Nr. 28/2020 vom 09.07.2020

Mieten fressen das Lohnwachstum

Von Andreas FagettiMail an AutorIn

Geht es um Verteilungsgerechtigkeit, wird die politische Debatte von simplen und irreführenden Argumentationsmustern dominiert: Steuersenkungen sind per se gut. Ausgleichszahlungen wie Prämienverbilligungen oder Rentenerhöhungen sind des Teufels. Man könnte auch sagen: Was den Reichen nützt, ist gut, was den weniger Begüterten zusteht, ist schlecht.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) veröffentlicht alle zwei Jahre einen Verteilungsbericht. Dieses Jahr zeigt der statistisch unterfütterte Befund einmal mehr, dass sich die Ungleichheit in der Schweiz zuspitzt.

Obschon die Löhne in den vergangenen Jahren auch real gestiegen sind, hat die überwiegende Mehrheit am Ende des Monats kaum mehr oder weniger Geld in der Tasche als im Jahr 2000. Das verfügbare Einkommen ist für Leute mit tiefem Einkommen sogar etwas tiefer als damals, für Leute mit mittlerem Einkommen bloss minimal höher. TopverdienerInnen, deren Löhne ungleich stärker gestiegen sind, profitierten hingegen von Steuerermässigungen. Sie haben somit monatlich mehrere hundert oder mehrere tausend Franken mehr im Portemonnaie. Die Zahl der LohnmillionärInnen hat sich übrigens von 1996 bis heute vervierfacht – von 600 auf 2800.

Massiv gestiegen sind in diesem Zeitraum Mieten und Krankenkassenprämien. Sie fressen das moderate Lohnwachstum der tiefen und mittleren Einkommen weitgehend weg. So sind die Krankenkassenprämien seit 1997 um 134 Prozent gestiegen, die Prämienverbilligungen bloss um 49 Prozent, die Löhne im Durchschnitt um 14 Prozent. Bekanntermassen immer noch krass ist die ungleiche Verteilung zwischen Frauen und Männern. Frauen verfügen immer noch über deutlich weniger Einkommen, unter anderem weil sie auch häufiger Teilzeit arbeiten. So erhält die Hälfte der Frauen einen Monatslohn von brutto weniger als 4330 Franken. Bekanntlich leisten Frauen immer noch den Grossteil der unbezahlten Betreuungs- und Hausarbeit. Daran liesse sich etwas ändern, wenn die progressiven Kräfte bei den nächsten Wahlen gestärkt würden.

Den ganzen Verteilungsbericht finden Sie unter www.sgb.ch.

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