Nr. 33/2020 vom 13.08.2020

Geblieben ist nur noch Wut

Jeden Tag gehen junge LibanesInnen auf die Strasse: um aufzuräumen und um zu demonstrieren. Eine Rückkehr zur Normalität ist für die Nachkriegsgeneration keine Option.

Von Meret Michel (Text) und Alhasan Yousef (Porträts), Beirut

Plötzlich heult die Klimaanlage des Wagens auf. Bilal Hassan erhebt sich von seinem Stuhl, geht rüber zum schwarzen Mercedes und versucht, die Vorderhaube zu öffnen. Doch sie klemmt, ist übersät mit Glassplittern der zersprungenen Frontscheibe. Das Auto ist eine Ruine. Hassan rüttelt und rüttelt, ein paar Männer aus der Nachbarschaft eilen ihm zu Hilfe. Zu viert, einer von ihnen auf eine Krücke gestützt, versuchen sie, die Haube aufzustemmen. Vergebens.

«Wie kann das sein? Nach fünf Tagen, und jetzt läuft plötzlich die Klimaanlage?», sagt Hassan. Er setzt sich wieder auf den Stuhl in seinem Laden. Oder besser in dem, was davon übrig geblieben ist: Die Kühlschränke haben keine Scheiben mehr, im Zigarettenregal stehen nur noch einzelne Packungen, der Rest liegt in Kisten am Boden, auf der anderen Seite stapelt sich Schutt.

«25 Jahre», sagt Hassan, bevor seine Stimme bricht. Hassan, ein stämmiger Mann Mitte vierzig mit Glatze, versucht immer wieder zu lächeln. 25 Jahre lang hat er dieses Geschäft betrieben, seit er aus dem syrischen Tartus nach Beirut gekommen ist, 20 Jahre lang lebte er mit seiner Familie im selben Haus. Mit der Explosion letzte Woche hat er auf einen Schlag alles verloren.

Von der Strasse vor seinem Laden aus kann man den Hafen sehen, die Reste des zerstörten Getreidesilos. Keine 200 Meter von Hassans Laden detonierten am 4. August 2750 Tonnen Ammoniumnitrat – eine Explosion, die alles übertrifft, was die BewohnerInnen Beiruts je erlebt haben. Es gab über 200 Todesopfer, noch immer werden Dutzende vermisst. Mindestens 5000 Menschen wurden verletzt, und geschätzt 250 000 haben ihr Zuhause verloren.

Hassan war in seinem Laden, als es geschah. Als er die erste Explosion spürte, hastete er hinaus auf die Strasse und kauerte sich neben ein Auto. Er sah die Rauchwolke, Ziegelsteine fielen vom Dach der Kirche gegenüber auf ihn herab, Schutz suchend lief er unter den nächsten Baum. Die zweite Druckwelle war so stark, dass sie die Scheiben aller Autos in der Strasse zerstörte, Türen aus den Angeln riss, Fenster bersten und Wände einstürzen liess. «Die Kinder», dachte Hassan nur, rannte mit seinen drei Angestellten hoch in seine völlig zerstörte Wohnung. Gemeinsam trugen sie seine Frau und seine drei Kinder ins Freie.

Als er deren Fotos aus dem Krankenhaus zeigt, das Video, auf dem sein Sohn tapfer in die Kamera grinst, kommen ihm wieder die Tränen. «Nicht weinen, Bilal», sagt eine Frau, die gerade den Laden betreten hat. «Deine Kinder sind noch am Leben, das ist doch das Wichtigste, oder?» Sie arbeitet für eine der vielen Freiwilligengruppen, die den BewohnerInnen in den betroffenen Vierteln helfen, und will Hassan die Wohnung zeigen, die sie ein Stück ausserhalb von Beirut für ihn und seine Familie gefunden hat: «Das ist die schönste Wohnung, die du dir vorstellen kannst.»

Für die nächsten paar Wochen würden sie dort bleiben können. «Doch was dann?», sagt Hassan. Rund 100 000 Dollar hatte er über die Jahre in sein Geschäft investiert, für das Inventar, die Kühlschränke und Kühltruhen, und für die Ware, die er verkauft. Wegen der Wirtschaftskrise, weil die libanesische Währung in den letzten Monaten über achtzig Prozent ihres Werts verloren hat, kaufte Hassan mit seinen Einnahmen jeweils so schnell wie möglich neue Ware, bevor die Preise weiter anstiegen. «Aber jetzt wurde fast alles zerstört», sagt er. Das Einzige, was ihm von seinem alten Leben bleibt, ist ein Schuldenberg.

Kein Innehalten

Die Strasse oberhalb von Hassans Laden ist voller Menschen mit Helmen und Besen, Zelte säumen die Gehsteige. Auch bei Hassan kommt ständig jemand vorbei, einer bringt Sandwiches, Bekannte halten an, um sich nach dem Wohlbefinden von Hassans Familie zu erkundigen. Bereits am Tag nach der Explosion haben Hunderte von Freiwilligen in den Vierteln um den Hafen gewischt, die Strassen von Schutt und Glas geräumt, die so übersät davon waren, dass man den Beton nicht mehr sah.

Kein Innehalten. Keine Zeit, das Geschehene zu verarbeiten. Die Menschen wissen: Sie müssen sich selbst helfen. Denn von der Regierung wird keine Hilfe kommen.

Razan Halawi hat es erst ein paar Tage nach der Explosion geschafft, mit anzupacken. «Vorher wäre ich keine Hilfe gewesen», sagt sie. Die Firma, bei der die 24-Jährige arbeitet, liegt ganz in der Nähe des Hafens – und Halawi war nur durch Zufall, weil ihre Chefin früher Feierabend machte, bereits auf dem Heimweg.

«Natürlich fühle ich mich schuldig», sagt sie. Schuldig, weil sie überlebt hat, während andere bei der Explosion ums Leben gekommen sind. Auch deswegen, sagt sie, sei sie am Freitag helfen gegangen, habe zusammen mit einer Gruppe anderer bei einer Familie die Wohnung aufgeräumt. «Es fühlt sich an, als hätte ich dieses Mal Glück gehabt und andere Pech», sagt Halawi. «Doch das nächste Mal trifft es vielleicht mich.»

Dieses Gefühl der Unsicherheit und der Angst hat sie in den Tagen nach der Explosion umgetrieben. Sie hat Angst, dass die Explosion nur der Anfang von Katastrophen sein könnte, die noch folgen. «Zuvor wollte ich den Libanon verlassen. Aber jetzt denke ich: Ich will nicht weit weg von meiner Familie sein, wenn wieder etwas passiert.» Vor allem aber ist Razan Halawi wütend. Wütend auf die korrupte PolitikerInnenklasse, die das hatte geschehen lassen. «Als Emmanuel Macron hier war, forderten manche Leute, dass Frankreich wieder eine Mandatsmacht innehat», sagt sie. «Die Leute waren verzweifelt. Stell dir vor, du suchst einfach nur ein bisschen Trost – egal bei wem.»

Der Rücktritt ändert nichts

Am Samstag, vier Tage nach der Katastrophe, sammelten sich Tausende Menschen auf dem Märtyrerplatz im Zentrum Beiruts, um gegen die Regierung zu demonstrieren. Auf demselben Platz, wo bereits im Oktober Hunderttausende protestiert hatten – nur ist diesmal nichts von der ausgelassenen Stimmung von damals übrig. Heute ist hier nur noch Wut.

Auch Salim Mneimne ist wütend. Am Samstagnachmittag half der 23-Jährige im Viertel Mar Mikhael beim Aufräumen, danach ging er direkt an die Demo, seinen Besen nahm er mit und band noch kurz ein Seil daran, das er unten zu einer Schlinge zusammengeklebt hatte. Ein Strick für die Verbrecher, deretwegen er fast gestorben wäre. «Macht die Galgen bereit!», lautete ein Schlachtruf an der Kundgebung. Lange bleiben konnte er nicht: Mneimne arbeitet als Krankenpfleger, abends um sieben fing seine Nachtschicht an.

Im ersten Moment nach der Explosion hatten viele in der Stadt an einen Angriff Israels oder ein Attentat gedacht. Dass stattdessen die schiere Nachlässigkeit der Regierung zur Katastrophe geführt hat, dass Tausende Tonnen hochexplosives Material über sieben Jahre am Hafen unsachgemäss gelagert wurden, dass die Verantwortlichen bis auf höchster Ebene darüber Bescheid wussten: Es ist diese Tatsache, die die Menschen jetzt rasend macht.

Mneimne war während der Explosion in der Nähe des Hafens, zu Hause in seinem Zimmer. Als die Druckwelle das Gebäude erfasste, prasselten Brocken aus der Wand auf ihn herunter. «Ich dachte: Das wars. Ich werde sterben.» Als es vorbei war, rief er nach seinem Mitbewohner, der blutüberströmt in der Wohnung lag. Alles war dunkel vom Staub und vom Rauch. Er schleppte ihn auf dem Rücken nach draussen auf die Strasse und hoch zum Krankenhaus. «Ich kann mich kaum noch an den Weg erinnern», sagt Mneimne. Dafür begann er noch in derselben Nacht zu arbeiten. Die Notaufnahmen waren so überlastet, dass nicht einmal alle Schwerverletzten verarztet werden konnten. Nicht wenige starben, nachdem sie im Spital angekommen waren.

Sechs Tage hintereinander ging Salim Mneimne nach der Arbeit auf die Strasse, um aufzuräumen oder zu demonstrieren. Jetzt ist Montagabend, der sechste Tag nach der Explosion, soeben hat Ministerpräsident Hassan Diab den Rücktritt der Regierung erklärt. Ein Grund zum Feiern ist das für die meisten nicht, denn sie wissen: Der Rücktritt leitet lediglich das übliche Gefeilsche der herrschenden Parteien um die Zusammenstellung eines neuen Kabinetts ein. An den Machtverhältnissen ändert sich damit nichts.

An diesem Abend sitzt Mneimne mit ein paar FreundInnen in einer Bar im Badaro-Viertel, das rund fünf Kilometer entfernt vom Hafen liegt. Während der Rede des Premiers waren sie auf der Strasse, doch die Polizei ging mit so viel Tränengas gegen die Protestierenden vor, dass sie die Flucht ergreifen mussten.

Jetzt sitzen sie zu fünft hier. Wenn sie nicht über den Moment der Explosion reden, sich gegenseitig erzählen, wo sie waren, machen sie ihrer Wut über die PolitikerInnen Luft. «Glaub mir, wenn die sich auf der Strasse blicken lassen, werden sie umgebracht», sagt eine junge Frau. Niemand von den fünf hat viel geschlafen in den letzten Tagen. Einer erzählt, wie er wieder die Schreie der Menschen höre, sobald er die Augen schliesse. Geweint hätten sie alle bisher nicht. «Ich würde gerne weinen», sagt Mneimne später. «Ich will es rauslassen. Aber ich kann nicht.»

Nach dem, was passiert sei, sagt Mneimne, könne es keine Rückkehr zur Normalität geben. Darüber habe er auch mit seiner Mutter schon diskutiert – weil sie wenige Tage nach der Explosion bereits darüber redete, wo sie denn nun das Auto reparieren lassen sollten. «Das ist das Trauma der Kriegsgeneration: Sie ist so daran gewöhnt, dass Katastrophen geschehen, dass sie gelernt hat, danach immer einfach weiterzumachen», sagt Mneimne. «Für mich geht das nicht. Ich will nicht mit demselben Trauma enden wie meine Eltern.»

Schon während des Aufstands im Oktober, als über eine Million Menschen gegen die Regierung und das konfessionell gerasterte politische System demonstrierten, waren es vor allem die Jungen, die auf die Strasse gingen. «Unsere Generation kann nicht mehr nachvollziehen, warum unsere Eltern sich gegenseitig hassen», sagte damals jemand im persönlichen Gespräch.

Ein Friedensabkommen zwischen den verschiedenen Lagern beendete 1990 den libanesischen Bürgerkrieg. Danach gab es weder Bestrebungen zur nationalen Versöhnung, noch wurden die Verbrechen der fünfzehn Kriegsjahre je aufgearbeitet. Stattdessen wurden alle Kriegstreiber per Amnestie von jeglicher Rechenschaft befreit. Und die dominierenden Parteien, die sich noch im Krieg bekämpften, bilden bis heute die politische Klasse, die das Land im Griff hat.

Am Tag nach der Abdankung des Kabinetts von Premierminister Hassan Diab sammelten sich erneut Protestierende im Zentrum Beiruts. Auch dieses Mal brachten sie einen selbstgebauten Galgen mit, zusammen mit einer Pappfigur des weiter amtierenden Präsidenten Michel Aoun. Sie zündeten ihn an.

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