Nr. 24/2020 vom 11.06.2020

Brutale Normalität

Der Funke der antirassistischen Proteste ist auf die Schweiz übergesprungen. Die Zeit scheint reif für politische Forderungen.

Von Anna JikharevaMail an AutorIn

Und dann war er da, der Funke, der die angestaute Wut zum Explodieren brachte: Zorn über rassistische Polizeigewalt und ökonomische Benachteiligung, ein Gefühl der Ohnmacht angesichts eines Systems, das auf Ausbeutung und Sklaverei fusst. Am 25. Mai ermordete ein Polizist in Minneapolis den Afroamerikaner George Floyd. Seither kommt das Land nicht mehr zur Ruhe. Millionen machen ihrem Ärger über die ungerechten Verhältnisse lautstark Luft. «No justice, no peace», skandieren sie. Ohne Gerechtigkeit keinen Frieden.

Proteste gegen Polizeigewalt haben eine lange Geschichte. Doch diesmal entwickeln sie eine Schlagkraft, die elektrisiert. Nun haben die Bilder der Riots in US-Städten auch in Europa den Funken gezündet. Am Wochenende nahmen sich Hunderttausende den Raum, von Zürich bis Paris, in Lausanne, Genf, London oder Berlin. Ob als Teil von Aushandlungen in ehemaligen Kolonialstaaten oder als Antwort auf einen diskriminierenden Einwanderungsdiskurs – die Menschen, die sich da Gehör verschaffen, haben endgültig genug. Vereint sind sie in ihrem Kampf um Anerkennung.

Auch in der Schweiz wird der Name George Floyd vielen im Gedächtnis bleiben. Rassismus aber – das haben die Massen auf den Strassen eindrücklich gezeigt – ist kein Problem der USA allein. So anders die Dimensionen auch sind; Polizeigewalt und Racial Profiling sind auch hierzulande Realität. Und auch hier können sie für Schwarze Menschen und People of Color, Geflüchtete und MigrantInnen tödlich enden.

«Alles bloss Einzelfälle», wird mantraartig fast nach jedem Vorfall wiederholt. Doch auch die vermeintlichen Einzelfälle haben Namen und Geschichten – an sie zu erinnern, steht am Beginn jeder Veränderung. An Hervé Mandundu etwa, der in Bex von einem Polizisten erschossen wurde; an Lamine Fatty, der im Gefängnis in Lausanne starb, oder an Mike Ben Peter, der eine brutale Polizeikontrolle in Lausanne nicht überlebte. An jene auch, deren Namen wir nicht kennen.

Was ein Wandel allerdings ebenfalls braucht, sind präzise Kategorien. «Die primäre Trennlinie, entlang derer Rassismus in der Schweiz seit der Zeit der ‹Gastarbeit› zum Ausdruck kommt, verläuft nicht zwischen Weissen und Schwarzen, sondern zwischen Schweizern und Ausländern», schrieb der Historiker Kijan Espahangizi auf dem Blog «Geschichte der Gegenwart» treffend. «Um Rassismus wirklich zu verstehen, ist es auch wichtig, dahin zu schauen, wo er eine Normalität schafft, die nicht dieselbe Empörung generiert wie offene Polizeigewalt.»

Wer in der Schweiz nach dieser «Normalität» sucht, wird schnell fündig: auf dem Wohnungsmarkt und bei der Jobsuche, auf Sozialämtern und in Ausschaffungsgefängnissen, in den Schulen und den Schaltzentralen der Macht. Auch die Geschichte darf bei dieser Suche nicht aus dem Blick geraten: die kolonialen Verstrickungen und eine antisemitische Abschottung im Zweiten Weltkrieg ebenso wie eine Migrationspolitik, die darauf abzielt, Menschen an den Aussengrenzen wie im Inland zu entrechten.

In der Pflicht, das haben die Proteste in den letzten Tagen deutlich gemacht, ist nun vor allem die Mehrheitsgesellschaft. Jenen endlich zuzuhören, die Expertise in Sachen Rassismus haben, wäre dabei wohl das Mindeste: ihren Kampf um Anerkennung tatkräftig zu unterstützen, ihnen in der Öffentlichkeit und den Institutionen Platz zu machen, die eigenen Privilegien zu hinterfragen.

Das vielleicht grösste Zeichen «weisser Vorherrschaft» ist dabei immer noch der Schweizer Pass. Denn die Entrechtung manifestiert sich nicht zuletzt auch dort, wo einem Viertel der Bevölkerung die Rechte systematisch vorenthalten werden. Hier liegt denn auch der Fixpunkt, der antirassistisches Handeln im Alltag bündelt. Der lang ersehnte Wandel, er liegt in diesen Tagen auch hierzulande in der Luft. Die Polizeigewalt zu sanktionieren, ist dabei nur das eine. Warum nicht auch dafür sorgen, dass eine Staatsbürgerschaft für alle bald schon an die Urne kommt?

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