Nr. 15/2020 vom 09.04.2020

Schrumpfen, und zwar radikal

Von Bettina Dyttrich

In Coronazeiten werden Nachrichten schnell alt. Die News von Mitte März sind schon sehr fern: Da berichtete die «NZZ am Sonntag» von wüsten Szenen in der Swiss-Schalterfiliale am Zürcher Paradeplatz. Aufgebrachte PassagierInnen bedrohten das Personal der Airline, weil ihre Flüge gestrichen waren.

Inzwischen geht es nicht mehr um ein paar pöbelnde KundInnen, sondern um die Existenz der Firma: Der Flugverkehr über Europa ist um fast neunzig Prozent eingebrochen. Der Weltflugverband (IATA) schätzt den Umsatzausfall wegen Corona auf 252 Milliarden US-Dollar.

Kein Wunder, möchten viele Staaten nun ihre Airlines und Flughäfen unterstützen. Vielleicht beschliesst auch der Bundesrat schon diese Woche – nach Redaktionsschluss dieser Zeitung – Überbrückungskredite oder ähnliche Hilfen für die Flughäfen, Swissport, die Swiss und Easyjet Switzerland.

Ist Staatshilfe für die Luftfahrt eine gute Idee? Die Frage ist falsch gestellt: Die Luftfahrt bekommt bereits jede Menge Staatshilfe. Sie bezahlt keine Mehrwertsteuer und für internationale Flüge keine Treibstoffsteuer. Inzwischen profitiert sie zusätzlich von den Kurzarbeitsbeiträgen des Bundes. Dabei verursacht die Branche laut dem Bundesamt für Raumentwicklung 1,3 Milliarden Franken externe Kosten im Jahr – Kosten, die die Allgemeinheit trägt, etwa weil Fluglärm und Luftverschmutzung krank machen.

Seit 2005 gehört die Swiss der Lufthansa. Seither war sie ein Goldesel für die Mutterfirma, brachte ihr fünf Milliarden Franken Gewinn ein. Zehn Prozent der Lufthansa-Aktien hat kürzlich der deutsche Milliardär Heinz Hermann Thiele gekauft – ein Coronaschnäppchen. Easyjet, das Mutterhaus von Easyjet Switzerland, hat gerade 174 Millionen Pfund Dividenden an seine AktionärInnen ausbezahlt. Mehr als ein Drittel davon ging an den Firmengründer, den schwerreichen Zyprioten Stelios Haji-Ioannou. Sind das wirklich Unternehmen, die Unterstützung von SteuerzahlerInnen verdienen?

Die Coronakrise pflügt viele Branchen um. Oft ist das sehr unerfreulich, etwa wenn unabhängige Detailhandelsgeschäfte Pleite gehen, während Amazon und Co. profitieren. Auch die Luftfahrt wird sich verändern. Aber im Gegensatz zu manchen anderen Branchen gibt es hier keine «Guten»: Fliegen ist per se eine destruktive Tätigkeit. In der Schweiz gehen schon zwanzig Prozent der Klimazerstörung auf ihr Konto, Tendenz steigend. Allein zwischen 2010 und 2015 haben die privaten Flugreisen um 53 Prozent zugenommen. Das private Glück, das für manche damit verbunden war, hat einen hohen Preis.

In vielen Lebensbereichen ist ein grüner Umbau möglich: Solar- statt Kohlestrom, Zug statt Auto, Wärmepumpe statt Ölheizung. Beim Fliegen hingegen ist keine Alternative in Sicht. Synthetischer Treibstoff lässt sich zwar elektrisch herstellen, doch der Preis ist hoch: Laut der Schweizerischen Energiestiftung wären 132 Terawattstunden Strom im Jahr nötig, damit die Bevölkerung dieses Landes so fliegen könnte wie zu Vor-Corona-Zeiten. Das ist mehr als sechzehnmal so viel, wie das AKW Gösgen hergibt. Stromproduktion in solch gigantischen Ausmassen ist weder ökologisch noch sozialverträglich.

Der Bund solle die Unterstützung an Bedingungen knüpfen, unter anderem eine Kerosinsteuer einführen, fordern fast fünfzig Umweltorganisationen und Parteien in einem offenen Brief. Er ist diplomatisch formuliert und spricht das Offenkundige nicht aus: Wenn der Planet bewohnbar bleiben soll, muss die Luftfahrt schrumpfen, und zwar radikal. Für den kleinen, lebensnotwendigen Rest wie die Rega ist synthetischer Treibstoff dann eine Option. Natürlich braucht es Alternativen für die Menschen, die in der Luftfahrt arbeiten. Doch im Vergleich zu den Heraus- und Überforderungen, die auf uns zukommen, wenn die Klimapolitik noch länger zögert, ist das ein lösbares Problem. Ein Anfang wären Umschulungsbeiträge für die Branche und ein Ausbau der Nachtzüge, wie es die Grünen fordern.

Zu Hause hocken müssen wir nach der Coronakrise zum Glück nicht mehr. Aber am Boden bleiben sollten wir. Auch so lässt sich gut reisen – einfach etwas langsamer.

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