Nr. 46/2020 vom 12.11.2020

Und immer die Angst vor dem Unvorstellbaren

Die Zahl der Covid-19-PatientInnen auf den Intensivstationen steigt, doch es fehlt das Personal, das sie betreuen könnte. Eine Intensivpflegerin erzählt anonym aus ihrem Corona-Alltag – und warum sie jetzt gekündigt hat.

Aufgezeichnet von Cigdem AkyolMail an AutorIn

Nur kurze Anweisungen zwischen Tür und Angel: Pflegende auf den Covid-Stationen finden keine Zeit, mit KollegInnen über die Belastung zu sprechen. Foto: Jean-Christophe Bott, Keystone

«Nach vierzehn Jahren als Expertin für Intensivpflege auf einer Intensivstation in derselben Klinik habe ich jetzt inmitten der Coronapandemie gekündigt. Um mich selbst psychisch und physisch zu schützen, gebe ich meine wichtige Arbeit auf. Eigentlich liebe ich meinen Job, deshalb ist der Ausstieg jetzt eine sehr prägende Situation für mich. Doch während der ersten Welle bin ich an einen Punkt gekommen, an dem ich so nicht mehr weiterarbeiten wollte.

Zu Beginn der Pandemie war ich in den Ferien. Als ich Anfang März ins Spital zurückkam, herrschte der Ausnahmezustand. So etwas habe ich zuvor noch nie erlebt, es war eine unheimliche Zeit, wir wussten nicht, was auf uns zukommt. Alles war in Bewegung gesetzt worden, um die erwartete erste Welle zu bewältigen. So wurden ehemalige Mitarbeiter mobilisiert, eine Kollegin kam sogar von einer Weltreise zurück. Die Bettenkapazität wurde erhöht, Material und Beatmungsgeräte wurden angeschafft, neues Personal musste geschult werden – dabei braucht man für eine intensivmedizinische Versorgung eine mehrjährige Ausbildung. Zeitgleich kamen die ersten Covid-Patienten zu uns. Ein Unbehagen machte sich in mir breit, wir kannten das Virus zu dieser Zeit nicht. Die Situation im Team war angespannt, aber wir halfen uns gegenseitig. Einer meiner ersten Coronapatienten war eine Frau, Mitte dreissig, Mutter von zwei Kindern. Sie hatte keinerlei Vorerkrankungen und erlebte einen sehr schweren Verlauf. Es war erschreckend zu sehen, dass so ein junger Mensch so heftig von dieser Krankheit getroffen wurde. Sie hat sich dann aber innerhalb einer Woche so weit erholt, dass sie die Intensivstation verlassen konnte.

Die Bilder aus Italien haben mir Angst gemacht, ich dachte, genau dasselbe könnte uns passieren. Normalerweise dauert eine Schicht auf der Intensivstation achteinhalb Stunden, während der ersten Welle aber galt das Arbeitsgesetz für uns nicht mehr, wir hatten Zwölfstundenschichten. Über drei Monate hindurch arbeiteten wir mit der Angst vor dem Unvorstellbaren: dass wir Patienten würden abweisen müssen, dass wir den Menschen nicht mehr helfen können, weil wir keine Kapazitäten mehr haben. Zu sehen, dass genau das in unseren Nachbarländern geschehen ist, hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Furcht um mein eigenes Leben hatte ich nicht, aber um das Leben meiner Eltern. Wenn ich unsere Patienten angesehen habe, dachte ich immer, das könnten auch meine Eltern sein. Bei der Arbeit haben wir wenig über die Belastung gesprochen, sondern einfach nur noch funktioniert.

Was für ein Mensch liegt da vor mir?

Während der drei Monate mit diesen langen Schichten bekam ich Schlafstörungen und hatte körperliche Beschwerden, obwohl ich sehr sportlich bin. Ich arbeitete drei bis vier Nachtschichten hintereinander – die fingen um sieben Uhr am Abend an und endeten um acht Uhr in der Früh. Das stundenlange Stehen an den Betten, die Betreuung Schwerstkranker, immer konzentriert sein und das Zusehen dabei, wie die Covid-Patienten körperlich zerfielen, das habe ich nicht mehr ausgehalten. Die Menschen verloren an Muskelmasse, sie wurden immer dünner und die Finger knochiger, und die Hornhaut löste sich ab. Die Patienten lagen bis zu sechzehn Stunden auf dem Bauch, tief sedierte Personen, die ständig kontrolliert beatmet werden mussten. Ich wusste ja überhaupt nicht, was für ein Mensch da vor mir lag. Weil es einen Besuchsstopp gab, kannte ich die Angehörigen nicht und hatte keinerlei persönliche Informationen über dieses Wesen vor mir, wessen Vater, Mutter oder Partner es war. Dabei war die Betreuung der Angehörigen auf der Intensivstation vor Corona für mich von grosser Bedeutung, darin konnte ich wachsen, und es half dabei, auch den Patienten besser helfen zu können.

Die Arbeit mit Covid-19-Betroffenen ist eine sehr einsame Angelegenheit. Wir waren auch Seelsorgerinnen, pflegten übers Telefon Kontakt zur Familie, die sich nicht vorstellen konnte, wie es ihren Liebsten eigentlich ging. Diese Leute haben mir auch so wahnsinnig leidgetan, was eine zusätzliche Belastung war. Es ist unglaublich schwierig, die verschiedenen Rollen als Pflegefachfrau und Betreuerin der Angehörigen auszufüllen. Obwohl ein starkes Teamgefühl entstanden war, haben wir auch darüber in der Gruppe kaum gesprochen, wir haben einfach gearbeitet.

Aber nicht nur die Länge der Schichten, auch die Arbeit in der Schutzkleidung und die Angst, ich könnte mich selber anstecken und das Virus weiterreichen, waren belastend. Ich habe noch nie zuvor solche Krankheitsverläufe gesehen, dass zum Beispiel innerhalb von Minuten Blutdruckschwankungen stattfinden können, die zu sehr instabilen, unberechenbaren Situationen führen. Es gibt viele Covid-Patienten, die über Wochen bis Monate auf der Intensiv liegen, und ihre Perspektive ist ungewiss. Am Anfang gab es eine Sensationsgeilheit der Medien und auch der Ärzte, aber irgendwann hat sich niemand mehr für die Menschen interessiert. Das hat mich alles hinterfragen lassen.

Zwar ist das Horrorszenario für uns ausgeblieben, was ein grosses Glück war, aber dies hat auch ein Vakuum erzeugt. Vieles, was wir aufgebaut hatten, konnten wir nicht nutzen. Im Sommer fielen unsere Anspannung und Ängste, und wir fielen mit, in ein tiefes Nichts. Schlimm waren die Bilder von den Hygienedemos, wie die Menschen ohne Schutz nahe beieinander standen, das ist respektlos der Bevölkerung gegenüber, das macht mich wütend und traurig. Und es ist einfach nur dumm!

Im Sommer durften wir Urlaub nehmen, und an meinem ersten Ferientag habe ich dann meine Kündigung eingereicht. So etwas wie die erste Welle will ich nie wieder erleben. Es gab keine Veränderungen, keine Aussicht auf Verbesserungen unserer Arbeitsumstände, und ich musste mich jetzt um meine eigene Gesundheit kümmern.

Kurze gesellschaftliche Anerkennung

Das Klatschen auf den Balkonen war eine Aufmerksamkeit, die die Pflege so nie zuvor von der Bevölkerung erhalten hat. Aber mittlerweile ist die Solidarität verschwunden, die Leute sind mit sich selber beschäftigt. Wir erhalten jetzt keine Aufmerksamkeit mehr, obwohl die Situation nun viel schlimmer ist. Heute werde ich total aggressiv, wenn ich an das Geklatsche denke. Denn auf politischer Ebene ist nichts geschehen, das ertrage ich nicht mehr. Der Personalmangel lässt sich so schnell natürlich nicht lösen. Die ständerätliche Gesundheitskommission findet keine Mehrheit für konsequente Massnahmen gegen den Mangel an Pflegepersonal. Die Kantone werden nicht verpflichtet, Ausbildungsbeiträge an angehende Pflegefachpersonen zu leisten. Es fehlen Verbesserungen unserer Arbeitsbedingungen, und wir haben überhaupt keinen Pflegebonus bekommen, es gab lediglich Schokolade.

Das ist sehr ernüchternd, und ich kann damit sehr schlecht umgehen – weil wir jetzt sehen, welche Auswirkungen diese Versäumnisse haben: Noch viel mehr Menschen werden aus dem Beruf aussteigen, dabei haben wir schon lange zu wenig Personal. Meine Berufsgruppe ist gefragter denn je, aber wir sind auf dem Arbeitsmarkt rar geworden, ich habe viele Kolleginnen und Kollegen aussteigen sehen, oder sie arbeiten in Teilzeit. Jetzt haben wir auf unserer Station schon wieder einen Höchststand an Covid-Patienten, und die Infektionszahlen steigen weiter an.

Ich bekomme fast täglich Nachrichten vom Betrieb. Da wird gefragt, wer kurzfristig den Abend oder den Nachtdienst übernehmen könne, weil wir die Bettenkapazität erhöhen müssen. Und es gibt schon wieder Aufrufe zum Ferienstopp, zum Einspringen und zur Erhöhung des Pensums. Im Frühling hatten wir sehr viel zusätzliches Personal mobilisiert, aber da waren die Betten nicht ausgelastet. Jetzt sind die Betten nahezu voll, und wir sind nicht parat, auch mental nicht, das Personal ist erschöpft. Auch ich bin müde. Ich kann nun gehen und weiss, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Aber ich mache mir Sorgen um meine Kollegen. Es wird ein langer Winter.»

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