Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Schlechter Charakter

Michelle Steinbeck über die gefährlich keuchende Wirtschaft

Von Michelle Steinbeck

Je länger wir zu Hause bleiben, desto lauter werden die Rufe. Die Angst ist real. Weniger vor dem Virus und seinen Folgen – wen kümmert schon der qualvolle, einsame Tod von, sagen wir mal, 100 000 (Trump – die Wette gilt!) unproduktiven Menschen? Das ist doch nichts im Tausch für eine prosperierende Wirtschaft!

Daniela Janser hat es hier letzte Woche auf den Punkt gebracht: Corona hat die Welt «mit Leuchtstift markiert». Wir brauchen nur hinzusehen. Doch was leuchtet uns da entgegen? Die Wirtschaft ist ja selber Risikopatientin! Die hat schon einige schwere Vorerkrankungen: Schuldenkrebs auf der einen, Milliardengeschwüre auf der anderen Seite. Die ist so angeschlagen, ohne Rettungsspritze wär die doch schon bei der saisonalen Grippe 2008 draufgegangen.

Dazu kommt ihr schlechter Charakter, der in seiner nimmersatten Gier die Krankheiten noch befeuert. Und das leuchtet nun besonders hell: Der hat uns nämlich erst in diese missliche Lage gebracht. Das Virus, das uns persönlich und wirtschaftlich lähmt, ist erwiesenermassen das Ergebnis von profitgetriebener Natur- und Lebensraumzerstörung. Und die Gefahren, die uns nun als Gesellschaft bedrohen, sind nicht nur das Resultat jahrzehntelanger Sparpolitik, sondern auch von Klassengesellschaft, Nationalismus und allen anderen Ismen. Selbst der Schweizer Nationalsport, noch mit einer Lungenentzündung dynamisch durchs Büro zu joggen, ist mit schuld an der nun gefährlich keuchenden Wirtschaft.

Aber hey, es kommt alles gut. Der Bundesrat schnürt fette Päckli, und wir können es nicht besser sagen als Ueli Maurer himself: «Danke, Banke.» Wer ist nicht stolz darauf, dass unsere Banken so viel gehamstert haben, dass sie nun im Halbstundentakt halbe Millionen überweisen können? Wie Goldmarie einfach die Schürze aufhalten – ganz ohne Bürokratie! Auch Christa Rigozzi klatscht begeistert vom Balkon: «Ich habs doch schon immer gesagt: Schulden sind geil!» Im Unterschied zu deren Handtaschen-SUV-Kredit-Werbungen haben aber viele Kleinunternehmen heute keine Wahl – oder nur eine beschissene: Entweder sie melden Insolvenz an (ganz schlecht für die Wirtschaft), oder sie verschulden sich und rutschen dadurch – unverschuldet – noch tiefer in den Rachen des schwerkranken und hoch infektiösen Finanzkapitalismus. Gut für die Wirtschaft!

Wenn ihr Wirtschaften retten wollt, überlegt doch mal, welche euch am Herzen liegen. Viele Restaurants machen jetzt Lieferdienst oder Take-away (zum Beispiel das unvergleichliche «Kobal» an der Kanzleistrasse in Zürich). Manche Lieblingsbuchläden bringen euch die Bestellungen per Fahrrad und legen sie euch in den Briefkasten (Labyrinth in Basel), oder ihr holt sie kontaktlos und keimfrei auf dem Tisch vor dem Laden ab (Buchhandlung im Volkshaus in Zürich). Und als Alternative zu klimaschädlichem Streaming verschickt der Zürcher Filmverleih Les Videos DVDs, die ihr per E-Mail bestellt. Unterstützt jetzt eure lokalen Geschäfte, sodass sie es auch dank euch hoffentlich durch diese Krise schaffen. Und wir die Postcoronawelt im Guten doch noch wiedererkennen können.

Und bis dahin: Ruft eure Grossmütter und alle anderen RisikofreundInnen an. Sie sind, wie ein grosser Schweizer Philosoph einmal gesagt hat, «epis Wichtigers als Gold».

Michelle Steinbeck ist Autorin und Studentin der Soziologie. Sie hat ein paar Kapitalismusseminare besucht.

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