Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Die Katastrophe im müden Land

Noch im Herbst war die Hoffnung aufgekeimt, der Libanon lasse sich zum Besseren verändern. Dann wurde alles nur noch schlimmer. Die Explosion im Hafen von Beirut trifft das ganze Land hart.

Von Meret Michel

Es gibt Ereignisse, die sich schwer mit Worten fassen lassen. Zuerst war da ein Grossbrand, eine pinke Rauchwolke lag über dem Hafen. Dann folgte die Explosion. Auf den vielen Videos, die aus Büros oder Wohnungen heraus gefilmt wurden, ist zu sehen, wie die Druckwelle sich ausbreitet, und zu hören, wie Fensterscheiben bersten. Noch in kilometerweiter Entfernung wurden Türen aus den Angeln und Gegenstände aus Regalen gerissen. Mindestens 100 Menschen starben, über 4000 wurden verletzt – so zumindest lauten die ersten offiziellen Angaben. Der Gouverneur von Beirut sprach von 300 000 obdachlosen Familien. «Die Apokalypse», titelte die libanesische Zeitung «L’Orient-Le Jour» am Tag darauf.

Alles wird importiert

Es war die vielleicht heftigste Explosion, die Beirut je erlebte – trotz fünfzehn Jahren Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 und des israelischen Bombardements im Krieg von 2006. Noch ist unklar, was genau passiert ist. Bekannt ist aber, dass es 2750 Tonnen Ammoniumnitrat waren, die in einem Hafenhangar explodiert sind. Ammoniumnitrat wird als Düngemittel und zum Bauen von Bomben verwendet.

Beirut ist eine Stadt, die sich um ihren Hafen herum ausbreitet. Gleich hinter einer zentralen Verkehrsachse befinden sich die ersten Wohnviertel. Und die Gefahr, die von der Lagerung solch hochexplosiven Materials an diesem Ort ausgeht, war den Behörden durchaus bewusst gewesen. Die Ware stammte von einem russischen Frachtschiff, das 2013 nach technischen Problemen in Beirut angelegt hatte. Mehrere offizielle Anfragen der Zollverwaltung, was damit zu tun sei, waren offenbar unbeantwortet geblieben.

Natürlich gab es bereits am Dienstagabend viele Spekulationen. Etwa dass ein Angriff Israels stattgefunden habe, das in der Woche zuvor bereits Ziele in Syrien angegriffen hatte. Das israelische Verteidigungsministerium dementierte umgehend. Und ebenso Spekulation ist die Frage, welche regional- und geopolitischen Folgen die Explosion haben könnte. Solcherlei Mutmassungen bringen im Moment aber wenig. Zentral ist vielmehr die Frage, welche Folgen die Explosion für die Menschen im Libanon hat. Und viel wichtiger ist vor allem, dass so schnell wie möglich Hilfe von aussen kommt. Der Libanon ist ein Land, in dem mittlerweile über die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt. Ein Land auch, das fast alle Konsumgüter importieren muss. Beispielsweise kamen 85 Prozent des importierten Getreides im Hafen von Beirut an – nun wurde dieser komplett zerstört.

Die Hoffnung ist weg

Eine solche Explosion ist in jedem Fall eine Katastrophe. Für den Libanon in der heutigen Zeit ist sie aber noch mehr als das. Das Land erlebt die schlimmste Wirtschaftskrise seiner Geschichte, die Währung hat in den letzten Monaten über achtzig Prozent ihres Werts, Hunderttausende Menschen haben ihre Arbeit verloren. Viele, die vor einem Jahr noch zur Mittelschicht gehörten, können sich heute kaum noch das Essen leisten. Die Krankenhäuser, die wegen der Coronapandemie bereits am Limit liefen, waren in der Nacht auf Mittwoch mit Tausenden Verletzten komplett überlastet. Auch sie waren von der Wirtschaftskrise schon schwer getroffen: Wegen der katastrophalen Stromversorgung mussten manche Spitäler Operationen verschieben.

Noch vor zehn Monaten sind Millionen LibanesInnen auf die Strasse gegangen, um gegen Korruption und das politische System, von dem das Land seit dem Bürgerkrieg gelähmt wird, zu protestieren. Die «Oktoberrevolution» setzte eine unglaubliche Energie frei. Es keimte die Hoffnung auf, das Land lasse sich zum Besseren verändern.

Der damalige Regierungschef Saad Hariri trat zurück. Doch selbst wer auch nur die geringste Hoffnung in die neue Regierung unter Hassan Diab gesetzt hatte – was viele AktivistInnen ohnehin nicht taten –, wurde bisher enttäuscht. Es gelang nicht einmal, ein Gesetz für einheitliche Kapitalkontrollen einzuführen. Es wäre eine Grundvoraussetzung dafür, dass das Land ein Hilfspaket vom Internationalen Währungsfonds erhält.

Vor dem Hintergrund all dessen treffen der Schock und das Trauma, die am Dienstag über Beirut kamen, das Land in seinem Innersten. «Die Erschöpfung liegt schwer in den Stimmen und Gesichtern von jedem, den ich treffe», schrieb die Autorin Lina Mounzer in einem Artikel in der «New York Times» – und zwar am Tag vor der Explosion. Am Tag danach schrieb sie auf Twitter: «Ich fange erst an, das Ausmass des Schadens abzusehen: strukturell, moralisch, psychologisch, finanziell. Und wir sind schon so müde.»

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