Nr. 21/2020 vom 21.05.2020

Mit Sachlichkeit und Mitgefühl

Was nützt am besten zur Eindämmung des Coronavirus? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Was auf alle Fälle nicht schadet: Frauen an der Regierungsspitze.

Von Cigdem AkyolMail an AutorIn

Die Situation sei immer noch unter Kontrolle, tönte vor wenigen Tagen US-Präsident Donald Trump trotz Coronafällen im Weissen Haus. Sein brasilianischer Amtskollege Jair Bolsonaro beschwichtigte mehrfach, die Pandemie sei ein «Grippchen», und Russlands Machthaber Wladimir Putin glaubt wieder einmal, ausländische Agitation am Werk zu sehen: Falschmeldungen zur Pandemie in Russland würden Panik säen (vgl. «Der autoritäre Staat denkt nur an sich»).

Die Ausreden der lautstarken Männer lassen etwas anderes vermuten: Regierungen mit Frauen an der Macht kommen deutlich besser durch die Krise. Von Dänemark bis Norwegen, von Finnland bis Island, von Taiwan bis Neuseeland: weibliche SpitzenpolitikerInnen haben «ihre» Länder souverän durch die erste Welle gesteuert. Spätestens mit dem Blick nach Deutschland mit seinen 83 Millionen EinwohnerInnen wird klar, dass diese Vermutung nicht nur für Kleinstaaten gilt. Unabhängig von der Grösse des Landes gibt es durchaus Faktoren, die sich vergleichen lassen. Dazu zählen die Reaktionsgeschwindigkeit, eine Strategie der Risikominimierung, empathische Kommunikation – und Pragmatismus.

Entschieden gehandelt

Beispiel Taiwan: Das Land liegt auf der Luftlinie nur 940 Kilometer vom chinesischen Wuhan entfernt, wo die Pandemie ihren Ursprung hatte. Dass der Inselstaat vom Virus heftig getroffen werden würde, schien deshalb naheliegend, doch es kam anders: Noch während Peking öffentlich bestritt, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wird, reagierte Taipeh. Die chinakritische Präsidentin Tsai Ing-wen liess die Grenzen zum Festland schliessen, ein Trackingsystem wurde eingeführt, die Produktion von Schutzausrüstung erhöht. Obwohl keine Ausgangssperren ausgerufen wurden, gab es bisher laut der Johns Hopkins University nur sieben Todesfälle in der Republik, und das bei rund 24 Millionen EinwohnerInnen.

Radikal und schnell handelte auch Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern. Sie vollzog einen scharfen Lockdown, als erst wenige Dutzend Infektionen auf der Insel nachgewiesen waren. Alle, die nach Neuseeland zurückreisten, mussten in Quarantäne. Ihre isländische Amtskollegin Katrin Jakobsdottir wiederum ermöglichte, dass im Inselstaat mit seinen 360 000 EinwohnerInnen grossflächig getestet wurde. Viele andere Länder führten Tests nur bei Risikogruppen und Menschen mit Symptomen durch. Auch in Island wurde ein Rückverfolgungssystem eingeführt. In beiden Ländern sind die Sterberaten vergleichsweise gering – in Neuseeland mit seinen rund 5 Millionen EinwohnerInnen erlagen bisher 21 Personen und auf Island 10 der Lungenkrankheit.

Haben diese erfolgreichen Strategien tatsächlich damit zu tun, dass Frauen die Politik bestimmen? Eine durchaus gewagte These, meint Jasmin Siri, Soziologin an der Universität München, die zu Gender und Politik forscht. Eine Regierungschefin an der Spitze sei schliesslich nur einer von vielen Faktoren, wie eine Pandemie oder überhaupt eine Krise bearbeitet werde. Generell lasse sich ein unterschiedlicher Führungsstil zwischen Männern und Frauen wissenschaftlich nicht nachweisen. Was sich aber auf jeden Fall zeige: «Rechtspopulistische Politikangebote, wie sie von Trump und anderen Männern, manchmal aber auch von Frauen angeboten werden, stossen an ihre Grenzen, sobald es um Realpolitik wie die Bewältigung einer Pandemie geht.»

Tatsächlich fällt auf, dass die Verbreitung von Fake News und Populismus bei den erwähnten Spitzenpolitikerinnen nicht vorkommen. Sie reagierten ernsthaft und sachlich wie etwa die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihre ruhige Erklärung der Infektionsrate verbreitete sich viral – nun wird bereits über eine fünfte Amtszeit der Kanzlerin diskutiert, die politisch doch längst abgeschrieben war. In ihrer Fernsehansprache im März betonte die in der DDR aufgewachsene Merkel auch, dass «für jemanden wie mich, für die Reise- und Bewegungsfreiheit ein schwer erkämpftes Recht waren», Einschränkungen der Grundrechte nur in absoluten Ausnahmefällen zu rechtfertigen seien.

Pressekonferenzen für Kinder

Wenn sie emotional wurden, dann setzten die Frauen auf Mitgefühl: Norwegens Regierungschefin Erna Solberg wie auch die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hielten Onlinepressekonferenzen für Kinder ab. Solberg beruhigte die Kleinsten, dass es in Ordnung sei, ängstlich zu sein. Sanna Marin, Premierministerin Finnlands, wandte sich mit der Bitte an Online-Influencer, Fakten unter ihren FollowerInnen zu verbreiten – um so auch Falschmeldungen vorzubeugen.

Ob die Welt nach Corona weiblicher werden wird, fragte die «Frankfurter Rundschau» kürzlich den britischen Historiker Timothy Garton Ash. «Ja!», antwortete Ash, der zur europäischen Gegenwartsgeschichte forscht, bestimmt. «Die politischen Führungen, die in dieser Krise am besten gefahren sind, waren fast allesamt Frauen. In Deutschland, in Neuseeland, in Norwegen, in Finnland, in Taiwan. Es ist gewissermassen die Stunde der Frauen in Führung.» Bleibt nur zu hoffen, dass dies auch noch ein paar Männer mehr merken.

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