Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Hamlet, allein zu Haus

Theater auf dem Laptop ist ein Widerspruch. Und doch stehen die Bühnen in der Krise jetzt vor einem digitalen Push. Viele Theater sind noch überfordert, aber wir stehen am Anfang von etwas Neuem.

Von Tobi Müller

Von der Bühne aufs Handy: Schauspielerin Sandra Hüller gibt den Hamlet statt im Schauspielhaus Bochum nun vor weissem Verputz auf Youtube. Foto: © JU Bochum

Wer Kommentarspalten liest unter Texten, die die Krisenlage im Kulturbetrieb beschreiben, braucht ein gutes Selbstbewusstsein. Der Verdacht, die Kultur sei von vornherein parasitär, narzisstisch und abgehoben, ist von der Meinungsfreiheit gedeckt. Schlicht falsch ist es hingegen, das wirtschaftliche Ausmass der Coronakrise in den Künsten zu verkennen. In Ländern wie der Schweiz, Deutschland oder Frankreich gehen zum Beispiel pro Jahr mehr Leute in Theater als in Fussballstadien: in die Stadttheater, die Opern, in Privattheater, zu den Laien- oder, schöner: Liebhaberinnenbühnen.

Seit wenigen Wochen erst haben die Theaterhäuser geschlossen. Die Diskussion darüber, welche digitalen Möglichkeiten im Schauspiel und in der Performance Platz haben, scheint bereits fortgeschritten zu sein. Trotz oder gerade wegen des Widerspruchs: Die Präsenz im Raum, die kirchengleiche Konzentration, der beispielhafte Ort der Demokratie – das soll alles ins Internet wandern und von da auf dem Laptop, nun ja: lebendig werden?

Noch kein Spass

Die Kritik am Theaterstreaming ist mal mehr, mal weniger nachvollziehbar. Einleuchtend: Wer bezahlt alle Beteiligten einer Produktion? Viele wurden gar nicht erst gefragt. Kurz die Rechte der Texte klären und hopp auf den Server. Irrational sind die Ängste, die im Streaming nur einen mangelhaften Ersatz oder eine Bedrohung für das Theater sehen. Den Tag möchte ich sehen, wenn wir uns alle, vielleicht schrittweise, wieder versammeln dürfen, und keineR geht hin.

Tatsächlich denkt das Theater schon lange über seine Aufzeichnung und Verbreitung nach – mit der aktuellen Krise hat das nichts zu tun. Die Theaterwissenschaft hat ein historisches Quellenproblem, weil ihr im besten Fall Regiebücher zur Verfügung stehen, Kritiken, Briefe. Stücktexte sind ja nur Texte, keine Inszenierungen. Legendäre Arbeiten noch aus den siebziger oder achtziger Jahren wurden oft nicht oder in grauenhafter Qualität aufgezeichnet. Mit Videokameras zog im Theater die interne Aufzeichnung ein, eine unscharfe Totale vom Technikpult aus. Für Umbesetzungen von Schauspielenden, für Studierende und zu Archivzwecken war das ein Fortschritt, aber noch immer kein Spass.

Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit sechzehn Kameras und einem Sattelschlepper ankam, sah das anders aus. Die Aufzeichnung von Christoph Schlingensiefs Oratorium «Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir» zeigte das 2009 bislang am radikalsten: Der Film war fast eine Stunde kürzer als das Stück, einige Kameras mittendrin im Kirchenbühnenbild. Richtig erkannt: Was im Fernsehen kommt, ist Fernsehen. Und nicht Theater.

Und gestreamtes Theater ist nicht Theater, das Medium verlangt nach eigenen Gesetzen. Erstaunlich, wie viel Innovation hier bereits nach wenigen Wochen zu sehen ist. Auf der Plattform Spectyou sind bislang erst zwanzig Theateraufzeichnungen in voller Länge zu sehen, fast nur freies Theater, oft in einer einzigen Einstellung. Das Start-up mit Sitz in Bern will aber mehr sein als ein Youtube für Theaternerds. Es gibt einen Bereich fürs Publikum und einen für Theaterschaffende. Die Dramaturgin Inga-Annett Hansen sagt, Spectyou wolle «ein digitales Zuhause für das Theater werden, auch was Vernetzung angeht». Professionelle NutzerInnen können Profile erstellen und sich mit andern austauschen, auch ganz praktisch. Hansen: «Da kann es um die Suche nach Proberäumen gehen oder um den Austausch von Bühnenbildelementen. Wir wollen zudem den Upload von Programmheften oder wissenschaftlichen Materialien ermöglichen.»

Vieles ist Zukunftsmusik auf Spectyou, von einer Community ist noch kaum etwas zu sehen, bis jetzt haben sich tausend Leute registriert. Doch tatsächlich läuft die Vorbereitung für das Portal seit zwei Jahren. Was man jetzt noch nicht sieht, könnte bald ein Vorteil sein. Spectyou hat die Seite selbst programmiert, anders als etwa bei Youtube werden die NutzerInnendaten nicht weiter verarbeitet. Trotzdem nutzen einige Theater noch die Links zu klassischen Videoplattformen. Ist das einer der Gründe, warum bisher kaum Stadttheater auf Spectyou zu finden sind? Inga-Annett Hansen: «Die Stadttheater haben längere Entscheidungswege und oft nicht die Kapazitäten, kurzfristig bei allen Beteiligten die Rechte oder das Einverständnis einzuholen. Wir legen da aber Wert drauf.»

Kein Datenklau, geklärte Rechte: Das ist mehr, als viele Theaterhäuser bieten, die Livestreams auch über Facebook zeigen. Spectyou wird einen langen Atem brauchen, um sich als Dorfplatz des Betriebs zu etablieren, auch weil das Portal nachtkritik.de diese Position bereits besetzt, wenn auch eher aus einer Perspektive der Berichterstattung und weniger der Produktion. Das wäre ein wünschenswerter Effekt der Krise wie des neuen Portals: dass die Häuser nun ein Budget für Aufzeichnungen einkalkulieren. Die freie Szene macht das schon länger, weil sie nur so ihre oft nur kurz gespielten Arbeiten anderswo anbieten kann.

Doch während in der ersten Woche des Lockdowns noch Streams von Inszenierungen die Websites dominierten – ausser in der Schweiz, da blieb alles ruhig –, schreitet die Entwicklung rasant voran. Nichts da von wegen alte Tante Theater (der Onkel ist mit gemeint). Die Münchner Kammerspiele haben mit dem Konferenztool Zoom versucht, Leonie Böhms Inszenierung von «Yung Faust» an die Technologie anzupassen. Zwischendrin wurde man auch als Publikum zugeschaltet. Fies an diesen Tools ist, dass die Zahl der Zugeschalteten stets sichtbar bleibt. So kann es passieren, dass in einem andern Theater eine Livediskussionsrunde zu einer längst vergangenen Veranstaltung gerade mal achtzehn BesucherInnen anzeigt, die Hälfte wohl vom Theater selbst. Unvorbereitetes Labern war allerdings schon vor der Krise langweilig.

Zeitgleich moderiert

Auf nachtkritik.de schaltete man einen Gang hoch. Christopher Rüping, Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich, moderierte einen Livechat zeitgleich zum Streaming von Bertolt Brechts «Trommeln in der Nacht», das er in München inszeniert hatte. Ohne zweiten Bildschirm ging es nicht, die Kommentarflut in Echtzeit mit dem Video abzugleichen. Als sozialmediales Experiment war das dennoch aufregend. Vor drei Wochen hätte das niemand für möglich gehalten, in dieser Intensität und fernab des «Live-Erlebnisses» über Theater zu diskutieren.

Wir stehen da am Anfang von etwas Neuem. Das kann allerdings auch ganz ruhig aussehen. Ein anderer Weg, den viele Theater gehen: Ensemblemitglieder lesen etwas vor. Auch hier überzeugt das nur, wenn das Medium mitbedacht wird. Am Tisch sitzen und lesen: eher nicht. Aber Sandra Hüller zuzuschauen, wie sie im Handyhochformat direkt in die Kamera spricht und in einen kurzen Hamlet-Monolog hinübergleitet, um mit einem Lied aus «Hair» zu enden, ist auch vor weissem Verputz verstörend grossartig. Es hilft, ob vor, während oder nach der Krise, wenn es sich dabei um eine der diskussionslos besten Schauspielerinnen der Welt handelt.

Auf dem Youtube-Kanal des Schauspielhauses Bochum kann man sehen, dass das sehr vielen gefällt. Das Haus hätte sie mit diesen fünf Minuten schon dreimal ausverkauft.

www.spectyou.com, www.nachtkritik.de

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