Nr. 28/2020 vom 09.07.2020

Nur gemeinsam geht es vorwärts

Von Ugur Gültekin

Es ist einiges in Bewegung geraten in den letzten Wochen: In Zürich, Lausanne, Genf oder Bern fanden antirassistische Demonstrationen von erstaunlicher Grösse und Kraft statt. Wer vor Ort war, weiss: Hier politisieren sich zahlreiche junge Menschen tiefgreifend, was langfristige Folgen haben wird. Auch dank ihnen wird das Selbstbild des Landes nun fundamental infrage gestellt; und es wird die Forderung nach einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem hiesigen Rassismus laut. Die Aufarbeitung von Geschichte und die Reflexion des eigenen Umgangs mit rassistischer Sprache und ausgrenzenden Symbolen sind ein wichtiger erster Schritt. Schwieriger wird der zweite: Wie werden daraus griffige Lösungsansätze, die schliesslich den Abbau von struktureller Diskriminierung zur Folge haben?

Die Forderungen der unterschiedlichen Kollektive, Organisationen und AktivistInnen sind divers. Sie reichen vom Ende des Racial Profiling durch Polizei und Justiz bis zum gleichberechtigten Zugang zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Sie thematisieren die Repräsentation von People of Color und MigrantInnen in Medien und staatlichen Institutionen genauso, wie sie erleichterte Einbürgerungen und eine radikal andere Asylpolitik fordern. Dabei geht es immer auch um eine stärkere Sichtbarkeit der eigenen Lebenswirklichkeiten.

Die Gewichtung und die Priorisierung dieser Forderungen sorgen innerhalb der Bewegung auch für Spannungen. Insbesondere die Frage, ob es die Hautfarbe, die soziale Stellung oder der bürgerrechtliche Status ist, der Menschen vor Rassismus schützt, führt zu Diskussionen. Destruktiv wird das dann, wenn die Positionen anderer kleingeredet und Rassismuserfahrungen hierarchisiert werden.

Antirassismus kann ohnehin nur feministisch und antikapitalistisch sein. Ein Antirassismus, der andere Formen der Diskriminierung ausblendet und die soziale Frage vergisst, ist nämlich auch blind für die wichtigste Funktion von Rassismus: das Degradieren, Ausgrenzen und Ausbeuten von Menschen. Rassismus war in seinem Kern schon immer eine brutale und mörderische Lüge, die Menschen ihr Menschsein abspricht und dadurch die Legitimation dafür schafft, andere ausbeuten zu dürfen. Im Kolonialkapitalismus und der damit einhergehenden Versklavung von Menschen liegt diese ökonomische Motivation auf der Hand. Weniger mörderisch, aber dennoch ausgrenzend und ausbeuterisch ging die Schweiz mit den unterschiedlichen Generationen von MigrantInnen in ihrer jüngsten Geschichte um. Die Primas, die Secondos, die Terzas können ein leidvolles Lied davon singen. Wie gewalttätig die aktuelle Flüchtlingspolitik der EU und der Schweiz ist, bezeugen über 30 000 tote Geflüchtete, die diese Politik in den letzten zwanzig Jahren gefordert hat.

Längst hängen die Dinge auf dieser Welt alle zusammen: Als der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan – der in seinem Land selbst Minderheiten rassistisch ausgrenzt – über Twitter seine Solidarität mit den antirassistischen Aufständen in den USA bekundete, entgegneten ihm die Black Socialists in America die einzig richtigen Worte: «Shut the fuck up, fascist.» Der Rassismus ist global. Der Antirassismus ist es sowieso.

An den Demonstrationen in der Schweiz laufen People of Color mit den unterschiedlichsten Biografien neben Secondas oder ehemaligen Saisonniers und geflüchteten Asylsuchenden. Es solidarisieren sich weisse Menschen aus der Klimajugend und dem Frauenstreik, neben ihnen schwingt ein Aktivist die Fahne der kurdischen Frauenverteidigungseinheit YPJ. Aus den Boxen erklingt Tupac Shakurs antirassistische Hymne «Changes».

Das alles mag in den Ohren von ZynikerInnen romantisch klingen. Doch diese Bewegung meint es ernst. Und wenn sie ihre Heterogenität als Stärke begreift, dann gehört ihr die Zukunft. Denn die angestrebte Veränderung gelingt nur gemeinsam.

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