Nr. 20/2020 vom 14.05.2020

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Fachstellen erwarten einen Anstieg von gemeldeten Fällen häuslicher Gewalt erst nach dem Ende des Lockdowns. Nun hat der Bund eine Kampagne für Betroffene lanciert. NGOs und Frauenhäuser wurden nicht miteinbezogen – und kritisieren die fehlende Strategie des Bundes.

Von Miriam Suter

Dass häusliche Gewalt zunimmt, wenn wie jetzt Familien und Paare während Wochen ständig zusammen sind, war für Fachstellen und ExpertInnen von Anfang an klar. Länder, die den Lockdown vor der Schweiz eingeführt haben, bestätigen diese These: In China und Frankreich etwa verzeichnet man dreimal so viele Fällen wie vor der Pandemie.

In der Schweiz ist dagegen bislang nichts von einem Anstieg bekannt – Fachstellen gehen aber davon aus, dass sich viele Betroffene erst mit der Lockerung des Lockdowns melden werden. Italien und Spanien hatten früh entsprechende Vorkehrungen getroffen, um Betroffenen zu helfen. In Italien sprechen NGOs die Frauen direkt im Supermarkt an, in Spanien können Betroffene an der Apothekenkasse ein Codewort sagen, um sich Hilfe zu holen.

Auch in der Schweiz gibt es Bestrebungen, allerdings noch sehr zurückhaltende: «Hilfe bei Spannungen zuhause – auch in Coronazeiten» steht auf der Vorlage für einen Flyer, die die Taskforce des Bundes für häusliche Gewalt Ende April an Apotheken, Drogerien und Bäckereien vermailt hat. Die GewerbeinhaberInnen sind dazu angehalten, die Flyer auszudrucken und aufzuhängen. Darauf sind die Website der Opferhilfe Schweiz sowie die Telefonnummer der Polizei aufgedruckt. Betroffene von «Aggressionen» sollen sich an die Opferhilfe wenden, wer bedroht wird oder Gewalt erfährt, soll die Polizei rufen. Die Kampagne ist billig: Die Verantwortung für den Aushang der Flyer wird zum Grossteil auf Private abgewälzt. Ob diese mitmachen, ist ihnen selbst überlassen. Und: Das Wort «Frauenhaus» steht nirgends.

Kampagne ohne NGOs

Die Taskforce des Bundes, die diese Kampagne entworfen hat, besteht aus staatlichen Organisationen. Federführend ist das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG). NGOs oder Frauenhäuser selber gehören nicht dazu – jedoch gibt es einen wöchentlichen Austausch zwischen der Taskforce und der Dachorganisation der Frauenhäuser (DAO).

«Eigentlich dürfte eine solche Kampagne nicht gemacht werden, ohne die NGOs und Frauenhäuser direkt mit einzubeziehen», sagt Simone Eggler, Projektleiterin bei Terre des Femmes Schweiz. Dass der Bund eine Kampagne für Betroffene von häuslicher Gewalt lanciert, begrüsst Eggler aber: «Ich kann nur sagen: endlich! Aber um dieses Thema hätte sich der Bund viel früher kümmern müssen, vor dem Lockdown – und eigentlich auch schon vor Corona.» Dass in Krisenzeiten – egal ob Pandemie oder Rezession – die Gewaltbereitschaft im Allgemeinen und diejenige gegen Frauen im Speziellen ansteigt, sei nichts Neues. Unter «Opferhilfe» könnten sich zudem die meisten Betroffenen nicht wirklich etwas vorstellen.

Das EBG schreibt dazu auf Anfrage der WOZ: «Das Thema von Schutzunterkünften wird auf den Plakaten durchaus erwähnt.» Schliesslich stehe auf dem Flyer: «Wir können beraten, begleiten, finanziell unterstützen, intervenieren, aber auch beherbergen.» Die Plakate sollten eine möglichst einfache, schnell zu erfassende Botschaft enthalten. Zudem sei die Opferhilfe für alle Opfer zuständig, auch für diejenigen, die nicht in ein Frauenhaus gehen wollen oder können – sie vermittle aber, wenn gewünscht, Schutzunterkünfte, und auf der Website seien alle Frauenhäuser aufgelistet. Viel investieren möchte der Bund offenbar nicht: Laut EBG können die Kosten zwar noch nicht klar beziffert werden, sie werden aber «übersichtlich sein». Neben Personalkosten des EBG beschränkt sich die Investition auf Grafikarbeiten und Übersetzungen.

Nationale Strategie fehlt

Eggler sieht noch weitere Kritikpunkte: «Wie soll die Kampagne Migrantinnen erreichen, die keine der vier Landessprachen sprechen? Oder Frauen, die isoliert sind?» Dafür gibt es seitens der Taskforce Lösungsansätze: Die Flyer und Plakate sollen bald in weitere Sprachen übersetzt werden, zudem sei eine Social-Media-Kampagne geplant. Für Eggler fehlt aber bislang grundsätzlich etwas, Corona hin oder her: eine nationale Strategie gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt. Eine solche auszuarbeiten, dazu hat sich die Schweiz mit ihrem Beitritt zur Istanbul-Konvention im April 2018 verpflichtet. Dabei handelt es sich um einen völkerrechtlichen Vertrag des Europarats zur Verhütung und zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Für Marlies Haller vom DAO-Vorstand liegt das Problem im Föderalismus: «Frauenhäuser und Beratungsstellen für häusliche Gewalt erbringen Leistungen nach dem nationalen Opferhilfegesetz. Umgesetzt wird es aber von den einzelnen Kantonen – eine nationale Strategie zu entwickeln, ist so sehr schwierig.»

Für Haller und Eggler stellt sich nun die Frage: Wie gross ist der politische Wille, das Thema häusliche Gewalt langfristig zur Priorität zu machen? Ein Anfang wäre etwa eine landesweit einheitliche Telefonnummer, unter der sich Betroffene von häuslicher Gewalt rund um die Uhr Hilfe holen können. Denn, so ergänzt Eggler: «Bei häuslicher Gewalt herrscht jeden Tag Notstand, nicht nur während der Coronakrise.»

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