Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

Aus den wilden achtziger Jahren

Es war die erste Serienproduktion des Schweizer Fernsehens überhaupt: Vor 36 Jahren brachte «Motel» den Alltag und die Arbeitswelt in die Schweizer Stuben. Gedanken beim Wiedersehen.

Von Stefan Howald

Die Szenen in der Motelküche können heute noch mit jeder Dokusoap mithalten. Peperoni (Dani Levy) wird von Chefkoch Koni Frei (Jörg Schneider) begrüsst. Still: SRF

Ein Zug fährt ein, im vertrauten Feldgrün, darauf dezent, aber unübersehbar das Schweizer Wappen, der Schriftzug SBB; Fahrgäste auf dem Perron, ein kleiner, rundlicher Mann steigt aus der Unterführung empor zum Bahnhofsgebäude und stellt seine Koffer ab. Was könnte schweizerischer beginnen?

Wir sind in Egerkingen im Kanton Solothurn und wandern mit dem Mann ins dortige Motel. «Motel» wollte 1984 etwas Neues bieten. Es war die erste eigene Serienproduktion der damaligen SRG. Vierzig Episoden à 25 Minuten, jeden Sonntagabend um 19.45 Uhr, zur besten Sendezeit. Der kleine rundliche Mann ist Koni Frei (Jörg Schneider), der im Motel Egerkingen seine neue Stelle als Chefkoch antritt. Am Empfang trifft er auf die Gouvernante Erika Brunner (Silvia Jost) und den türkischen Hausdiener Oezel (Ishan Karasubasi). Ja, es geht um sich wandelnde Geschlechterbeziehungen, ja, ausländische ArbeiterInnen kommen ins Bild. Auch die Küchenmannschaft ist multinational – die Lehrtochter war damals in der Mannschaft mitgemeint.

Durchaus sympathisch

Koni Frei steht im Vordergrund, aber auch die Gouvernante Erika Brunner, der Chef de Service Paul Dutoit (Peter Freiburghaus) und der Küchenbursche Peperoni (Dani Levy) kriegen ihre grossen Auftritte.

«Motel» wurde aktuell gedreht, am Montag begonnen, 8 bis 9 Minuten pro Tag, dann zusammengesetzt zu 25 Minuten für den Sonntagabend. Das ergab handfeste Bezüge: Bei einem Ausflug nach Olten gewinnt der EHC Olten im eigenen Stadion, Peperoni vergnügt sich mit neusten Videoballerspielen, und Koni kauft für seine Tochter die Platte «Angstlos» von Nina Hagen.

Dieser Koni Frei ist durchaus sympathisch, er ist jovial, kann es mit vielen gut, hat im Ausland gearbeitet, in Südafrika, kennt sich mit fremden Geschmäckern und Gewürzen aus. Aber das hat dann auch seine Grenzen, mit der Demokratie für die Schwarzen kann es seiner Ansicht nach nur langsam vorangehen, und auch mit der Frauenemanzipation ist es so eine Sache: Seine Exfrau will ihn über den Tisch ziehen, wie er der Gouvernante anvertraut, und überhaupt, zunehmend geraten die Männer unter die Räder, nicht wahr?

Die erste «Motel»-Episode erreichte im Januar 1984 sensationelle 1,6 Millionen ZuschauerInnen. Danach flachte das Interesse ein wenig ab, bis sich der damals auf einem Höhepunkt seiner Macht befindliche «Blick» der Sache annahm. Zwei Szenen fanden die Herren Journalisten besonders anstössig: den kurz sichtbaren nackten Busen von Silvia Jost und den ersten Kuss zwischen zwei Männern im Schweizer Fernsehen zur Hauptsendezeit.

Die vom Boulevardblatt geschürte Aufregung war schon dazumal ziemlich künstlich. Interessanter war der Vorwurf, der Alltag werde im «Motel» zu grau, zu trist dargestellt. «Kennen Sie jemanden, der ganz zufrieden ist?», fragt Erika Brunner in einer frühen Episode. Koni Frei ist es sicherlich nicht. Er ist geschieden, kann die Tochter nur auf Super-8-Filmen sehen, hat, «blau wie eine Forelle», einen Autounfall gebaut, weswegen er jetzt von einem alten Kumpel erpresst wird und einen Kleinkredit zu fünfzehn Prozent aufnehmen muss. Und das alles in den ersten vier Episoden. In der Nacht, allein im Stadion des EHC Olten zurückgeblieben, rinnt ihm eine Träne übers Gesicht. Nein, diesen Alltag wollten manche nicht in der guten Stube sehen, auch nicht die Tatsache, dass es ohne ausländische ArbeiterInnen nicht ging. Die Szenen in der Motelküche können heute noch mit jeder Dokusoap mithalten.

Trunkenheit am Steuer

Bekannte AutorInnen schrieben die Drehbücher für «Motel», Lukas Hartmann, Klaus Merz, Hanspeter Gschwend, Barbara Luginbühl, unter der umsichtigen Produktionsleitung von Thomas Hostettler. Den Anspruch der MacherInnen kann man unter zwei Bezugspunkten ansehen. Da ist erstens die damalige Fernsehlandschaft. «Dallas» (ab 1978) und «Der Denver-Clan» (ab 1981) waren hierzulande die erfolgreichsten Importprodukte aus den USA. Ein Gegengewicht dazu zu setzen, scheint von heute aus gesehen nicht allzu schwierig. Aber es war doch eine Pionierleistung, nicht nur für die Schweiz. Die deutsche «Lindenstrasse» als Seifenoper mit realistischen Einsprengseln folgte erst eineinhalb Jahre später.

Der zweite Bezugspunkt ist die Realität: Ein paar Jahre zuvor war die Jugendbewegung explodiert, und Zürichs «Needle Park» hatte es in die internationalen Medien geschafft. Konnte man sich da über den ein wenig verkifften Peperoni wirklich noch aufregen?

Realistischer wirken die emotionalen Beziehungen. Männer und Frauen können nicht so direkt miteinander reden. Koni Frei erzählt Erika Brunner früh von seinen Eheschwierigkeiten, wobei diese sichtlich widerwillig zuhört, aber nichts einwendet. Zwei Episoden später schüttet sie Koni ihr Herz aus, doch dieser beschäftigt sich schweigend weiter mit einer Pastete. Später kommt es dann anders, bis hin zum nackten Busen.

Zuweilen hat «Motel» auch etwas nostalgisch Behäbiges. Der Zug setzt sich drei Sekunden nach der fahrplanmässigen Abfahrtszeit in Bewegung, doch für den herbeieilenden Koni lässt der Stationsvorsteher den Zug nochmals anhalten. Auch darin steckt freilich ein Widerhaken: Koni nimmt ja den Zug, weil er wegen Trunkenheit am Steuer den Fahrausweis hat abgeben müssen.

Seit dem 4. Juli 2020 strahlt SRF 1 jeden Samstagnachmittag von 14.40 bis 15.30 Uhr jeweils zwei Folgen von «Motel» aus.

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