Nr. 26/2020 vom 25.06.2020

Antirassismus für die 99 Prozent

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Kapitalismus sprechen? Und ist dieses System überhaupt ohne Sexismus und Rassismus zu haben? Die Philosophinnen Rahel Jaeggi und Nancy Fraser finden Antworten in ihrem neuen Buch.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

Plötzlich hat «Big Business» den Aktivismus für sich entdeckt: Konzerne wie Apple, Amazon oder Starbucks solidarisierten sich zuletzt mit der Black-Lives-Matter-Bewegung, der Chef der US-Bank JP Morgan Chase liess sich sogar kniend vor einer seiner Filialen ablichten – in der Pose also, in der der Footballer Colin Kaepernick vor ein paar Jahren gegen rassistische Polizeigewalt protestiert hatte.

Tatsächlich könnte es so scheinen, als wäre das Kapital prinzipiell blind für Hautfarben oder Geschlechter: Was zählt, ist, dass die Konsumentin kaufkräftig, die Arbeitskraft leistungsbereit ist. Somit wäre der derzeit breit diskutierte systemische Rassismus in den USA und den anderen Gesellschaften des Globalen Norden eher als ein vorkapitalistisches Überbleibsel zu betrachten, das von der zivilisierenden Kraft des Marktes früher oder später weggespült werden dürfte. Lobten denn nicht schon Karl Marx und Friedrich Engels den damals heraufziehenden Kapitalismus gerade dafür, dass er die Menschen zwinge, «ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen»?

So kommt das neue Buch von Nancy Fraser und Rahel Jaeggi zur rechten Zeit: Der Band «Kapitalismus. Ein Gespräch über kritische Theorie» dokumentiert den Austausch der US-Philosophin mit ihrer Berliner Kollegin über den Stand der Kapitalismuskritik heute. Und eine zentrale These der beiden besteht gerade darin, dass dieses System unter anderem auf dem systematischen Ausschluss bestimmter Menschengruppen beruht: Kapitalismus wäre demnach notwendig rassistisch – weswegen radikale Kapitalismuskritik nur gemeinsam mit einem kämpferischen Antirassismus zu haben ist und umgekehrt. Aber der Reihe nach.

Der Marx regelt das

Selbstverständlich ist es nicht, dass sich zwei international renommierte Denkerinnen so ausführlich mit diesem Gegenstand auseinandersetzen: Noch vor wenigen Jahren war allein schon der Begriff «Kapitalismus» verpönt, weil er nach überholten ideologischen Kämpfen roch. Gegenwärtig boome die Kapitalismuskritik jedoch, wie Jaeggi eingangs festhält, was an der Finanzkrise ab 2007 und deren Folgen liege: Seit der Zwischenkriegszeit hätten die westlichen Gesellschaften nicht mehr derart instabile Verhältnisse erlebt.

Daran anknüpfend, zeigt Fraser, warum die gängige Rede von der «Marktwirtschaft» irreführend ist. So habe schon Marx seine Analyse im «Kapital» zwar mit dem Warentausch begonnen, diese dann aber in eine Untersuchung des Produktionsprozesses überführt. Dies sei der Erkenntnis geschuldet, dass für den Kapitalismus eine tiefer liegende Struktur fundamental sei, nämlich «die Organisation der Produktion durch die Ausbeutung der Arbeit». Erst hier, beim Treiben in der Fabrik, das dem Warentausch vorangeht, würden wir auf das «schmutzige Geheimnis» stossen, dass sich die Kapitalakkumulation via Ausbeutung vollzieht – also gerade nicht durch einen Tausch von Gleichwertigem auf dem Markt.

Das klingt schon fast nach Marxismus wie aus dem Lehrbuch, und tatsächlich sind Marx’ Überlegungen für Fraser wie für Jaeggi zentral; allerdings mahnt die Berliner Professorin mehrfach an, dass es «ökonomistische» Erklärungen zu vermeiden gelte – also das im orthodoxen Marxismus beliebte Verfahren, alle sozialen Phänomene reflexhaft auf materielle Interessen zu reduzieren. Andererseits habe gerade dieser Vorbehalt dazu geführt, dass die kapitalistische Ökonomie aus dem Blick geraten sei: In vielen neueren Theorieansätzen sei diese zu einer nicht näher untersuchten «black box» geworden, sodass höchstens Verteilungsfragen verhandelt worden seien.

Manchester und Mississippi

Jaeggi und Fraser zielen tiefer. Vor allem die US-Philosophin führt dabei vor, wie man mit Marx über Marx hinausdenken kann: So unternimmt Fraser immer wieder Anläufe, die Voraussetzungen offenzulegen, auf denen der Produktionsprozess beruht, die Marx aber nur beiläufig untersuchte. Da wäre zunächst die Reproduktionsarbeit, die weitgehend von Frauen ausserhalb des Marktes geleistet wird, sodass es so scheint, als hätten diese Tätigkeiten nichts mit der kapitalistischen Produktion zu tun. Faktisch aber wird hier erst das Reservoir an Arbeitskräften gebildet und beständig erneuert. Würden diese vermeintlich «privaten» Tätigkeiten plötzlich verschwinden, kollabierte das gesamte System.

Zudem beruhe die kapitalistische Warenproduktion auf einer exzessiven Aneignung von Ressourcen, weswegen ihr die Tendenz zur Naturzerstörung inhärent sei. Und schliesslich erfordere sie die rassistische Exklusion ganzer Menschengruppen. Historisch ist hier zunächst an den Imperialismus zu denken, der die Welt in «Zentrum» und «Peripherie» aufspaltete und zwischen «weissen» ArbeiterInnen und «schwarzen» Kolonisierten differenzierte: Erstere galten als formell «freie Individuen», die «nur» der Ausbeutung durch Lohnarbeit ausgeliefert waren, während Letztere direkt enteignet und entrechtet wurden.

Fraser beharrt darauf, dass es sich hier um einen notwendigen Zusammenhang handelt: «Hinter Manchester steht Mississippi», so zitiert sie dazu eine prägnante Formel des US-Soziologen Jason W. Moore (siehe WOZ Nr. 23/2020). Mit anderen Worten: Der Kapitalist konfiszierte die natürlichen Ressourcen und die Arbeitskraft «unfreier oder abhängiger Untertanen» – und konnte so die «freien Arbeiter» zu noch grösseren Profiten ausbeuten, wie Fraser sagt.

Protest als Lifestyle?

Nun sind der Manchesterkapitalismus wie auch die Sklavenhaltergesellschaften im Süden der USA längst Geschichte; ausführlich zeichnen Jaeggi und Fraser daher die Transformationen des Kapitalismus in den vergangenen Jahrhunderten nach, an deren Ende der schuldengetriebene Finanzkapitalismus der Gegenwart steht. Hier wird es besonders interessant: Traditionelle Grenzziehungen wie diejenige zwischen Haushalt und Arbeitswelt seien heute brüchig geworden – was sich etwa daran ablesen lasse, dass Familienmodelle, in denen nur der Mann die Lohnarbeit besorgt, schon allein aus finanziellen Gründen rückläufig sind.

Überhaupt verallgemeinere der Finanzkapitalismus Ausbeutung und Enteignung, so Fraser: «Nicht nur rassifizierte Bevölkerungsteile, sondern auch die meisten ‹Weissen› verdienen jetzt Löhne, die nicht die vollen Kosten ihrer Reproduktion decken.» Das ändert zwar nichts daran, dass noch immer überproportional People of Color verarmen, staatliche Gewalt erfahren oder im Gefängnis landen. Doch diese Universalisierung des Elends erklärt auch, warum sich bei den aktuellen Protesten so viele nichtschwarze Personen engagieren – anders als noch bei früheren Aufständen.

Rechte KommentatorInnen mögen derweil über angeblich saturierte weisse Jugendliche ätzen, für die die Beteiligung am schwarzen Protest blosser Lifestyle sei – mit Fraser und Jaeggi müsste man dagegen sagen, dass auf der Strasse lediglich das zusammenkommt, was zusammengehört. Sollte daraus ein dauerhafter «Antirassismus für die 99 Prozent» entstehen, der sich nicht bloss in moralischer Empörung erschöpft, dürften Wall Street und Silicon Valley die Solidaritätsnoten deutlich schwerer fallen.

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