Nr. 25/2020 vom 18.06.2020

Rassismus

Liebes «Historisches Lexikon der Schweiz»! Wir haben gesehen, dass dir ein Eintrag zum Stichwort «Rassismus» fehlt. Wir haben deshalb einen Vorschlag formuliert. Gern geschehen!

Von Bernhard C. Schär

Rassismus ist eine Weltsicht, die kategoriale Ungleichheiten innerhalb der menschlichen Art behauptet. Sie entstand mit dem Beginn der europäischen Expansion um 1500. In der Folge legitimierte sie einerseits militärische Gewalt, politische Herrschaft, ökonomische Ausbeutung und Zerstörung nichteuropäischer Kulturen in Afrika, Asien, den Amerikas und Australien sowie gegenüber «Fremden» in Europa. Andererseits profitierte die Produktion rassistischer Theorien durch europäische Reisende und Wissenschaftler von der Unterwerfung nichteuropäischer Gesellschaften.

Der Sprachgebrauch des R. hat sich seit seiner Entstehung mehrfach gewandelt. Im Kern behauptet er eine christliche, europäische oder weisse Überlegenheit gegenüber anderen «Rassen», «Ethnien», «Völkern» oder «Kulturen». Systematisiert wurde die Weltsicht mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert. Eine Zäsur erfolgte im deutschen Sprachraum nach der Shoa. Das delegitimierte Konzept der «Rasse» wird im offiziellen Sprachgebrauch seither vermieden. Teile der → Biologie und Genetik halten jedoch bis heute an Unterscheidungen von Menschenarten fest. Auch in Sozial- und Kulturtheorien hallt die hierarchisierende Gegenüberstellung eines «fortschrittlichen», «modernen» oder «säkularisierten» «Westens» mit einem «rückständigen», «traditionellen» oder «religiösen» Rest der Welt nach.

Beteiligung am Kolonialismus

Die Schweiz war aktiv an der Globalgeschichte des R. beteiligt und wurde von ihr dauerhaft mitgeformt. → Buchdrucker in Genf, Basel und andernorts produzierten ab dem frühen 16. Jahrhundert Wissen über eroberte Territorien und «barbarische Völker» für den europäischen Markt. Mit ihrer hohen Dichte an → Gelehrten Gesellschaften und → Universitäten wurde die Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert zu einem Zentrum des wissenschaftlichen Rassismus und der → Eugenik. Der Neuenburger → Louis Agassiz gehörte zu den Apologeten der Sklaverei in den USA. Das Institut für → Anthropologie an der Universität Zürich spezialisierte sich um 1900 auf die methodische Weiterentwicklung der Rassenwissenschaften und ging enge Verbindungen mit nationalsozialistischen Rassenforschern ein.

Mit Investitionen in den transatlantischen → Sklaven- und den Kolonialwarenhandel beteiligten sich Kaufleute und Financiers an der wirtschaftlichen Ausbeutung «fremder Rassen». Schweizer Offiziere und Soldaten verteidigten die europäische Herrschaft in Sklavenkolonien in der Karibik des 18. Jahrhunderts. Bis zu 50 000 Söldner in französischen und niederländischen Kolonialdiensten unterstützten mit Billigung der Schweizer Behörden im 19. und 20. Jahrhundert den Ausbau europäischer Herrschaft in Afrika und Asien. Genfer Mitbegründer des Internationalen Komitees vom → Roten Kreuz gehörten zu den engsten Verbündeten des belgischen Königs Leopold II., der in seiner Kongokolonie zahlreiche Gräueltaten verantwortete. Der Import von → Baumwolle und anderer kolonialer Rohstoffe ermöglichte den Aufstieg der Schweiz zur führenden Nation in der Textil- und der daraus hervorgehenden → Maschinen-, → Chemie- und Finanzindustrie.

Im Gleichschritt mit dem übrigen Europa entwickelte sich auch in der Schweiz ab den 1830er Jahren eine rassistische Alltagskultur. → Missionszeitschriften, Völkerschauen, → Museen oder Werbung für → Schokolade, → Kaffee und andere «exotische» Waren verbreiteten bis 1900 rassistische Weltbilder. Bis in die 1970er Jahre kamen populäre Magazine, Kinderbücher und Dokumentarfilme hinzu.

20. Jahrhundert

Diese Kultur verschränkte sich mit dem → Antisemitismus, der Diskriminierung von Jenischen, Sinti und Roma sowie der → Fremdenfeindlichkeit gegen ArbeitsmigrantInnen. In Reaktion auf eine befürchtete «Überfremdung» der Schweiz bildete sich ein zentralisiertes Migrationsregime heraus, zu dessen wichtigsten Instrumenten die Fremdenpolizei (ab 1917), das Ausländergesetz ANAG und das → Saisonnierstatut (beide ab 1931) zählten.

Die Flüchtlingspolitik der Schweiz vor und während des → Zweiten Weltkriegs war stark antisemitisch geprägt. Auf jede Eskalationsstufe der Verfolgung durch den → Nationalsozialismus reagierten die Schweizer Behörden ihrerseits mit einer Verschärfung der Grenzkontrollen: Ab 1938 erlaubte der → Judenstempel den Schweizer Behörden, «Nicht-Arier» an der Grenze abzuweisen. Mehr als 24 000 Menschen wurden damit der tödlichen Verfolgung ausgeliefert. Gegenüber «Zigeunern» galt in der Schweiz bis 1971 eine Einreisesperre, während die → Pro Juventute jenischen Eltern im Landesinnern bis 1973 die Kinder wegnahm.

Das Saisonnierstatut sicherte nach dem Zweiten Weltkrieg die Arbeitskraft von «Ausländern» für die Schweizer Wirtschaft und erschwerte gleichzeitig deren Niederlassung. In den 1960er Jahren formierte sich in der Schweiz die «Überfremdungsbewegung» um → James Schwarzenbach, die in Westeuropa als Vorreiterin rechtspopulistischer Parteien gilt. Die → Schweizerische Volkspartei (SVP) führt diese Politik bis heute mit Kampagnen gegen Migrantinnen, Asylsuchende oder Muslime fort.

Gegenwart

Das Saisonnierstatut wurde mit der Einführung der Personenfreizügigkeit mit der → Europäischen Union 2002 aufgehoben. Binneneuropäische «AusländerInnen» profitierten damit längerfristig von nationalen und europäischen Migrationsgesetzen, die EU-BürgerInnen und solchen aus ehemaligen weissen britischen Siedlungskolonien (USA, Australien, Neuseeland, Kanada) einfacheren Zugang zu Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen einräumt als Menschen aus «Drittstaaten». Diese Option auf «Emanzipation durch europäische Privilegien» bleibt insbesondere für die Schwarze Bevölkerung, die seit dem späten 18. Jahrhundert in der Schweiz dokumentiert ist, schwer einzulösen.

Kenntnisse, wie R., Sexismus und ökonomische Ungleichheiten ineinandergriffen, um die Schweiz in der Welt zu positionieren und ihre Gesellschaft zu formen, prägen die demokratische Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung. Die fortdauernde Überrepräsentation von Menschen ohne R.-Erfahrungen in Politik, Wissenschaft, Kultur und Medien bewirkt, dass «R.» als Phänomen und «race» als Analysekategorie noch kaum Eingang in die Selbstbeobachtung der Schweiz gefunden haben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch