Nr. 02/2021 vom 14.01.2021

Kein Zuhausebleiben ohne Zuhause

Genug zu essen, aber keine Gesellschaft: Wie geht es jenen, die derzeit auf der Strasse leben? Unterwegs mit GassenarbeiterInnen.

Von Natalia WidlaMail an AutorIn (Text) und Goran Basic (Foto)

Habseligkeiten im Einkaufswagen: Gassenarbeiterin Christine Diethelm im Gespräch mit einer obdachlosen Frau.

Kurz vor sechs Uhr ist die Zürcher Langstrasse wie leer gefegt. Vor der «Sunestube» des Sozialwerks Pfarrer Sieber an der Ecke Militärstrasse steht eine Handvoll Personen an, manche rauchen, andere zittern vor Kälte. Normalerweise würde das Gassencafé gleich öffnen, zuerst würden Frühstück und Kaffee serviert werden und später Mittagessen; es gäbe bis 19 Uhr einen Raum ohne Konsumzwang, zum Verweilen, Aufwärmen und um zur Ruhe zu kommen. An diesem Morgen bleibt die «Sunestube» allerdings geschlossen. Es ist der 25. Dezember, Weihnachten und Pandemie.

Im Büro nebenan bereiten sich Christine Diethelm und Tom Moldovanyi auf ihre heutige Tour vor: warme Kleidung, dicke Mützen – lieber eine Schicht zu viel als eine zu wenig. Bis zum Mittag werden die GassenarbeiterInnen in der Stadt unterwegs sein und die ihnen bekannten Schlafplätze obdachloser Personen aufsuchen. Die beiden haben Geschenkboxen dabei – mit Hygieneartikeln, warmer Kleidung und sonstigem Nützlichem, in manchen findet sich Tierfutter für HundebesitzerInnen.

Die farbig eingepackten und mit dem Geschlecht der Zielperson beschrifteten Boxen wurden dem Hilfswerk gespendet. Diethelm und Moldovanyi wollen aber nicht nur Geschenke verteilen; vor allem möchten sie jene, die bei Temperaturen um die null Grad draussen schlafen, auf Alternativen wie die beiden Notschlafstellen «Pfuusbus» und «Iglu» aufmerksam machen – und auf das Weihnachtsessen, das am Mittag in der «Sunestube» stattfindet.

Kaum verlässliche Zahlen

«An sich hat sich unsere Arbeit durch die Pandemie nicht verändert», sagt Christine Diethelm und hängt sich den grossen Ikea-Sack mit Paketen über die Schulter. «Nur die Abläufe sind anders.» Vorher sei es üblich gewesen, sich auch einmal dazuzusetzen, ein Schulterklopfen oder Händedruck. Jetzt tragen die beiden Gesichtsmasken und halten mindestens zwei Meter Abstand. In den Einrichtungen des Sozialwerks Pfarrer Sieber herrscht ebenfalls Maskenpflicht, die meisten würden sich daran halten, beobachtet Diethelm. Notorische Verweigerer gebe es – wie überall sonst – auch. Mancherorts wird vor dem Eintreten zudem Fieber gemessen, Daten hingegen werden keine erfasst.

Während die GassenarbeiterInnen am Limmatplatz auf das Tram warten, bemerken sie eine Frau, die sich in der öffentlichen Toilette einzuschliessen versucht. Diethelm geht hinüber und bietet eines der Päckchen an, die Frau winkt ab. «Ich kenne sie nicht», sagt Diethelm, «du vielleicht?» Moldovanyi schüttelt den Kopf. Rund zwei Drittel der Obdachlosen in Zürich sind immer dieselben, der Rest fluktuiert.

Wie viele Menschen in der Schweiz obdachlos sind, darüber gibt es kaum verlässliche Zahlen. Auch für die Stadt Zürich bestehen nur Schätzungen, die von einem bis zu mehreren Hundert Personen reichen. Gemäss der Abteilung Sicherheit Intervention Prävention (Sip) Zürich nächtigten rund ein Dutzend Personen «zu jeder Jahreszeit freiwillig draussen». Auf Anfrage schreiben mehrere behördliche Stellen, sie hätten keine Anhaltspunkte für eine Zunahme von Obdachlosigkeit während der Pandemie.

Vom Limmatplatz aus geht es per Tram in ein Aussenquartier, wo zwei Personen auf einer überdachten Bank ihr Nachtlager aufgeschlagen haben. Wo genau sich die Stelle befindet, soll zu ihrem Schutz nicht in der Zeitung stehen. Zwar würden Übergriffe auf Obdachlose in der Schweiz deutlich seltener vorkommen als etwa in Deutschland. «Aber auch wenn Obdachlose im öffentlichen Raum nächtigen, ist das ja doch ein sehr privater Moment und die Kontaktaufnahme ein Eindringen in die Privatsphäre», so Tom Moldovanyi. «Wir versuchen, so wenig invasiv wie möglich zu sein, dazu gehört es auch, die Anonymität der Menschen zu wahren.»

Diethelm und Moldovanyi haben bei ihren Touren meist nur ansatzweise einen Plan, sie suchen die Menschen auf, die sie kennen, gehen aber auch allen Hinweisen nach, die ihnen zugetragen werden. «Bis auf den Züriberg», sagt Diethelm. Durch die Coronapandemie seien Obdachlose und Suchtkranke zwar sichtbarer, weil die Strassen leer und die Läden geschlossen sind, viele zögen sich aber auch zurück, um genau diese Exponiertheit zu vermeiden. «Unsere Arbeit ist durch die Pandemie von einer aufsuchenden zu einer suchenden geworden», sagt Moldovanyi.

Keine sozialen Angebote

Seit Beginn der Pandemie sind in Zürich laut Diethelm zwei obdachlose Personen an Covid-19 erkrankt, eine davon musste im Spital behandelt werden. Auch in Basel gab es nur wenige positive Fälle, in Bern sind bisher gar keine bekannt. Michel Steiner ist Streetworker beim Basler Verein Schwarzer Peter. In den letzten neun Monaten haben er und seine KollegInnen «Tausende Masken» auf der Strasse verteilt, ebenso Desinfektionsmittel. «Grundsätzlich erlebe ich die Stimmung wie in der Gesellschaft», sagt Steiner. «Im Frühling waren alle etwas lockerer, aber langsam kommt der Wunsch nach Normalität.»

Wie alle anderen Menschen auch würden jene auf der Strasse langsam dünnhäutiger und ungeduldiger. Und auch wenn die Gassenküchen von den behördlichen Restaurantschliessungen ausgenommen seien, stellten besonders die verminderten Aufenthaltsmöglichkeiten und die Personenbeschränkungen ein Problem dar, so der Gassenarbeiter. «Gerade an Weihnachten ist alles Soziale ins Wasser gefallen, etwa die gemeinsame Weihnachtsfeier mit üblicherweise 150 Personen.»

Die Einschätzungen aus Basel teilt auch die Berner Gassenarbeiterin Nora Hunziker: «Das zentrale Problem ist, dass viele soziale Angebote während des ersten Lockdowns weggefallen sind und teilweise bis heute nicht oder nur in reduzierter Form wieder aufgenommen wurden.» Zwar bestehen gerade die Essensangebote weiterhin, aber für die meisten Betroffenen hingen diese bisher mit der Möglichkeit des Aufenthalts und der sozialen Teilhabe zusammen, die nun ersatzlos wegfalle.

In Zürich hat das Tram mittlerweile sein Ziel erreicht. Von den beiden erwarteten Männern ist nur einer auf der überdachten Holzbank schlafend anzutreffen. Den anderen vermuten die beiden Sozialarbeitenden in der öffentlichen Toilette, wo sie ihn denn auch finden. Das bunt verpackte Päckchen lehnt der Mann ab, versichert aber, er würde «bald wieder» in den «Pfuusbus» kommen, um seine Haare zu waschen. Die Türe geht wieder zu. «Er war noch nie da», sagt Diethelm später, «und er wird wohl auch nicht kommen.» Dem Schlafenden legen die beiden ein Paket neben seinen Kleiderstapel. Kurze Zeit später wacht er auf, flucht, zündet sich eine Zigarette an. Das Päckchen scheint er nicht bemerkt zu haben.

Über das Central geht es in Richtung Bellevue, später über den Paradeplatz zum Hauptbahnhof. An der Tramhaltestelle Löwenplatz schläft eine ältere Frau, eingewickelt in mehrere Decken, einen Schlafsack und einige Kleidungsstücke. Neben ihr steht ein Einkaufswagen, vollgepackt mit ihren Besitztümern. Zum Weihnachtsessen möchte sie nicht kommen, dafür sei ihr Wagen zu schwer, und überhaupt, sie traue dem Staat nicht und dessen Institutionen erst recht nicht. Nach einigen Diskussionen nimmt sie dennoch die Visitenkarte entgegen, die Diethelm ihr anbietet, «für alle Fälle». Rund eine Stunde später ist die Frau samt Hab und Gut, Decken, Kissen und Kleiderberg verschwunden. Auf der Bank am Löwenplatz sitzt eine Gruppe TouristInnen und wartet auf das nächste Tram.

Schleichende Prekarisierung

Vom Hauptbahnhof aus geht es wieder in ein Aussenquartier. Mittlerweile ist es hell geworden. Hier schläft üblicherweise Peter Kehl (Name geändert), ein älterer Mann, ausgebildeter Ingenieur, mit wallendem Bart. Heute ist Kehl in Begleitung: Neben ihm sitzen ein junger Wanderarbeiter aus Rumänien und ein Mann mit schlechter Laune, alle drei an eine Mauer gelehnt, um sie herum Essen und Getränke, Decken und ein Haufen Abfall. In einem Topf über einem Campingkocher werden Suppenreste kalt. Der Wanderarbeiter trinkt Wodka aus der Flasche, der andere spielt laut Musik von seinem Handy ab und gibt zu verstehen, dass er nicht an einem Gespräch interessiert sei. Einzig Kehl begrüsst die GassenarbeiterInnen mit einem Lächeln. Man kennt sich.

«Noch mehr Geschenke?» – Sie wären doch schon reichlich beschenkt worden, sagt er und zeigt auf einen riesigen, blau verpackten Panettone vor seinen Füssen. Schliesslich nehmen die beiden anderen je ein Paket an. Er brauche keins, sagt Kehl, es würde ihm «ganz gut» gehen in dieser Weihnachtszeit – trotz Corona. Die Kirchen seien ja offen, und die Menschen verhielten sich «sehr souverän», seien solidarisch. Nur ins Spital wolle er nicht unbedingt, man wisse ja nie, wie das ausgehen würde. «Aber Angst, nein, Angst habe ich keine.»

Was die Berner Gassenarbeiterin Nora Hunziker derweil vor allem beschäftigt, sind die sozialen Folgen der Pandemiemassnahmen: «Sind wir – die Gesellschaft, die Politik – darauf vorbereitet, was mit den Menschen passiert, die wegen Corona in eine prekäre Situation geraten und vielleicht auch auf der Strasse landen?» Prekarisierung sei ein schleichender Prozess, so Hunziker. Ein Konzept dagegen brauche es «lieber zu früh als zu spät».

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