Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Im Melkschuppen

Von Martina Süess

Wenn Kinder zu früh auf die Welt kommen, ist ihr Leben in Gefahr. Selbst die beste Technologie kann den Mutterbauch nicht ersetzen. Doch was bedeutet es für die Mutter, wenn der Fötus den gemeinsamen Körper verlässt, bevor er wirklich lebensfähig ist?

«Dass man mir meine noch unreifen Töchter aus dem Leib gerissen hatte, fühlte sich nicht wie eine Geburt an, sondern wie eine Ausweidung», schreibt die britische Schriftstellerin Francesca Segal. Sie und ihre Zwillinge mussten zu Beginn der 30. Schwangerschaftswoche durch einen Notkaiserschnitt gerettet werden. Segal bezeichnet diesen Moment als Ende einer «viel zu lange andauernden Peter-Pan-Kindheit». Was darauf folgte, war eine Aufgabe, die so gross und schwer war, dass es viel literarisches Können braucht, um davon zu berichten.

Segal schafft es mit Bravour. Ihr Buch ist ein intimes Tagebuch und ein spannender Thriller. Es gibt Einblick in die individuelle Situation der Schriftstellerin, in ihre physischen und seelischen Strapazen, und lässt uns teilhaben am ständigen Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffnung und Angst. Gleichzeitig gibt es Einblick in einen Mikrokosmos, den viele kennen – zehn Prozent aller Kinder sind Frühgeburten –, der in der Literatur aber kaum beschrieben wird. Kein Wunder: Wer sich dort aufhält, hat bestimmt keine Zeit zum Schreiben.

Ein zentraler Ort in diesem Mikrokosmos ist der Abpumpraum, von den Eltern auch «Melkschuppen» genannt. Während die kleinen Wesen in ihren Brutkästen an Kabeln und Schläuchen hängen, müssen die Mütter ihren unvorbereiteten Brüsten Nahrung abringen. Anstatt die Kinder im Arm zu halten, müssen sie sterile Pumpen bedienen. Doch der Melkschuppen wird für Segal auch zum Ort des Trosts: Hier tauschen sich die Frauen aus und stützen sich gegenseitig.

Die Anforderungen an Eltern nach einer Frühgeburt sind extrem. Aber Segal findet in dieser Ausnahmesituation doch den gemeinsamen Nenner, auf den die Erfahrung jeder Mutter, jedes Vaters gebracht werden kann: Allein ist es nicht zu schaffen. Unabhängig davon, wie es ausgeht.

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