Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

Gegen die postnatale Demenz

Das Buch über ihre Mutterschaft machte Rachel Cusk zur «meistgehassten Schriftstellerin». Nach achtzehn Jahren ist es nun auf Deutsch erschienen. Ein wundervolles, verstörendes und erhellendes Buch.

Von Martina Süess

Jeder Satz ein Kunstwerk, jede Metapher ein Geniestreich: Rachel Cusks «Lebenswerk» lässt alle Mythen und Klischees des Mutterkults hinter sich. Foto: Basso Cannarsa, Laif

Wer eine Mutter ist oder eine Mutter werden will, wer mit einer Mutter zusammenlebt oder eine Mutter hat, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Es ist zwar schon etwas älter – achtzehn Jahre, um genau zu sein –, und doch ist es an Aktualität kaum zu übertreffen. Denn obwohl die Freuden und Leiden des Mutterwerdens alles andere als ein Tabu sind, wird darüber vor allem in Ratgebern, auf Mamablogs und in Selbsthilfeforen berichtet. In Philosophie und Literatur wird das Thema jedoch selten reflektiert. Dabei handelt es sich um eines der ganz wenigen Phänomene, die tatsächlich als universell menschlich bezeichnet werden können.

Natürlich: Schwangerschaft und Geburt gelten als Frauensache und wurden deshalb vom Kanon ignoriert. Die kanadisch-britische Schriftstellerin Rachel Cusk hat aber noch eine andere Erklärung: Sie vermutet, dass diese Ignoranz auch biologisch bedingt sein könnte. Denn würde sich erst einmal herumsprechen, wie schmerzhaft und erschütternd sich die Verwandlung von der Frau zur Mutter vollzieht, wäre wohl niemand mehr bereit, sich darauf einzulassen. Deshalb sei es vielleicht ganz im Sinne der Evolution, dass die Frauen den Prozess des Mutterwerdens verdrängen, bevor sie ihn narrativ bewältigen können.

Mann zu Hause

Auch Cusk wurde nach der Geburt ihres ersten Kindes von einer Art postnatalen Demenz erfasst: «Der Wunsch, mich zum Thema Mutterschaft zu äussern, war von Anfang an stark ausgeprägt, blieb jedoch lange im Verborgenen, unterhalb der umgestalteten Oberfläche meines Lebens, und ein paar Monate nach der Geburt meiner Tochter Albertine war er vollkommen verschwunden. Mutwillig vergass ich alles, was ich kurz zuvor noch intensiv empfunden hatte», schreibt sie.

Dass es ihr doch noch gelang, die überwältigende Erfahrung in Sprache zu fassen, lag daran, dass sie kurz darauf wieder schwanger wurde. «Da erst wurde ich mir der eigenartigen Realität der Mutterschaft wieder bewusst.» Erst in der Wiederholung konnte sie das Ereignis literarisch bewältigen. Das war allerdings nur möglich, weil sich ihr Mann um die Kinder kümmerte – Vollzeit, versteht sich. Ein Arrangement, das auch heute noch sehr selten ist und das damals in ihrem Umfeld für Kopfschütteln sorgte.

«Lebenswerk», so der deutsche Titel, ist ein persönliches Buch, doch Cusk hat einen universellen Anspruch. Ihr geht es nicht nur um das Drama der heutigen Frau, die sich zwischen Mutterrolle und Karriere zerrissen fühlt, sondern auch um die fundamentale Erfahrung einer kulturell und biologisch bedingten Extremsituation. Und es geht um die Erkenntnis, dass diese Erfahrung den Beginn jedes menschlichen Lebens markiert: «So bietet uns die Mutterschaft ein einzigartiges Fenster auf die Geschichte unseres Geschlechts, wenn auch eines mit leicht zerbrechlichem Glas. Ich staune darüber, dass jedes einzelne Mitglied unserer Spezies auf einem so beschwerlichen Weg geboren und in die Unabhängigkeit entlassen wurde, und ich habe versucht, dieses dem Leben der Frau abgerungene Werk zu beschreiben.»

Unübertroffene Sprachkünstlerin

Es ist ein wundervolles, ein verstörendes, ein erhellendes Buch, das alle Mythen und Klischees des Mutterkults hinter sich lässt, um die physischen und psychischen Bedingungen, unter denen Menschen entstehen, auszuloten. Als «A Life’s Work» 2001 auf Englisch erschien, löste es heftige Abwehr aus, Cusk wurde zur «meistgehassten Schriftstellerin». Auch heute noch reagiert die Öffentlichkeit meist hysterisch, wenn die gängigen Mythen von Mutterschaft infrage gestellt werden – man denke nur an die Debatten um Orna Donaths Studie «Regretting Motherhood» oder an den Shitstorm, der über die Sportmoderatorin Steffi Buchli hereinbrach, als sie nach vier Monaten Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten ging.

Es ist deshalb wohl ganz gut, dass Cusks Buch erst mit so viel Verspätung auf Deutsch erscheint. Statt die mangelhaften Mutterinstinkte der Autorin zu beklagen, kann man sich nun auf das Abenteuer dieser einmaligen Lektüre einlassen. Denn warum sollte man eine Mutter beschimpfen, wenn ihre Kinder bereits erwachsen sind?

Ausserdem hat sich Cusk längst als eine der interessantesten Literaturschaffenden der Gegenwart profiliert. Dass sie eine unübertroffene Sprachkünstlerin ist, beweist sie auch in diesem Buch. Es ist nicht nur ein intellektuelles, sondern auch ein literarisches Juwel. Jeder Satz ist ein Kunstwerk, jede Metapher ein poetischer Geniestreich. Dank der kongenialen Übersetzung von Eva Bonné geht in der deutschen Fassung nichts davon verloren. Das Buch ist deshalb auch all jenen zu empfehlen, die glauben, dass sie das Thema Mutterschaft nichts angeht, sich aber das seltene Vergnügen eines stilistisch brillanten Essays nicht entgehen lassen wollen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch