Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Ist das Märchenbuch einfach doof?

Von Martina Süess

Viele Kinderbücher erzählen vom Anderssein. Die meisten handeln das Thema abstrakt oder psychologisch ab. Man müsse nur zu sich selber stehen, seine Glitzerschuppen mit allen teilen und seinen Platz finden. Und irgendwie, so heisst es dann gern, sind ja alle ein bisschen anders. Das ist nett gemeint, aber Kitsch. Die Zürcher Schriftstellerin Gabriela Kasperski hingegen fürchtet sich nicht davor, konkret zu werden: Das Problem ihrer zehnjährigen Heldin Yeshi heisst Rassismus.

Nachdem Yeshi schon im ersten Band «Einfach Yeshi» gezeigt hat, dass sie sich nicht so leicht unterkriegen lässt, meistert sie nun ein weiteres Abenteuer mit Mut, Witz und ihrem «steinbetonharten Kopf». Diesmal will Yeshi die Hauptrolle im Schultheater spielen. Klar, dass es Streit gibt, denn schliesslich gibt es nur eine Prinzessin und viele Anwärterinnen auf die Rolle. Yeshi hätte eigentlich gute Karten, sie kann super tanzen, hat Fantasie und ist motiviert. Doch die anderen sagen: Das geht nicht. Du bist schwarz, und schwarze Prinzessinnen gibt es nicht. Aber stimmt das denn? Sind Prinzessinnen immer weiss wie Schnee? Oder ist das Märchenbuch aus der Schule einfach doof? Yeshi macht sich auf die Suche nach der Wahrheit und wird zur Agentin.

«Agentin Yeshi» ist ein Kinderbuch mit cooler Heldin. Yeshi ist zwar keine Pippi Langstrumpf, sondern ein ganz normales Mädchen, das sich zwischen den Intrigen des Schulalltags und den Ansprüchen der Erwachsenen zurechtfinden muss. Gerade deshalb ist sie eine echte Identifikationsfigur für Kinder. Eltern werden Yeshi nicht nur lieben, sondern nach der Lektüre auch die eigenen Kinder besser verstehen. Denn Kasperski erzählt konsequent aus der Kinderperspektive und gibt uns Einblicke in den Mikrokosmos einer Zehnjährigen. Wie es Yeshi schliesslich gelingt, dem Rassismus die Stirn zu bieten und mit den anderen Kindern neue Wege zu gehen, das liest sich so spannend wie ein Thriller.

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