Nr. 27/2020 vom 02.07.2020

Entspannter altern mit LSD

Von Bettina Dyttrich

Die Hippies sind in die Jahre gekommen. Heute ist eine Generation im Pensionsalter, der es an Erfahrungen mit LSD, «Pilzli» oder Haschisch nicht mangelt. Für manche sind das nur noch ferne Erinnerungen, andere konsumieren sie bis heute. Oder sie haben erst spät damit angefangen – wie der heute siebzigjährige Journalist und Erwachsenenbildner Claude Weill, der mit 53 erstmals LSD nahm und das Erlebnis als «Offenbarung» beschreibt. In seinem neuen Buch lässt er neun «PsychonautInnen» zwischen 53 und 75 zu Wort kommen. Gerade für SeniorInnen seien psychedelische Erfahrungen wichtig, um aus dem «Eingefahrensein» herauszukommen, sagt einer von ihnen.

Fast alle haben wie der Autor mit Psychedelika viel Gutes erlebt. Sie überwanden ihre Panik vor dem Tod, lernten mit Eifersucht umzugehen, einer fand einen Zugang zum Freejazz. Manche waren auch überfordert: Den Weg zu sich selbst könne man nicht abkürzen, sagt Bernhard S., der inzwischen Zen den Drogen vorzieht. Spannend ist die Geschichte von Ingo V., der als katholischer Mönch im Kloster lebte und dort mit Mitbrüdern heimlich LSD nahm, um spirituelle Erfahrungen zu machen, die er mit Gebet und Weihrauch allein nicht fand.

Drei Fachinterviews ergänzen das Buch. Erwähnenswert ist vor allem jenes mit Peter Oehen, einem der wenigen ÄrztInnen, die in der Schweiz Psychedelika anwenden dürfen. Er behandelt schwer traumatisierte Menschen, bei denen andere Therapien versagt haben. Dabei bewähre sich bei Therapiebeginn MDMA, um Vertrauen zu fördern, danach LSD, das oft erstmals Zugang zu Traumata schaffe. Oehen plädiert überzeugend für «heilsame Schlüsselerlebnisse» statt Dauermedikation.

Zu homogen ist allerdings die Gruppe, die in diesem Buch berichtet: Fast alle sind in sozialen oder Gesundheitsberufen tätig und haben ihre Drogenerfahrungen in der ökospirituellen Szene gemacht. Wo bleiben die Banker, Chefbeamtinnen, Automechaniker?

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