Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Unbehagliche Hausmusik

Von Benedikt Sartorius

Im Sommer 2018 brannte der Wald in der kanadischen Provinz British Columbia, wie das nicht nur dort wegen der Klimakatastrophe immer öfter passiert. Die Rauchentwicklung war in jenem Sommer derart stark, dass sich die Menschen in ihren Häusern einschliessen mussten, um nicht zu kollabieren. Oder sie siedelten temporär an einen Ort um, an dem die Auswirkungen dieser Naturkatastrophe weniger stark zu spüren waren.

So machte es auch der kanadische Musiker Ian William Craig, der für die Aufnahmen seines neuen Albums das ehemalige Wohnhaus seines dementen Grossvaters aufsuchte. Nur um wenige Tage später den Tod des Familienmitglieds betrauern zu müssen: Die Lungen des Grossvaters waren dem Rauch nicht mehr gewachsen.

Auf «Red Sun through Smoke» sind diese Erschütterungen hörbar – etwa dann, wenn die Kassettenloops zu monströsen Verzerrungen und Drones anwachsen. So klingen also die Sounds einer Welt, die am Zerfallen ist – ähnlich wie dies William Basinski in seinen «Disintegration Loops» gemacht hat, als man zuhören konnte, wie sich die Tonbänder selber ausleiern. Bis zur Auslöschung.

Trotz der Endzeitstimmung ist «Red Sun through Smoke» aber auch ein warmes, sehr menschliches Album: Da sind die hellen Gesänge des ausgebildeten Opernsängers, die sich anhören wie archaische Chöre. Da ist das brüchig aufgenommene Klavier, das selbst im Zustand der Bedrohung ein wenig Wärme spendet. Und da sind die analogen Medien, mit denen Ian William Craig an seinen Grossvater und an eine vordigitale Zeit erinnert, als die Kurzwellenradiogeräte und Hausmusikformationen die Tonspuren für zu Hause besorgten.

Natürlich: Das ist kein Easy Listening, wie es die Neoklassiketikette, die Ian William Craig fälschlicherweise immer noch anhängt, nahelegen würde. «Red Sun through Smoke» ist vielmehr jenes unbehagliche und doch nicht ganz hoffnungslose Album, das zur Coronagegenwart gespenstisch gut passt – und Erschütterungen und Tränen zurücklassen kann.

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