Nr. 16/2020 vom 16.04.2020

Bitte ja nicht verweilen!

Der öffentliche Raum in unseren Städten wird zusehends auf Umsatz getrimmt. Gerade jetzt, wo das Gewerbe stillsteht, zeigt sich die Konsequenz dieser Politik in ihrer ganzen Härte.

Von Viviane Ehrensberger (Text) und Ursula Häne (Foto)

Was bleibt vom Zwischenraum, wenn er nicht mit Festzelten und Foodtrucks vollgestellt wird? Europaallee in Zürich.

Der Ginkgo ist ein erstaunlicher Baum. Er gilt als eine der ältesten Pflanzen der Welt und hat in seiner rund 270 Millionen Jahre langen Geschichte extreme Temperaturschwankungen überstanden. Er mag sonnige Standorte, braucht verhältnismässig wenig Wasser und bildet einen kleinen, kompakten Wurzelballen, er ist schädlingsresistent und unempfindlich gegenüber Luftverschmutzung. Der perfekte Baum also für einen exponierten, durch intensive Nutzung belasteten Standort. Wie die Zürcher Europaallee.

Als im letzten Hitzesommer der schwarze Asphalt auf der Europaallee ausgegossen wurde, breitete sich eine Welle der Empörung aus. Wie kann es sein, dass mitten im Stadtraum weitere grosse Flächen versiegelt werden, die sich im Sommer in Hitzeinseln verwandeln? Wie kann es sein, dass links und rechts die Gebäude mit aufwendigen und teuren architektonischen Details auftrumpfen, der Raum dazwischen jedoch trostlos, ja geradezu menschenfeindlich daherkommt?

Kulissen als Vordergrund

Die Europaallee ist bei weitem nicht die einzige Überbauung, bei der der frei zugängliche Zwischenraum – umgangssprachlich «öffentlicher» Raum genannt – lieblos und funktional gestaltet wurde. Gerne zieht man dann über die ArchitektInnen her, die in ihrer Liebe zu klaren Linien und Sichtbeton vergessen haben, an die Menschen zu denken. Doch der gebaute Raum ist das Resultat unzähliger Kompromisse, denn die Ansprüche an einen öffentlichen Raum sind enorm hoch. Er soll in seinem Unterhalt möglichst günstig und unkompliziert sein; er soll für alle zugänglich, also hindernisfrei sein; er soll gut einsehbar sein und damit ein Gefühl der Sicherheit vermitteln; häufig muss er zudem als Überdeckung von Tiefgaragen oder anderen unterirdischen Bauten herhalten, in die kein Wasser eindringen darf. Und seit einigen Jahren kommt ein neuer, entscheidender Anspruch dazu: Er soll vor allem auch Umsatz generieren.

Die Eventisierung der Stadt verändert auch das urbane Erscheinungsbild. Kaum eine Fläche, die nicht für ein Foodfestival, einen Weihnachtsmarkt, ein Open-Air-Kino genutzt wird. Sitzbänke, Bäume und Rasenflächen würden da nur stören. Das Potenzial eines öffentlichen Raums wird nicht mehr in seinem Ruhezustand gemessen, sondern in seiner Aktivierung, als «Möglichkeitsraum», wo alles passieren können muss. Aber was passiert mit diesen Orten, wenn mal nichts passiert? Welche Qualitäten bleiben von unserem öffentlichen Raum übrig, wenn er nicht ans Gewerbe vermietet und mit Festzelten und Foodtrucks vollgestellt wird?

Gerade jetzt, wo die Veranstaltungsindustrie stillsteht und die Nutzung des öffentlichen Raums stark eingeschränkt ist, zeigt sich die Konsequenz seiner Gestaltung in ihrer ganzen Härte. Nie war die gebaute Umwelt so sichtbar wie jetzt, ohne die Markisen, Stühle und Tische von Cafés und Restaurants, mit weniger Autos und kaum FussgängerInnen. Verschlossene Türen und unbeleuchtete Schaufenster lenken den Blick auf die Gestaltung der Fassaden, den Strassenraum, die Plätze, die eine ungewohnte Unmittelbarkeit erhalten und seltsam nackt wirken. Die Kulissen, die sonst hinter dem städtischen Leben verschwinden, werden selbst zu den Hauptdarstellern. Ein grosser asphaltierter Platz, auf dem nichts passiert, ist schwer auszuhalten.

Die individuelle Nutzung des öffentlichen Raums ist mit ganz elementaren Bedürfnissen verbunden: Er soll im Sommer Schatten spenden, im Herbst, Winter und Frühling Schutz vor Regen und Wind bieten; Sitzgelegenheiten, Rückzugsmöglichkeiten, Grünräume und nicht zuletzt: ein anregendes Raumerlebnis. Unmöblierte, versiegelte Plätze stehen diesen Bedürfnissen diametral entgegen. Nicht jeder öffentliche Raum muss gleich ein Park sein; es soll auch Plätze geben, auf denen Weite erfahrbar wird, die Grosszügigkeit ausstrahlen und für Feste zur Verfügung stehen – doch das sollte die Ausnahme sein, nicht die Norm.

Versiegelte heisse Plätze

Die Gestaltung öffentlicher Räume ist oft auch ein politisches Instrument, um bestimmte Gruppen bewusst ein- oder auszuschliessen. Noppen auf Handläufen öffentlicher Treppen halten SkaterInnen fern, mit Armlehnen unterbrochene Sitzbänke verhindern, dass Obdachlose darauf schlafen können. Solche baulichen Massnahmen sollen das Konfliktpotenzial verringern und den Kreis der erwünschten NutzerInnen einschränken. Auch die Europaallee signalisiert in ihrer Gestaltung, wie man sich hier zu verhalten hat: NutzerInnen sollen rasch über die leere Fläche gehen, hinein in die Läden und Restaurants. Es ist ein Durchgangsort, kein Aufenthaltsraum.

Der Klimawandel ist eine der grossen Herausforderungen, für die Städte neue Strategien entwickeln müssen. Wenn Flächen mit Asphalt, Pflasterung und ober- und unterirdischen Bauten versiegelt werden, führt das dazu, dass Regenwasser nicht mehr versickern kann, was schlecht ist für den Grundwasserspiegel. Weil aus versiegelten Oberflächen im Sommer zudem kein Wasser verdunsten kann, heizen sie sich mehr auf als sickerfähige Beläge. Wenn der Ginkgo der einzige Baum ist, der die innerstädtischen Sommer überstehen kann, ist das kein gutes Zeichen für die urbane Bevölkerung.

Die zweite grosse Herausforderung ist die Verdichtung. Aktuell steht sie wegen der raschen Verbreitung des Coronavirus in der Kritik, doch sie ist unumgänglich, wenn die Zersiedelung gestoppt und die Landschaft nachhaltig geschützt werden soll. Für kürzere Wege, bessere Auslastung der Infrastruktur und belebtere Quartiere muss auch der Wohnflächenverbrauch pro Person sinken. Dafür müssten qualitativ hochwertige öffentliche Räume zur gemeinsamen Benutzung bereitstehen – ohne Konsumzwang.

Für die urbane Bevölkerung ist der zügige Spaziergang durchs Quartier zurzeit eine der wenigen Fluchtmöglichkeiten aus den eigenen vier Wänden. Man stelle sich vor, was alles möglich wäre, wenn der offene Raum als eine Investition in die Lebensqualität gesehen würde und mit der gleichen Sorgfalt und den gleichen finanziellen Mitteln gestaltet würde wie die Gebäude selbst. Wenn trostlose Asphaltflächen aufgerissen würden zugunsten von Blumenbeeten, Sträuchern, Bäumen, Sitzbänken, Picknicktischen und Wasserspielen. Wenn aus leeren «Möglichkeitsräumen» einfach menschenfreundliche Räume würden, als Geschenk an die Bevölkerung, die sich dort – nach Ende der ausserordentlichen Lage – frei treffen, verweilen, sich über andere aufregen dürfte.

Viviane Ehrensberger ist Architektin und Baukulturvermittlerin in Schaffhausen.

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