Nr. 25/2020 vom 18.06.2020

Held und Verräter

Von Toni Keppeler

Er war der erste weltweit bekannt gewordene Held der sandinistischen Revolution und ihr erster prominenter Verräter. Er war grossmäulig, draufgängerisch und eitel und wie alle eitlen Menschen leicht zu kränken. Am Ende war Edén Pastora eine gescheiterte Figur, für die sich kaum mehr jemand interessierte.

Sein grosser Tag war der 22. August 1978. Zusammen mit 25 weiteren Guerilleros der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) überfiel er als «Comandante Cero» den Nationalpalast im Zentrum von Managua und nahm über tausend Menschen als Geiseln. Nach zwei Tagen Verhandlungen wurden 59 gefangene FSLN-Mitglieder, darunter der spätere Präsident Nicaraguas, Daniel Ortega, nach Panama ausgeflogen und 500 000 US-Dollar Lösegeld bezahlt. Die Geiselnahme war der Beginn des Endes der Somoza-Diktatur, ein erstes Anzeichen für den Sieg der FSLN am 19. Juli 1979.

Pastora hatte danach einen hohen Posten in der revolutionären Regierung erwartet, wurde aber mit dem eines stellvertretenden Ministers zuerst im Innen-, dann im Verteidigungsministerium abgespeist. Er überwarf sich mit Ortega und ging 1981 nach Costa Rica, um dort die Contra-Organisation Revolutionäre Demokratische Allianz (ARDE) aufzubauen. Fünf Jahre lang versuchte er, seine ehemaligen KampfgefährtInnen militärisch zu stürzen.

Die bekannteste Episode dieser Zeit war ein Bombenattentat während einer Pressekonferenz 1984 in Pastoras Lager. Vier Journalisten wurden getötet, zwei Dutzend zum Teil schwer verletzt. Die Hintergründe des Anschlags sind bis heute nicht geklärt. 1986 gab Pastora seinen Kampf auf und wurde Fischereiunternehmer.

2006 versuchte er sich als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl, bekam aber nur blamable 0,3 Prozent der Stimmen. 2008 versöhnte er sich mit Daniel Ortega, danach trat er hin und wieder gemeinsam mit ihm öffentlich auf. Er war eine politisch tote, aber noch lebende Legende, mit der man sich gerne ausstaffierte. Nun ist Edén Pastora an Covid-19 gestorben. Sein Tod wurde am Dienstag bestätigt.

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