Trauma im Libanon : Die Angst bleibt

Nr.  31 –

Zwei Jahre nach der verheerenden Explosion in Beirut leiden noch immer Zehntausende unter den psychischen Folgen. Es bräuchte eine kollektive Aufarbeitung.

Vor einigen Wochen sind Nada Bashir und Yara Jaoude wieder ins Aschrafieh-Viertel gezogen. Die Wohnung ist ein Glückstreffer: ruhig, hell und mit diesem alten, gemusterten Plattenboden, den man heute in Beirut nur noch selten findet. Trotzdem haben die beiden Frauen, die ihre richtigen Namen für sich behalten wollen, lange gezögert, ob sie hierherziehen wollen. Denn von ihrem Wohnzimmer aus können sie nun über die Dächer hinweg die Kräne am Beiruter Hafen sehen: eine ständige Erinnerung an jene traumatischen Sekunden, als am 4. August 2020 eine verheerende Detonationswelle von dort aus über die Stadt hinwegfegte.

Über 200 Menschen starben an jenem Tag, Tausende wurden verletzt. 300 000 verloren ihr Zuhause – auch Bashir und Jaoude. Ihre alte Wohnung lag nicht weit von hier, sie wurde bei der Explosion vollständig zerstört. Daraufhin verliessen die beiden die Stadt und zogen in die Berge. Sie waren traumatisiert von dem, was sie erlebt hatten, fühlten sich nicht mehr sicher in Beirut.

Zwei Jahre nach der Explosion haben die Clubs und Bars an der Armenienstrasse unterhalb des Hauses der beiden Frauen längst wieder geöffnet. Dort ist es an den Abenden am Wochenende so laut, dass man sich kaum unterhalten kann. Doch Bashir und Jaoude zucken immer noch zusammen, wenn sie irgendwo ein lautes Geräusch hören. «Schreckhaft» sei sie geworden, sagt Bashir, «das ist nun ein Teil von uns.»

Obwohl sie heute mit ihrer neuen Wohnung zufrieden sind, bleibt die Angst: Wieder in der Nähe des Hafens? Könnte es noch einmal zu einer Explosion kommen? Andererseits: Ist eine Explosion an einem anderen Ort nicht sogar wahrscheinlicher? Jaoude bestand einzig darauf, dass die Wohnung gegen den Hafen hin keine grossen Fenster haben dürfe. «Vielleicht müssen wir einfach unser Leben weiterleben», sagt sie.

Was die beiden beschreiben, sind typische Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), wie sie Tausende Menschen in Beirut bis heute haben. «Die Explosion ist immer noch ein grosses Thema», sagt die Psychologin Joelle Jaber, die bei der NGO Embrace regelmässig Patient:innen betreut. «Selbst bei Leuten, die keine diagnostizierte PTBS haben, sehen wir Symptome wie Hoffnungslosigkeit.»

Seit 2017 betreibt Embrace eine Helpline, die inzwischen rund um die Uhr erreichbar ist. Die Nachfrage sei riesig, sagt Jaber. Angefangen habe die Telefonfürsorge mit einer Handvoll Freiwilliger – heute seien es 150. Nach der Explosion haben sie zudem eine Klinik eröffnet, wo Patient:innen kostenlos Hilfe bekommen. Die Wartezeit beträgt dort allerdings über ein halbes Jahr.

Auf eine Krise folgt die nächste

Denn es sind nicht nur die Folgen der Explosion, unter der die Menschen leiden. Seit Ende 2019 erlebt der Libanon eine der schwersten Wirtschaftskrisen seiner Geschichte – Anfang 2020 kam dazu noch der Lockdown zur Eindämmung der Coronapandemie. Diese Mehrfachbelastung habe enorme Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen: Neben dem Trauma der Explosion hätten vor allem die Fälle von Angstzuständen stark zugenommen, sagt Jaber.

Wenn sich eine Situation im Leben ändere oder jemand eine traumatische Situation erlebt habe, bräuchten die Menschen eine gewisse Zeit, um sich an die neuen Umstände anzupassen. «Aber jetzt müssen sie sich an eine Situation gewöhnen, die sich konstant ändert», sagt Jaber. Denn die Wirtschaftskrise hat den Alltag unberechenbar gemacht: War ein US-Dollar in einer Woche zum Beispiel noch 30 000 libanesische Pfund wert, kostete er ein paar Tage später 38 000, nur um dann wieder zu fallen. Die Rechnung für den Stromgenerator oder die Wasserversorgung wird jeden Monat etwas höher, die Lebensmittel im Supermarkt werden teurer. Und der Wert der Löhne nimmt schon seit Jahren ab.

Diese Überlagerung verschiedener Krisen macht es umso schwieriger, das Erlebte zu verarbeiten und das Trauma vom 4. August 2020 zu überwinden. «Wer spricht heute noch über die Explosion?», sagt Nada Bashir, die mit ihrer Freundin nach Aschrafieh zurückgezogen ist. Die Leute seien zu sehr damit beschäftigt, ihren Alltag zu bewältigen.

Die Psychiaterin Jaber spricht vom «Überlebensmodus», in dem sich die Menschen im Libanon befänden: «Es bleibt keine Zeit, zu trauern», sagt sie. Dies führe dazu, dass manche im Trauerprozess stecken blieben: Sie seien konstant wütend oder würden sich noch immer schuldig fühlen, dass sie überlebten, während andere starben. «Und der Verlust geht weiter: Häuser, Geld, Freunde, die entweder gestorben sind oder inzwischen das Land verlassen haben.» All dies verhindere, dass die Leute mit dem Geschehenen abschliessen könnten, so Jaber.

Die Krise ist so umfassend, dass sie auch die Arbeit von Embrace beeinträchtigt. Als sich im Sommer vergangenen Jahres die Stromausfälle häuften, konnte die Helpline während einiger Tage nicht bedient werden. «Der erste Satz unserer Freiwilligen am Telefon war immer: ‹Wenn die Leitung unterbricht, dann liegt es daran, dass wir keinen Strom haben. Wir müssen daher sicher sein, dass Sie in Sicherheit sind.», sagt Jaber. Das, während gleichzeitig immer mehr Menschen Suizidgedanken haben.

Dieser «totale Kontrollverlust» sei anders als das, was die Menschen im Libanon bisher erlebt hätten, sagt Elie Karam. Er gründete in den achtziger Jahren das Recherchezentrum IDRAAC, das zu psychischer Gesundheit im Libanon und im Nahen Osten forscht. Damals herrschte im Land Krieg. Doch im Unterschied zu heute hätten die Menschen ein Gefühl von Kontrolle behalten, sagt er. «Wenn du in Aschrafieh lebtest und es einen Angriff gab, wusstest du immer, wohin du im Notfall fliehen konntest.» Die Explosion jedoch kam aus dem Nichts.

Karam war einer der Ersten in der Region, die anfingen, Daten zur psychischen Gesundheit zu sammeln. So konnte IDRAAC nicht nur den direkten Zusammenhang zwischen Krieg und Depressionen belegen – sondern auch, dass wiederkehrende Traumata häufig zu chronischer Depression führen.

Wer war verantwortlich?

Es ist aber nicht die enorme Belastung durch den Alltag in der Wirtschaftskrise allein, die die Verarbeitung der Explosion schwierig macht: Bis heute sind zentrale Fragen zu ihrer Ursache nicht beantwortet. War das Ammoniumnitrat, das explodierte, wirklich zufällig in Beirut gelandet? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass es so lange in einem Hangar im Hafen lagerte?

«Wenn wir ein Trauma behandeln, müssen wir sicher sein, dass die traumatische Situation nicht mehr besteht», sagt Joseph El-Khoury, Präsident der Lebanese Psychiatric Society. Doch dies sei im Libanon nicht der Fall. «Wir wissen nicht, warum die Explosion passiert ist», sagt er. «Niemand wurde zur Rechenschaft gezogen. Das führt dazu, dass sich die Menschen noch immer nicht sicher fühlen.» Es ist das, was Bashir und Jaoude bei der Wohnungssuche umtrieb: ein allgegenwärtiges Gefühl latenter Gefahr.

Die psychischen Folgen der Explosion gingen über das individuelle Leid hinaus, sagt Khoury: Es sei ein kollektives Trauma. Im Gegensatz etwa zu einem Verkehrsunfall reiche es in so einem Fall nicht, das Trauma von jemandem nur auf der persönlichen Ebene anzugehen. «Ein nationales Trauma braucht eine nationale Heilung.» Zum einen bräuchte es eine juristische Aufarbeitung. Wichtig sei aber auch, sich als Gesellschaft darauf zu einigen, wie der 4. August künftig erinnert werden soll, welche Lehren daraus zu ziehen sind. Beides ist bis heute nicht geschehen.

Damit spricht Khoury ein zentrales Dilemma der libanesischen Erinnerungskultur an. Zum libanesischen Bürgerkrieg etwa, der 1990 mit einem Friedensabkommen endete, gibt es bis heute keine einheitliche Erzählung: Die politischen Parteien wie auch viele Menschen im Land halten nach wie vor an den alten Feindbildern fest. Eine Amnestie für die am Krieg beteiligten Milizen verhinderte eine juristische Aufarbeitung, und noch immer gelten Tausende als vermisst. Eine nationale Aufarbeitung oder gar Versöhnung gab es nie.

«Wir müssten doch als Gesellschaft über solche Sachen diskutieren», sagt Nada Bashir. Stattdessen beobachtet sie, wie die Menschen immer weitermachen, bis sie anfangen zu vergessen. Vielleicht, weil im Libanon auf eine Katastrophe immer zuverlässig die nächste folgt. «Wir haben unser Leben lang ein Trauma durchlebt», sagt Bashir. «Es hat nur verschiedene Stationen.»

Einmal fragte sie ihre Mutter, was sie im September 1982 in den Tagen des Massakers in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila gemacht habe, als die christlichen Lebanese Forces dort Hunderte Menschen ermordeten. Ihre Mutter lebte damals ganz in der Nähe. Die Antwort war ausweichend. «Wollte sie es nicht erzählen? Oder hat sie es vergessen? Ich weiss es nicht», sagt Bashir.

Und dann seien da die Alten, die jeden Tag unten vor ihrer Nachbarwohnung draussen sässen und Kaffee tränken. Sie gehörten zu denjenigen, die das Massaker unterstützten, sagt Bashir. Die Partei Lebanese Forces ist bis heute dominant im Viertel. «Die sitzen einfach hier beim Kaffee, und niemanden kümmert es.»

Narben an den Fusssohlen

Und doch gibt es sie, die Orte, wo die Menschen zusammenkommen, Momente der Aufarbeitung. «Nach der Explosion haben wir einen öffentlichen Aufruf für Therapieworkshops gestartet», sagt Lamia Abi Azar. Sie arbeitet als Theatertherapeutin beim Theater Zoukak. «Es war unsere Art, uns am Wiederaufbau unseres Landes zu beteiligen», sagt Abi Azar. Die Resonanz war überwältigend: Auf die paar Dutzend Plätze bewarben sich Hunderte.

In den acht Runden, die seither stattgefunden haben, ist die Explosion bis heute ein zentrales Thema. In einem Workshop mit Jugendlichen stellte Abi Azar die Aufgabe, zu Narben am eigenen Körper eine Geschichte zu erzählen. «Ein Junge meinte, er habe eine, aber sie sei ein Klischee. Als ich ihn fragte, wieso, meinte er, dass seine Fusssohlen verbrannt seien, weil er am 4. August barfuss davongerannt sei», sagt Abi Azar. «Aber das sei ein Klischee, weil doch jeder bei der Explosion verwundet worden sei.»

Früher sei es noch sehr viel schwieriger gewesen, die Teilnehmenden zu ermutigen, sich zu öffnen und verletzlich zu zeigen, sagt Abi Azar. Das Zoukak-Theater bietet die Therapieworkshops seit seiner Gründung 2006 an. Heute sei das anders: «Es gibt ein Bedürfnis, die eigenen Verletzungen an einem sicheren Ort zu teilen.»

Die Herausforderung, die das Leben im Libanon heute darstellt, das Trauma von der Explosion und die im Land herrschende Ungerechtigkeit hätten eine Solidarität zwischen den Menschen geschaffen, sagt Abi Azar. In einem Land, wo der Staat seit Jahrzehnten selbst grundlegende Aufgaben nicht erfülle, biete das Theater nicht nur einen Raum für Heilung, sondern auch dafür, dass die Teilnehmenden ihre eigenen Werte schafften: «Ihre eigene Gerechtigkeit und ihre eigenen Regeln in diesem korrupten und kriminellen Land.»