Nr. 17/2020 vom 23.04.2020

Zwei Lämmchen geköpft!

Aus dem Autoradio kommen Zahlen über Infizierte und bedrohte Existenzen. Die Landschaft draussen war auch vor der Pandemie nicht voller. Und doch hat sich etwas verändert.

Von Manja Präkels, Berlin

Das abrupte Ende des täglichen Pendelns: Blick von Frankfurt an der Oder über die Stadtbrücke zum polnischen Slubice. Foto: Patrick Pleul, Keystone

Das multikulturelle Berlin liegt mitten im Bundesland Brandenburg. Eine Tatsache, an die beide Seiten nur ungern erinnert werden. Mit der Pandemie scheinen sich die Gegensätze noch verschärft zu haben. Eine Kollegin teilt Bilder der menschenleeren Metropole: die Berliner S-Bahn ohne Passagiere, der einzig von Tauben bevölkerte Alexanderplatz. Das Staunen der GrossstädterInnen über die Entleerung des öffentlichen Raums lässt nicht nach. Ganz anders in Brandenburg: Die Leere der märkischen Landschaft ist vertraut. War es hier jemals voller?

Karfreitag. Im gesamten Bundesland gelten bereits jetzt hohe Waldbrandwarnstufen. Osterfeuer sind überall verboten. Nachdem wir die Autobahn Richtung Warschau verlassen haben, steuern wir an unbelebten Vorgärten vorbei das Zentrum der am westlichen Ufer des Flusses gelegenen Grenzstadt Frankfurt an der Oder an. Vereinzelte Menschen auf der grossen Brücke, die hinüber ins polnische Slubice führt, laufen bis zur Mitte, schauen in die Ferne und kehren wieder um. Bereits Ende März hatte die polnische Regierung die Quarantänepflicht beim Grenzübertritt ausgeweitet und damit das tägliche Pendeln abrupt beendet. Laut der deutschen Industrie- und Handelskammer sind davon rund 14 000 polnische StaatsbürgerInnen betroffen, die in brandenburgischen Betrieben arbeiten. Meist zu Mindestlöhnen. Durch die neuen Regeln kam es zu Kündigungen und Rekordstaus in beide Richtungen. Panisch mieteten Betroffene Wohnungen auf deutscher Seite, um ihre Arbeit nicht zu verlieren.

Geflüchtete im Sperrgebiet

Die Diskrepanz zwischen dem Anblick bestellter Landschaften ohne Menschen und den Zahlenkolonnen aus dem Autoradio vergrössert sich von Meldung zu Meldung. Vielstellige Zahlen von Neuinfizierten, Verstorbenen, in ihrer Existenz Bedrohten. Kreditrahmen. Hilfsleistungen. Und fünfzig Kinder aus dem Schreckenslager Moria auf Lesbos dürfen nun doch nach Deutschland kommen. Ich schalte das Radio aus.

Ein paar Kilometer flussaufwärts liegt Eisenhüttenstadt. Ohne eigenen Grenzübergang oder Autobahnanschluss präsentiert die einst nach Stalin benannte und für ein grosses Kombinat der DDR-Stahlindustrie geformte Planstadt die ganze Formalität sozialistischen Städtebaus. EKO Stahl ist noch immer der grösste Betrieb weit und breit. Fast die Hälfte der Menschen, die hier einst lebten, ist seit dem Mauerfall fortgezogen. Umbruch. Abriss. Keine Pferdemädchenparadiese. Zuwächse ergeben sich nur noch über eine «ab vom Schuss» am Stadtrand gelegene Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung für AsylbewerberInnen. Schon vor der Pandemie lebten Geflüchtete in brandenburgischen Massenunterkünften stark isoliert. Oft mehr als 500 BewohnerInnen in Mehrbettzimmern, die monatelang auf Behördenentscheidungen warten. In Doberlug-Kirchhain, südlich von Eisenhüttenstadt, hat man die Einrichtung in ein militärisches Sperrgebiet gelegt. Der einzige Bus wurde, vorgeblich zur Eindämmung des Coronavirus, eingestellt – ein Offenbarungseid des institutionellen Rassismus im Lande.

Nur normal Corona

Weiter südlich, am Zusammenfluss von Oder und Neisse, liegt Guben-Gubin, eine «europäische Doppelstadt», wie sich der Ort selbst bewirbt. Der historische Stadtkern am östlichen Ufer gehört seit dem Potsdamer Abkommen von 1945 zu Polen. Die wenigen Menschen, die in den Dörfern auf westlicher Seite nicht auf ihren durch hohe Mauern von der Strasse getrennten Höfen sitzen, blicken misstrauisch den seltenen BesucherInnen hinterher. Ein Huhn hat sich verirrt und flattert verwirrt vor der Kirche herum. Trotz der tradierten Fremdenfeindlichkeit sind in den Städten entlang der Flussgrenze familiäre, strukturelle und wirtschaftliche Geflechte entstanden, die in den Krisenstäben beider Länder schlichtweg ignoriert wurden. Das ist umso fataler, bedenkt man die verfestigten rechtsextremen Strukturen auf deutscher Seite. Eine Menschenjagd durch die Gubener Innenstadt, die im Februar 1999 den algerischen Asylbewerber Farid Guendoul das Leben kostete, sorgte weltweit für Schlagzeilen. Heute fährt die AfD hier Ergebnisse um dreissig Prozent ein.

An der verwaisten Brücke, die Guben mit Gubin verbindet, wartet ein Kleinbus auf Passagiere: ArbeiterInnen aus ähnlich abgehängten Orten in Polen auf dem Weg zu niedersächsischen Spargelfeldern oder Baustellen im Rheinland. Die müssen jetzt zu Fuss über die Brücke. Gegenüber erinnert eine Traditionsstube an die alte Heimat – drüben, auf der anderen Flussseite. Vaterland ist abgebrannt.

Die nächste Stadt, Forst, wirkt vergleichsweise belebt. Vor dem Ortseingang äsen Lamas. Auch das ist Brandenburg: exotische Tiere in versandenden Landschaften, zwischen Industrieruinen und entleerten Dorfplätzen. An der Tankstelle werden wir BerlinerInnen mit unseren Mundschutzen verspottet. Auf der Heckscheibe eines VW Golf prangt ein Aufkleber: «Ostdeutschland – Natürliche Härte». Darunter grinst der Sensenmann. Auch jenseits einschlägiger Nazikreise kokettieren die Leute gern mit ihrer krisentauglichen DDR-Prägung. Tatsächlich haben dreissig Jahre Armuts- und Ausbeutungserfahrungen vielen eine Grundhärte abverlangt, auf die sich jedoch auch EinfamilienhausbesitzerInnen mit eigenem Weinkeller berufen. Die Pandemie erscheint ihnen höchstens skurril. «Endlich drehen sich die Uhren so, wie wir es fühlen», lese ich in der Timeline eines befreundeten Malers. Für den Rückweg nehmen wir die Autobahn.

Eine Woche später verlassen wir abermals die Stadt, diesmal in Richtung Nordwest. Kein Feiertag. Nur normal Corona. Wir fahren in den Landkreis Ostprignitz-Ruppin, dessen Betreten uns an Ostern noch verboten war. Das Virus sollte ausgesperrt werden, ein Gericht aber hatte der Klage von Berlinern, die hier einen Zweitwohnsitz unterhalten, stattgegeben. Der Versuch totaler Abriegelung erscheint umso erstaunlicher, als die Region stark vom Tourismus abhängig ist.

Fast allein tuckern wir die sonst viel befahrene Bundesstrasse 96 entlang, die bis hoch auf die Ostseeinsel Rügen führt. Was vor allem fehlt: der übliche dichte Verkehr ins weiterhin abgesperrte Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Rehwild ist aus dem Wald herausgetreten, äst in der Sonne. Ein Stand mit Spargel steht verwaist am Strassenrand. Für die Ernte wurden erst vor wenigen Tagen Tausende rumänische Billiglöhner eingeflogen und in zu vollen Bussen auf die Betriebe verteilt. Schutzlos im Mehrbettzimmer. Drei Euro Stundenlohn und vierzehn Euro für das Kilo Spargel. Der Coronatod eines Arbeiters sorgte einen Tag lang für Schlagzeilen.

«Andi, is dit Bier kalt?»

Es ist ein altes Lied: Den Einheimischen stört der Ausflügler, die Ausflüglerin die Einheimischen. Mit Stadtflucht ist bis auf weiteres Schluss. Mit dem Misstrauen nicht. Zwar hat die Gegend bei geschlossenen Häfen, Museen und Biergärten ihren Lockreiz für die Masse der Grossstädter verloren, doch manche wollen sich den Waldspaziergang nicht nehmen lassen. Sie sind gewarnt. Es hat sich rumgesprochen, dass beflissene BrandenburgerInnen Notrufleitungen besetzen, um das Auftauchen von Nichteinheimischen zu melden. Die über Kleingärten wehenden Reichskriegsflaggen werden sichtbarer.

In Rheinsberg mit seinem berühmten Schlosspark am See ist selbst der Supermarktparkplatz leer. Eine rote Ampel wirkt wie ein Scherz. Am Hafen wird ein Hausboot ins Wasser gelassen, von der Polizei überwacht. Eine weitere Streife kommt gefahren, scheint auf uns zuzuhalten. Wissen die noch nichts vom Gerichtsurteil? Dann aber tönt es aus dem Lautsprecher des Streifenwagens: «Andi, is dit Bier kalt?» Ironischer Gruss an den Reeder. Fahrgastschiffe bleiben angeleint. In der geöffneten Fischräucherei bammeln armdicke Aale. Eine Spaziergängerin erzählt uns von einer Gruppe junger Bolivianer: «Die sollten hier auftreten und sind nun gestrandet. Dauerproben in der Musikakademie.»

Über Twitter verbreitet sich die neuste Forderung der AfD: Keine Coronatests für Flüchtlinge. «Deutsche zuerst» gehört eben zum Grundrepertoire. Im Radio erklären die Ärzte ohne Grenzen zur Situation im Camp Moria: Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Die Lokalzeitung weiss davon wenig zu berichten, wohl aber von aktuellen Skandalen: An Ostern zwei Lämmchen geköpft! Mutwillig Ortsschilder vertauscht! Werkstatt entglast – Vandalismus!

Am Strassenrand werden Ausflugsziele beworben. Dazwischen: Gedenktafeln, die an die Todesmärsche erinnern. Von den KZs Sachsenhausen und Ravensbrück wurden 16 000 Menschen nach Raben Steinfeld südlich von Schwerin geschickt. Das war im April vor 75 Jahren.

Unser letztes Ziel ist die Fontane-Stadt Neuruppin. Vor der Eisdiele hat sich eine Schlange gebildet. In sicherer Entfernung voneinander unterhalten sich zwei Altenpflegerinnen. Es gebe keine Masken bei der Arbeit, da habe eine Nachbarin geholfen. «Sind aber zu dick. Kriegste keene Luft.» Am Ortsende entdecken wir Plakate des örtlichen Veranstaltungsmanagements. Sie zeigen ein grosses Pausensymbol in Pink auf schwarzem Grund. Wir lachen und wollen ein Foto machen. Binnen weniger Momente rotten sich die Nachbarn an ihren Grundstückszäunen zusammen. Wir fliehen. Unterwegs erreicht mich der Anruf einer alten Freundin. Ihr Sohn solle Coronatagebuch führen. Sein Beitrag zum Schulbeginn laute: «Heute war wie gestern.»

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