Nr. 20/2020 vom 14.05.2020

Das Patriarchat der Daten

Alles, was uns umgibt, wird anhand von Daten konzipiert und gebaut. Diese nehmen allerdings häufig Männer zur Norm. In ihrem Buch «Unsichtbare Frauen» analysiert Caroline Criado-Perez die Folgen des «Gender Data Gap».

Von Anina Ritscher

Stellen Sie sich vor, Sie gehen durch eine Welt, in der nichts so recht passen will. Ihr ganzes Leben lang sind elektronische Geräte ein wenig zu gross für Ihre Hände, die Temperatur im Büro ein wenig zu niedrig. Klingt lästig? Willkommen in der Welt von Frauen.

Alles um uns herum wird gestaltet und gebaut anhand gesammelter Daten: Daten über die Grösse der durchschnittlichen Hand oder die durchschnittliche Körpertemperatur zum Beispiel. Und diese Daten beziehen sich fast immer auf Männer. Mit diesen Prämissen beginnt das Buch «Unsichtbare Frauen» von Caroline Criado-Perez. Seite um Seite, Kapitel um Kapitel listet die britische Journalistin Belege auf, die zeigen, dass Frauen seit jeher bei der Datensammelei vergessen werden. Criado-Perez nennt das Phänomen «Gender Data Gap» – die Datenlücke.

Die Schlange vor dem Frauen-WC

Spracherkennungssoftware in Autos reagiert etwa mit siebzigprozentiger Wahrscheinlichkeit besser bei männlichen Stimmen als bei weiblichen. Das liegt daran, dass die Software mit Stimmdaten geschult wird, die meistens von Männern stammen. Smartphonehersteller bauen ihre Geräte für die durchschnittliche Handgrösse eines Mannes, sodass es Menschen mit kleineren Händen oft nicht gelingt, einhändig ein Foto zu schiessen.

Und die Vorschrift darüber, wie viel Quadratmeter eine öffentliche Einrichtung für die Toiletten einplanen muss, ignoriert, dass mehr Männer auf derselben Fläche urinieren können als Frauen, weil jene sowohl Kabinen als auch Pissoirs nutzen. Zudem brauchen Frauen im Schnitt 2,3 Mal länger auf dem WC, was auch daran liegt, dass sie öfter Kinder oder pflegebedürftige Menschen begleiten. Das Resultat: Vor Frauentoiletten sind oft lange Schlangen, während Männer selten warten müssen.

Die Folgen des «Gender Data Gap» reichen aber weit über solche eher trivialen Unannehmlichkeiten hinaus. In die Planung des öffentlichen Raums zum Beispiel. Dort haben Frauen doppelt so oft Angst wie Männer: Sie passen ihre Wege entsprechend an und meiden gewisse Strecken, Zeiten und Verkehrsmittel. Und das obwohl Männer öfter Opfer von Verbrechen im öffentlichen Raum werden. Doch auch hier hat die Datenlücke unliebsame Folgen: Denn obwohl es mehr Straftaten gegen Männer gibt, sind Frauen in der Öffentlichkeit täglich bedrohlichen Verhaltensweisen ausgesetzt. Nur melden sie diese fast nie: Ein Hinterherpfeifen oder ein anzüglicher Kommentar reichen nicht für eine Anzeige, lösen aber dennoch Verunsicherung aus.

Dieses Gefühl taucht in keiner Statistik auf. Es ist darum unmöglich, genau zu sagen, wie häufig derlei tatsächlich passiert. Criado-Perez fordert daher Verkehrsunternehmen auf, Daten über sexuelle Belästigung im öffentlichen Verkehr zu sammeln – und dann Vorkehrungen zu treffen, damit Frauen sich sicherer fühlen.

Wer geht welche Wege?

Selbst die städtische Schneeräumung basiert auf der Datenlücke: Als eine norwegische Stadt statt der Strassen zuerst die FussgängerInnen- und Fahrradwege räumen liess, gab es plötzlich weniger Unfälle und vor allem verunfallten weniger Frauen. Analysen ergaben: Frauen legen komplexere Strecken zurück und sind öfter zu Fuss unterwegs als Männer – auch weil sie öfter nicht nur einen Arbeitsplatz haben, sondern auch noch Care-Arbeit und Haushaltsjobs erledigen. Männer dagegen haben einfache Wege und sind öfter mit dem Auto unterwegs. Indem man also normalerweise bei der Schneeräumung dem Autoverkehr Priorität einräumte, benachteiligte man Frauen, ohne es zu merken.

Die Menge an Beispielen, bei denen zu wenige oder gar keine Daten zur weiblichen Lebens- und Arbeitsrealität gesammelt werden, scheint endlos. In der Medizin ist die Datenlücke besonders verheerend: So fanden ForscherInnen erst in den vergangenen Jahren heraus, dass Herzinfarkte bei Männern und Frauen andere Symptome auslösen. Zudem werden Medikamente oft nur an Männern getestet, um die Hormonschwankungen des Menstruationszyklus auszuschliessen. Dabei wirken viele Wirkstoffe bei Männern anders als bei Frauen.

Stellenweise ist der aufzählende Charakter des Buchs ermüdend. Dennoch ist «Unsichtbare Frauen» eine wertvolle Materialsammlung, die die Allgegenwärtigkeit der Datenlücke beweist. Die schiere Menge an Belegen zeigt: Es handelt sich hier nicht einfach um ein paar altmodische Forscher oder einige Zufälle, sondern das Vergessen hat System. Zudem liefert das Buch auch Stoff für die Diskussion um die sogenannte Identitätspolitik. Criado-Perez schreibt: «Die Folge dieser zutiefst männlich dominierten Kultur ist, dass männliche Erfahrungen und Perspektiven als universell angesehen werden, während weibliche Erfahrungen – also die Erfahrungen der Hälfte der Weltbevölkerung – als, nun ja, Randerscheinungen wahrgenommen  werden.»

Es geht nicht mehr nur darum, die eigene marginalisierte Erfahrung sichtbar zu machen. Vielmehr zeigt ihre Untersuchung, wie Identitäten sich in die materielle Welt einschreiben, in der wir leben.

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