Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Makulierte Entschuldigung

Die «Berner Zeitung» füllte ihr Sommerloch mit einer Attacke auf den Autor Fredi Lerch. Es geht um die Geschichte einer Erziehungsanstalt.

Von Stefan KellerMail an AutorIn

Das Bild zeigt einen Mann im Recyclingcenter. Er beugt sich über einen Haufen Bücher, die er mitgebracht hat, mehr als tausend Stück desselben Titels; sie werden gerade vernichtet, damit sie niemand mehr lesen kann. Der Mann war früher Heimleiter, er heisst Hans-Peter Hofer. Die Fotografie der Büchervernichtung stammt vom Herbst 2017. Das zerstörte Buch erzählt die Geschichte jener Anstalt, der Hofer während fünf Jahren vorstand, bis er dort gehen musste, weil seine berufliche Qualifikation nicht ausreichte.

Den Betroffenen gewidmet

Im Mai 2013 gibt die Stiftung Schulheim Ried in Niederwangen bei Bern eine Monografie heraus. Das Schulheim ist eine Erziehungsanstalt für Knaben. Bis 2003 hiess es «Auf der Grube». Die Monografie erscheint im Moment der freiwilligen Auflösung dieser Anstalt, sie beschreibt die 188 Jahre ihres Bestehens. Die Stiftung widmet das Buch den ehemaligen Zöglingen und bittet sie um Verzeihung. «Dieses Buch ist (…) all jenen gewidmet, die auf der ‹Grube› und im Schulheim Ried nicht das erfuhren, was ihnen zustand: Schutz, Wertschätzung, Wohlwollen und physische und psychische Unversehrtheit. Der jetzige Stiftungsrat entschuldigt sich an dieser Stelle ausdrücklich für erlittenes und ertragenes Unrecht.»

Es ist ein schönes Buch. Als Kernstück enthält es einen chronologischen Rückblick, verfasst vom freien Autor – und früheren WOZ-Redaktor – Fredi Lerch. Dazu eine Reportage über die «Gruebebuebe» in jüngster Zeit, zwei fiktionale Texte und einen Essay über zeitgemässe Familien-, Kinder- und Jugendhilfe, die nicht mehr versucht, die Leute nach Mustern zu formen, sondern sie in der selbstständigen Entwicklung respektvoll unterstützt.

Ein mutiges Buch. Lerch berichtet, wie die einstige «Rettungsanstalt» junge Burschen kasernierte und unter Zwang erzog. Bis Ende des 20. Jahrhunderts wurden sie dabei geschlagen. Während hundert Jahren führte eine einzige Familie das Heim, deren Mitglieder einander das Amt vererbten. Lerch erzählt, wie nach dem Abgang der letzten Angehörigen des Clans ein neues Heimleiterpaar eingestellt wurde: Hans-Peter Hofer mit seiner Frau. Erst nach Arbeitsantritt absolviert Hofer die Heimleiterausbildung. Als die Aufsichtsbehörde später auch die vorgeschriebene sozial- oder heilpädagogische Weiterbildung von ihm verlangt, widersetzt er sich und verliert die Stelle. Unter Hofers Nachfolger beginnt 2005 eine neue Zeit auf der «Grube». Konsequenterweise führt sie zur Aufhebung der repressiven Anstalt, zum Verkauf der Liegenschaften, zum Ende der Stiftung, die 2013 in einer neuen Organisation aufgeht: Stiftung Familien-Support Bern West.

Von Hans-Peter Hofer ist in Lerchs Bericht auf wenigen Seiten die Rede. Lerch ordnet ihn eher der alten, patriarchalen «Gruebe»-Pädagogik zu. Als er den Text liest, fühlt sich Hofer beleidigt. Er klagt gegen die Nachfolgestiftung, den Verlag und den Autor, allerdings erst drei Jahre nach Erscheinen des Buches, als dieses sich ohnehin nicht mehr verkauft. Weder Stiftung noch Verlag haben jetzt noch Lust auf einen Prozess. In einer Schlichtungsvereinbarung willigen sie 2016 ein, das «Gruebe»-Buch aus dem Verkehr zu ziehen. Fredi Lerch, der allein hätte kämpfen müssen, schliesst sich dem Vergleich an. Die Restauflage wird Hofer ausgehändigt. Mit den Büchern lässt der einstige Anstaltsleiter auch die Entschuldigung an die «Gruebebuebe» einstampfen.

Das Buch ist nicht verboten

Doch die Geschichte ist damit keineswegs beendet. Fast drei Jahre nach Vernichtung des Buches, im Juli 2020, greift die «Berner Zeitung» den Fall auf und kolportiert einen Angriff Hofers auf Lerch in grossen Artikeln. Jetzt ist Lerch der Diffamierte, man wirft ihm Vorurteile und falsche Recherchen vor. Die Anschuldigungen halten zwar keiner Überprüfung stand, aber das Buch ist ja vernichtet. Vielleicht ein einziges Wort in Lerchs Text ist für sich allein betrachtet falsch. Kein vernünftiges Gericht hätte das Buch deswegen einstampfen lassen.

Auf Betreiben Hofers haben unterdessen etliche Bibliotheken, darunter die Nationalbibliothek, das Werk für die Ausleihe gesperrt. Angeblich sei es «verboten». Das Berner Onlineportal «Journal B» macht das Richtige, es stellt ein unzensiertes PDF des nicht verbotenen «Gruebe»-Buches online.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch