Marcel Ospel (1950–2020) : Der Buhmann

Nr. 18 -

Als die UBS am 16. Oktober 2008 mit 68 Milliarden Franken gerettet werden musste, wollte auf einmal niemand mehr der Freund von Marcel Ospel gewesen sein.

Der Sohn eines Basler Zuckerbäckers hatte die Bank in die Wall-Street-Liga gebracht: Nachdem er 1998 den Bankverein mit der Bankgesellschaft zur UBS fusioniert hatte, baute er diese zur globalen Investmentbank auf und schraubte die Rendite in ungekannte Höhen. Dabei verzockte er sich jedoch mit US-Hypotheken. Die Bank stand vor dem Crash, der Bund sprang ein.

Als Ospel – noch kurz vor der Milliardenrettung – zurücktrat, wurde er an der Aktionärsversammlung ausgebuht, PolitikerInnen schimpften. Als die UBS auch noch wegen Steuerhinterziehung von den USA unter Feuer geriet, bezeichnete der damalige FDP-Bundesrat Hans-Rudolf Merz die verantwortlichen UBS-Banker als «Gauner» und «Betrüger».

Dabei hatte die bürgerliche Elite Ospel zugedient, wie es nur ging. Die Fusion war vom Bundesrat explizit unterstützt worden und von der Wettbewerbskommission gebilligt, was SP-Ökonom Rudolf Strahm als «den grössten kartellrechtlichen Fehler der Schweizer Geschichte» bezeichnet hat. Ospel setzte sich 2003 für die Wahl von Merz und Christoph Blocher – der auf Ospels Hochzeit tanzte – in den Bundesrat ein. Im Amt pushten diese eine gewaltige Steuersenkung, von der auch die Banken profitierten. Der ehemalige SVP-Nationalrat Peter Spuhler sass bis unmittelbar vor der UBS-Rettung im Verwaltungsrat der Bank.

Ein Jahrzehnt nach der gespielten Empörung hat sich das grosse Vergessen breitgemacht. Während die Banken immer riskantere Kredite vergeben, öffnet ihnen SVP-Finanzminister Ueli Maurer die Tore in die saudische Diktatur und hat der Bankenaufsicht auf Wunsch des Parlaments kürzlich per Verordnung die Flügel gestutzt. Nun zieht ein neuer Sturm auf, in dem die Banken bisher nur stabil geblieben sind, weil die Regierungen weltweit Billionen ins Finanzsystem pumpen.

Vor wenigen Tagen ist Marcel Ospel siebzigjährig gestorben. Droht erneut ein Kollaps, wird man sich einen neuen Buhmann suchen.