassung: Wie wirksam ist der Impfstoff, wie verträglich? Ist mit möglichen Spätfolgen zu rechnen? Aufgrund der aktuellen Ereignisse gerät die seriöse Abklärung dieser Fragen immer stärker unter Druck. Bereits werden Stimmen laut, die darauf drängen, das Verfahren zu verkürzen. «Bei der Suche nach Impfstoffen», sagte Ende März etwa der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Matthias Kleiner, «sollten Forscher bestehende Regeln auch mal infrage stellen» und sich unter Umständen «auch mal darüber hinwegsetzen».

Der deutsche Chefvirologe Christian Drosten warnte in der «Zeit», dass Regularien ausser Kraft gesetzt und Standards gesenkt, dass auch «nicht gut ausprobierte Impfstoffe» verabreicht werden könnten. Er verweist ausserdem darauf, dass die Versuche mit Affen ethische Probleme aufwerfen. Die Furcht, dass beschleunigte Testprozesse mit unübersehbaren Risiken verbunden sein könnten, treibt auch die deutsche Forschungsministerin Anja Karliczek um: «Wir können es nicht verantworten, unabdingbare Standards abzusenken.»

Viele ExpertInnen reagieren skeptisch auf die optimistischen Szenarien von Moderna Pharmaceuticals oder Curevac, die bereits auf den kommenden Herbst einen Impfstoff ankündigen. Stephan Becker etwa, der das Marburger Institut für Virologie leitet, schätzt, dass es noch ein Jahr dauern wird, bis ein Impfstoff zugelassen ist und auf den Markt kommt. «Frühstens im Frühjahr 2021», sagt auch Lothar Wieler vom Berliner Robert-Koch-Institut.

Es geht auch ums grosse Geld

Der Wettlauf um einen Impfstoff gegen Covid-19 wird nicht nur von altruistischen Motiven befeuert – es geht ums grosse Geld. Auch viele WissenschaftlerInnen, die an öffentlichen Institutionen forschen, sind mit einer eigenen Firma am Start oder mit privaten Unternehmen assoziiert, die mitmischen. Denn wer in diesem Wettstreit am Ende die Nase vorne hat, kassiert ein Vielfaches der eingesetzten Mittel. Nachdem sich lange nur noch vier grosse Pharmakonzerne – Glaxo-Smith-Kline, Sanofi, Merck und Pfizer – am Impfstoffgeschäft beteiligten, hoffen nun die kleineren Biotechfirmen auf ihre Chance.

Viele von ihnen werden über die internationale Impfallianz CEPI mitfinanziert, die auch von Regierungen mitgetragen wird. Die CEPI allerdings hat in den vergangenen Jahren ihre Förderungskriterien immer weiter gesenkt, die Unternehmen können ihre Produkte inzwischen nach Belieben vermarkten. So bezahlen die PatientInnen unter Umständen drei Mal: für die Grundlagenforschung, für das Marketing der Firmen und für den Impfstoff. Wenn es eine Lehre aus der Coronapandemie gibt, dann die, dass global überlebenswichtiges Wissen – und dazu gehören Impfstoffe – allen gehört.

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