Nr. 15/2020 vom 09.04.2020

Abstumpfen, online und im Bett

Von Jens Uthoff

Wer den feinen Humor der Band Pisse kennen und lieben lernen will, sollte sich von ihrem neuen Album zunächst den Song «Zu viel Speed» anhören. Da hantiert das Quartett mit einem psychedelisch pluckernden Keyboard und mit Surfgitarren herum, das Ganze groovt eine Weile vor sich hin, ehe eine düstere Stimme etwas affektiert singt: «Uh Baby es ist früh um acht / und ich glaub ich bin verliebt / ist das lila Lidschatten in deinen Augen / oder war das zu viel Speed?» Irgendwo zwischen Surf- und Garagerock und frühem Funpunk à la Die Ärzte pendelt sich dieser Song ein – musikalisch eine eher untypische Mischung für Pisse.

Denn eigentlich hat sich die Band mit räudigem Synthpunk und bitterbösen Texten einen Namen gemacht. Man weiss wenig von Pisse, weil sie entweder gar keine Interviews oder Fakeinterviews geben. Demnach sollen sie sich 2012 in – ausgerechnet – Hoyerswerda gegründet haben. 2015 veröffentlichten sie ihr Debütalbum mit dem vielsagenden Titel «Mit Schinken durch die Menopause», darauf zu hören: Songs wie «Scheiss DDR» und «Work/Life Balance», in denen sie die Zumutungen der Gegenwart (und Vergangenheit) in Ein- bis Zweiminütern kommentieren. In Punkkreisen sprachen sich ihre Qualitäten schnell herum. Dieser Tage hätten sie ein ausverkauftes Konzert im Berliner Berghain spielen sollen.

Abgesehen von den Surf-Expeditionen gibt es auf dem neuen Album «Pisse» erneut In-die-Fresse-Punktracks («Die fetten Kinder») und flott runtergerotzte Synthpunknummern zu hören («Draussen zuhause»). Inhaltlich geht es dabei etwa ums Abstumpfen auf Social Media («Hinter digitalen Fassaden / macht sich stumpfe Ödnis breit») oder auch im Bett («Stets bemüht um Fickbarkeit / ein Bollwerk gegen echten Sex»). So erinnern Pisse mit diesem zweiten Album, das nicht ganz so stark ist wie der Vorgänger, an Bands der Synthpunk-Tape-Szene der frühen Achtziger, auch Gruppen wie Palais Schaumburg kommen einem in den Sinn. Im Vergleich zu jenen sind Pisse aber abgründiger, schwarzhumoriger und weniger arty unterwegs.

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