Nr. 19/2020 vom 07.05.2020

Warum wir die Superreichen ertragen

Wie gelingt es den Vermögenden sogar in den grössten Krisen, dem Volkszorn zu entgehen? Der Wiener Ökonom und Psychoanalytiker Martin Schürz erklärt das mit Gefühlspolitik.

Von Michael Krätke

Abgeschottet und forschungsresistent: Wer viel Geld hat, gibt ungern viel preis. Foto: Alamy

Im Kapitalismus geht es um Reichtum und Armut, beides gehört zusammen. In kapitalistischen Ländern nimmt die statistisch messbare Ungleichheit von Einkommen und Vermögen seit Jahrzehnten zu. Inzwischen hat sich eine Spitzengruppe herausgebildet, deren Überreichtum selbst die Masse der Wohlhabenden und Reichen vor Neid erblassen lässt.

Der Wiener Ökonom und Psychoanalytiker Martin Schürz stellt im Buch «Überreichtum» eine entscheidende Frage: Wie gelingt es den Superreichen, dem Volkszorn zu entgehen, selbst in den grössten Krisen? Schürz geht es um Gefühlspolitik. Er will erklären, wie unsere Gesellschaften durch die Manipulation von Emotionen wie Neid, Angst, Bewunderung, Achtung und Verachtung den exorbitanten Reichtum von ein paar wenigen ertragen, trotz gelegentlicher Ausbrüche von Empörung.

Erben und spekulieren

Von den Superreichen wissen wir wenig. Sie leben in einer anderen Welt, abgeschottet von den Normalos. Man sieht sie nicht, kaum jemand kennt Superreiche als Nachbarn, Freundinnen, Familienmitglieder. Und sie tun alles, um sich vor Neugierigen zu schützen. Während die Armenforschung blüht, wissen wir wenig über das Leben der Reichen. Da sie sich nicht gern beforschen lassen, herrscht Datenarmut. In den meisten Ländern verhindert die Politik einen klaren Blick auf den Überreichtum – von einer aussagekräftigen Vermögensstatistik bis zu einer wirksamen Vermögensbesteuerung.

Nur reich zu sein, hat den Reichen noch nie genügt. Sie wollen ein Recht auf ihren Reichtum haben, sie wollen, dass andere ihnen ihren Reichtum als ihr Verdienst zurechnen. Erst wenn alle an das moralische Recht der Reichen auf ihren Reichtum glauben, kann eine extreme Ungleichheit Bestand haben. Das tatsächliche Ausmass der Ungleichheit von Einkommen und Vermögen unterschätzen die meisten von uns – und zwar erheblich.

Wie Schürz überzeugend darlegt, fällt es schwer, die Reichtumsunterschiede rational zu rechtfertigen. Bei den Superreichen, für die Löhne und Gehälter kaum eine Rolle spielen, hilft die Leistungsideologie nicht weiter. Glück, persönliches Verdienst, persönliche Talente, harte Arbeit? Bei MilliardärInnen eher unerheblich. Wer heute mit Milliardenbeträgen spekuliert, hat das Vermögen entweder geerbt – oder spekuliert mit anderer Leute Geld, auf Kredit. Mit Cleverness, mit speziellen Kenntnissen oder Fähigkeiten hat erfolgreiche Spekulation wenig zu tun.

Martin Schürz hält eine besondere Art von «Gefühlspolitik zugunsten der Reichen» für entscheidend. Wir ertragen die exorbitante Ungleichheit von Einkommen und Vermögen, weil wir gegenüber den Reichen wie den Armen ambivalente Gefühle hegen – und weil sich diese Gefühlslagen politisch manipulieren lassen. Gesellschaftliche Privilegien sind seit jeher mit hoher Moral verteidigt worden, Privilegierte brauchen den Glauben an ihre mehr oder weniger aussergewöhnliche Tugend. Superreiche inszenieren sich als Tugendbolde, als Spenderinnen und Stifter, als grosszügige Freundinnen der Armen, als vorbildliche Bürger. Sie tun Gutes, sie schaffen Neues, sie präsentieren sich als Genies, als soziale AufsteigerInnen, als Ausnahmetalente.

Opfer anonymer Mächte

Diese Gefühlspolitik zugunsten der Reichen – und oft zuungunsten der Armen – führt Schürz an Beispielen vor. Krisen sind dabei Hochzeiten der Gefühlspolitik. Der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt konnte den New Deal in den 1930er Jahren nur durchsetzen, indem er auf der Klaviatur der ambivalenten Gefühle gegenüber Reichen und Armen spielte. Die Regierungspropaganda stellte auf die Krise als eine Art Naturkatastrophe ab und vernebelte den Kontrast zwischen Armen, Arbeitslosen und Reichen. Die Reichen verschwanden aus dem Bild der Krise, die Armen erschienen als Opfer anonymer Mächte.

Während der Finanzkrise wurde ab 2008 die allgemeine Empörung von der hohen Politik ganz bewusst abgelenkt – auf die Boni der Banker, auf menschliche Laster wie Gier und Eitelkeit. Bei dieser Gefühlspolitik spielen WirtschaftsjournalistInnen ebenso eine Rolle wie die PR-Stellen der grossen Konzerne und der Politik.

Es lohnt sich, mit dem Autor auf Gefühle zu schauen, wenn man erklären will, warum es in den meisten kapitalistischen Ländern gelungen ist, den Erbschafts- und Vermögenssteuern die Zähne zu ziehen oder sie ganz abzuschaffen. In einer Gesellschaft von EigenheimerbInnen lässt sich die Angst um die eigene ökonomische Sicherheit leicht manipulieren. Bei Erbschaften denken auch diejenigen, die nichts zu vererben haben, an Vor- und Fürsorge der Eltern, an die Zukunft der Kinder. Gerade wer nur wenig zu vererben oder zu erben hat, fühlt sich leicht in einer Front mit den Erblasserinnen und Erben der Oberliga, wenn es gegen den Staat und seine Steuern geht.

Die Politik in Ländern wie den USA, Grossbritannien, der Schweiz ist seit jeher reichenfreundlich. Es gehört zum guten Ton, den Reichen, zumal den Superreichen, nicht zu nahe zu treten. Gefühlspolitik hilft, die Nichtreichen auf Abstand und ruhig zu halten. Da liegt die Frage nahe, welche Gefühlspolitik es bräuchte, um den Überreichtum erfolgreich anzugreifen.

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