Nr. 09/2022 vom 03.03.2022

Systemrelevant und gewaltbetroffen

Wie hat sich die Coronakrise auf die Situation von Frauen in der Schweiz und weltweit ausgewirkt? Auch wenn verlässliche Zahlen bisher fehlen: der Versuch eines Zwischenfazits – pünktlich zum Internationalen Frauentag am 8. März.

Von Natalia Widla

Man kann nicht raus, die Kinder toben, und abends dreht der Ehemann durch: Während der Pandemie haben viele Frauen sich selbst hintangestellt (Symbolbild). Foto: Christof Schürpf, Keystone

Dass die Coronakrise die Situation in der bezahlten und unbezahlten Pflege- und Sorgearbeit verschärft hat, wie es die Uno-Fachstelle für die Gleichstellung und Stärkung der Frauen, UN Women, bereits Ende 2020 prognostizierte, kann Natascha Wey von der Gewerkschaft VPOD nur bestätigen. Denn: «Ein Grossteil der bezahlten Pflegeberufe sind weibliche Berufe. Als solche geniessen sie eine tiefe Anerkennung und werden auch schlechter entschädigt, daran hat auch die Coronapandemie – zumindest bis jetzt – nichts geändert.»

Zwar habe die Bevölkerung wohl aufgrund der gesteigerten Aufmerksamkeit für diese Berufe während der Pandemiemonate die Pflegeinitiative als einen «Akt der Solidarität und des Respekts» angenommen, wie Elvira Wiegers, ebenfalls Gewerkschafterin beim VPOD, auf Anfrage schreibt. Aber: «Wie ernst Politik und Arbeitgeber diesen Volksauftrag und die Signale des Gesundheitspersonals nehmen, werden wir unter anderem daran erkennen, wie schnell und nachhaltig diese Initiative umgesetzt wird.»

Arbeit reduziert, Stellen aufgegeben

Neben diesen «Fronberufen», wie sie Wey nennt – etwa Pflegerin oder Kinderbetreuerin –, seien während der Pandemiemonate aber auch zahlreiche professionalisierte Care-Berufe massiv unter Druck geraten, die sich weitgehend ausserhalb des gesellschaftlichen Fokus bewegten. Und in der öffentlichen Meinung auch nicht gross aufgewertet wurden, jedoch primär von Frauen ausgeübt werden: So sind etwa in der EU 95 Prozent aller Haushaltsputzkräfte und Haushaltshilfen Frauen. Diese seien, wie das EU-Parlament in einem Dokument zum Thema festhält, von besonders negativen Auswirkungen auf ihre Arbeitsplatzsicherheit betroffen, auch in der Schweiz: «Gerade in der Reinigungsbranche kam es zu Lohnausfällen* und zu Auftragseinbrüchen, etwa weil Events nicht stattfanden und Menschen im Homeoffice arbeiteten», so Wey.

Neben der Prekarisierung bestimmter Bereiche der Lohnarbeit stieg mit der Einführung gewisser Pandemiemassnahmen auch der Aufwand im Bereich der unbezahlten Care-Arbeit, also der Betreuung und Pflege von Kindern, aber auch von kranken oder älteren Familienangehörigen. Auch hier leisten Frauen einen Grossteil der Arbeit, gemäss einer Erhebung des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) aus dem Jahr 2010 zu rund zwei Dritteln.

Hanna Jordi, Kommunikationsverantwortliche des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung (EBG), bestätigt auf Anfrage der WOZ, dass während des Lockdowns im Frühjahr 2020 auch Schweizerinnen in der Tendenz mehr Zeit als Männer für die Kinderbetreuung aufwendeten und deswegen ihre Erwerbsarbeit reduzieren mussten oder ihre Arbeitsstellen ganz aufgaben. Das EBG hatte damals beim Meinungsforschungsinstitut Sotomo eine gross angelegte Studie in Auftrag gegeben, um die gleichstellungspolitischen Auswirkungen der Pandemie bereits in ihren Anfängen zu erfassen.

Damals erschienen auch mehrere Studien des Schweizer Kompetenzzentrums Sozialwissenschaften (Fors). Diese befassten sich mit ähnlichen Fragen und kamen zu denselben Schlüssen. Demnach kam es bei der Arbeitsteilung innerhalb von Partnerschaften während des Lockdowns tendenziell zu einer Retraditionalisierung: Besonders Personen aus der Dienstleistungssparte und schlechter entlöhnten Berufen, in denen Homeoffice keine Option war, büssten Einkommen ein oder mussten den Job aufgeben, um für die Kinder da zu sein. Innerhalb dieser Gruppe waren es wiederum meist die Frauen, die zu Hause blieben und von Lohnausfällen betroffen waren. Gut gebildete Frauen waren davon gemäss derselben Sotomo-Studie deutlich weniger betroffen.

Die Schattenpandemie

Wie die Gleichstellungssituation in der Schweiz nach nunmehr fast zwei Jahren Pandemie zu werten ist und welche Effekte nur vorübergehender Natur waren, wird sich wohl erst in den nächsten Monaten zeigen. Zumindest eine Antwort auf die Frage nach monetären Folgen der Pandemie für Frauen wird gemäss Hanna Jordi womöglich eine Studie mit dem Namen «Genderspezifische Effekte der staatlichen Massnahmen des Bundes zur Bekämpfung des Coronavirus Covid-19» geben können, die die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen (EKF) diesen Sommer publizieren will.

Menschen in Pflege- und Sorgeberufen waren während der Pandemie besonders exponiert. Damit einhergehende mentale Erschöpfung ist dabei nur eines von zahlreichen Gesundheitsrisiken, denen vor allem Frauen in den letzten zwei Jahren ausgesetzt waren. So warnten Expert:innen bereits zu Beginn der Pandemiemassnahmen auch vor einer Zunahme häuslicher und sexualisierter Gewalt aufgrund von ökonomischer Unsicherheit, Frust und engen räumlichen Verhältnissen.

Jetzt, gut zwei Jahre später, stützen erste Zahlen diese Vermutung. So sind in einer Reihe von EU-Ländern Meldungen über häusliche Gewalt um mehr als 25 Prozent angestiegen. Wie das EU-Parlament in einer Stellungnahme dazu schreibt, dürften diese Zahlen jedoch nur die schlimmsten Fälle widerspiegeln, da im Schnitt weniger als 40 Prozent der Frauen, die Gewalt erlebten, Hilfe suchten. Als «Schattenpandemie» bezeichnete UN Women diesen pandemiebedingten Anstieg der Gewalt gegen Frauen.

Während des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 blieb die erwartete Zunahme von Meldungen häuslicher Gewalt hierzulande zur allgemeinen Überraschung vorerst aus: «Wir standen vor einem Rätsel», erinnert sich Corina Elmer von der Frauenberatung sexuelle Gewalt. Rückwirkend vermutet Elmer einen einfachen Grund für die fehlende Zunahme der Meldungen: «Viele Frauen litten unter der Mehrfachverantwortung und plötzlichen ökonomischen wie sozialen Belastung. Sie priorisierten wohl die Krisensicherung vor dem eigenen Wohlbefinden.»

Elmer vermutet, dass sich viele Frauen gerade während des Lockdowns bewusst zurücknahmen und entsprechend weniger Meldungen erstattet wurden. Hinzu komme, dass gerade Notrufe erschwert bis verunmöglicht worden seien, da viele Frauen plötzlich mit einem gewalttätigen Partner allein waren und das Haus kaum verlassen konnten. Andere Experten, etwa Dirk Baier, Professor am Institut für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), teilen Elmers Einschätzung. Beyer sagte in einem ZHAW-internen Interview: Der Rückgang an Meldungen «bedeutet natürlich nicht, dass die Coronakrise häusliche Gewalt verhindern oder verringern würde. Vielmehr führt der Lockdown dazu, dass häusliche Gewalt weniger entdeckt und seltener an die Fachstellen vermittelt wird.»

Dafür spricht gemäss Corina Elmer unter anderem, dass nach den Lockdown-Wochen auch in der Schweiz die Meldungen zu häuslicher und sexualisierter Gewalt stetig anstiegen. So verzeichnete die Frauenberatung sexuelle Gewalt 2021 gegenüber 2020 fast zwölf Prozent mehr Meldungen.

Wie das EU-Parlament zudem in einem Übersichtspapier zu diesem Thema festhält, haben besonders auch Gewalt, Missbrauch und Ausnutzung im digitalen Raum während der Pandemie zugenommen: Dies betraf vor allem Kinder und Jugendliche, und innerhalb dieser Gruppe waren besonders Mädchen betroffen. Diesen Eindruck bestätigt auch Corina Elmer: «Weil die Menschen mehr zu Hause waren und diese Kommunikationskanäle vermehrt nutzten, verschob sich die Gewalt zunehmend in den virtuellen Raum.»

Globale Auswirkungen

Da die Coronapandemie wie jede Krise eine intersektionale Wirkungsmacht hat, litten erwartungsgemäss gerade Frauen und Mädchen aus ärmeren Schichten auch stärker unter den Folgen der Pandemie. Die Uno-Frauenrechtsorganisation, Amnesty International und die Frauenrechtsorganisation Women on Web schlugen bereits Anfang 2020 Alarm. In einigen Ländern, darunter Saudi-Arabien, die Türkei, Nepal oder Südafrika, war der Zugang zu geschlechtsspezifischer Medizinversorgung und vor allem zu sicheren Abtreibungen erschwert bis verunmöglicht.

Zudem geht die Uno-Frauenrechtsorganisation davon aus, dass es während der Pandemie aufgrund von Einschränkungen global zu einem bisher nicht bezifferten Anstieg der Mütter- und Kindersterblichkeit und von weiblichen Genitalverstümmelungen kam.

* Korrigenda vom 3. März 2022: In der neuen Onlineversion wurde das Wort «Massenkündigungen» durch «Lohnausfällen» ersetzt.

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