Nr. 15/2020 vom 09.04.2020

Sie verwildern im Rudel

Ihr Kinderlein, kommet: Im neuen Roman von Verena Güntner fahnden Kinder nach einem entlaufenen Hund – und werden dabei selbst zu Hunden. Was führen sie im Schild?

Von Florian KellerMail an Autor:in

Ein Hund geht im Wald verloren – und bald geschehen dort seltsame Dinge: Das erzählt Verena Güntner in ihrem zweiten Roman «Power». Foto: Getty

Und dann sind sie plötzlich weg. Alle Kinder aus dem Dorf, verschwunden im deutschen Wald. Aber nicht etwa, weil sie entführt oder verschleppt worden wären, sie haben sich auch nicht im Gehölz verirrt. Eines Tages kommen sie nach ihren Streifzügen einfach nicht mehr nach Hause. Die Kinder bleiben im Wald, verschanzen sich dort, abseits der Erwachsenen. Was treiben die da draussen? Suchen sie eine gemeinschaftliche Utopie ausserhalb der sozialen Normen der Grossen? Proben sie den Aufstand?

Alles nur wegen Power. Es verheisst Kraft und Ermächtigung, das englische Allerweltswort im Titel des zweiten Romans von Verena Güntner. Dabei ist Power hier einfach der Name eines entlaufenen Hundes. Der Name hat etwas Beschwörendes, wie ein Totem. Erst viel später erfahren wir, dass die Besitzerin ihren Hund, den sie gar nie gewollt hatte, aus reiner Verlegenheit so getauft hat. Und jetzt ist es weg, das Krafttier von Frau Hitzke, aber ein Mädchen aus dem Dorf hat ihr geschworen, dass es Power für sie wiederfinden werde. Kerze heisst dieses Kind, und angesichts dieser sprechenden Namen fragt man sich, ob das noch als etwas plakative Metapher durchgeht, wo ja schon der Kalauer à la Kontaktanzeige um die Ecke grinst: Kerze sucht Power, hallo Zündkerze!

Bitte nicht flennen

Trotzdem ein sehr eigenwilliges literarisches Geschöpf, diese Kerze: ein wacher Kopf, ansonsten ein eher finsteres Kind, etwas altklug auch. Daheim schläft sie nur bei offenem Fenster, wegen der Geister, die sich sonst um ihr Bett versammeln. Wenn Kerze betet, dann nicht zu Gott, sondern zu «Keingott». Und sie reagiert allergisch, wenn Erwachsene sentimental werden. Sie hat etwas Abgebrühtes in ihrer Sturheit – und manchmal auch einen verstörenden Zug ins Autoritäre. Das zeigt sich, als sich immer mehr Kinder aus dem Dorf ihrer Mission anschliessen: Wenn Kerze ihre Gefolgschaft im Wald dann zur Verwilderung im Rudel trainiert, sieht man sich unweigerlich an die unheiligen Rituale und Machtdynamiken aus William Goldings «Herr der Fliegen» erinnert.

Aber was ist denn nun ihr Projekt? Was sucht die abtrünnige Dorfjugend in diesem hündischen Naturzustand im Unterholz? Der deutsche Wald ist ja seit jeher ein ideologisch aufgeladener Topos, von Teutoburg bis zum Hambacher Forst. Bei Verena Güntner besetzen die Kinder dieses belastete Terrain zwar unmissverständlich als Gegenlager zur «zivilisierten» Welt der Eltern – aber politisch lässt sich ihre Aneignung des Waldes nicht auf irgendein eindeutiges Programm festschreiben. Kerze und ihre Getreuen wollen halt diesen verlorenen Hund finden. Und vielleicht hilft es ja, wenn sie selber zu Hunden werden.

Klar ist das eine Form von Protest: ein kollektiver Akt der Solidarität mit einem Tier, das es unter den Menschen offenbar nicht mehr ausgehalten hat. Und es ist auch nicht verkehrt, bei diesem dunklen, zeitgenössischen Märchen, in dem die Kinder den Gesellschaftsvertrag der Erwachsenen aufkünden, an die Klimajugend zu denken. Doch gehört es gerade zu den Stärken von «Power», dass die kindliche Widerstandsbewegung hier bis zuletzt ambivalent, die Parabel offenbleibt.

Das Stigma der Verlassenen

Allzu schablonenhaft assortiert wirkt dagegen das Dorfpersonal in diesem multiperspektivischen Roman. Da gibt es natürlich den obligaten bösen Grossbauern samt seinem nichtsnutzigen, fast erwachsenen Sohn, der sich vor den Kleineren gerne cool und rebellisch gibt. Jetzt, im Ausnahmezustand, wittert dieser Teenager endlich seine Chance, sich zu beweisen: Eine Bürgerwehr will er mobilisieren, um die abspenstigen Kinder mit Gewalt zurückzuholen. Aber auch er, der Hubersohn, steht unter dem Schatten des Verschwindens, seit seine Mutter die Familie verlassen hat (wer wollte es ihr verargen).

So viele Verlassene in dieser sterbenden Gemeinde. Und alle tragen sie schwer daran, sei es wegen der Kränkung oder wegen der sozialen Ausgrenzung, mit der die Dorfgemeinschaft sie dafür bestraft: der despotische Grossbauer und sein Sohn, die alleinstehende Mutter von Kerze, die nach Meinung der Leute natürlich deshalb immer so ein verschrobenes Kind war, weil da ein Vater fehlte im Haus – und eben auch die kinderlose Hitzke, die vor ihrem Hund schon von ihrem Mann Karl sitzen gelassen und seither stillschweigend geächtet wurde im Dorf. Jetzt wird sie offen drangsaliert, weil man sie wegen Power als Schuldige für das Verschwinden der Kinder ausgemacht hat.

In den Kapiteln über Frau Hitzke findet dieser von grimmigem Witz durchsetzte Roman dann auch zu Momenten unverhoffter Zärtlichkeit. Da denkt die Hitzke an ihren Karl zurück, der von den Sternen träumte, was ja vielleicht die grösste Fantasie vom Verschwinden ist – nur dass sein zarter Blick, sobald er sich seiner Frau zuwandte, immer seltsam gleichgültig wurde, «an ihr abglitt und ins Leere ging». Es ist nicht einfach die Litanei einer schleichenden Entfremdung in der Ehe, was Güntner hier wie nebenbei entwirft. Es ist die bodenlos traurige Existenz einer Frau, die ihr Leben lang nichts anderes getan hat, als in die Regungen ihres Mannes einzustimmen. Das hält selbst ein Hund nicht aus.

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