Nr. 33/2020 vom 13.08.2020

«Ein Impfstoff wäre nicht die Erlösung»

Der Bund hat bei der US-Biotechfirma Moderna einige Millionen Dosen Coronaimpfstoff vorbestellt. Würde sich der ehemalige Hausarzt und Impfexperte Peter Klein selber damit impfen lassen?

Von Susan Boos (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Wir brauchen den besten und sichersten Impfstoff und nicht denjenigen, der möglichst schnell zugelassen wird»: Peter Klein auf seinem Balkon in Bern.

Peter Klein war Hausarzt. Viele Jahre hat er sich in einer Gruppe von HausärztInnen intensiv mit Impffragen beschäftigt und hält sich noch immer à jour. Inzwischen ist er 73 Jahre alt und gehört selber zur Covid-19-Risikogruppe. Würde er sich mit dem Moderna-Impfstoff impfen lassen?

Auf dem Balkon seiner Wohnung am Stadtrand von Bern erklärt Klein, warum er diese Frage nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten kann. Der Impfstoff, den Moderna produzieren will, ist ein sogenannter mRNA-Impfstoff – ein neuartiger Impfstoff, mit dem man beim Menschen noch keinerlei Erfahrungen hat. «Der Reiz dieses mRNA-Impfstoffs ist, dass man ihn in kurzer Zeit in grossen Mengen herstellen könnte», sagt Klein. Für den Grippeimpfstoff braucht man zum Beispiel immer noch Hühnereier, um die Viren zu vermehren. Das ist aufwendig. Jedes Jahr wird dafür eine halbe Milliarde Eier benötigt.

Die Herstellung des neuartigen Moderna-Impfstoffs ist effizient und revolutionär. Sehr vereinfacht gesagt, bringt man mit einem gentechnischen Verfahren die menschlichen Zellen dazu, selber Teile des Virus zu reproduzieren. «Aber es ist ein reines Experiment – weil es gar keine Erfahrungen mit Wirksamkeit und Nebenwirkungen dieser neuartigen Impfstoffe gibt», sagt Klein. Diesen seriös zu testen, dauere mindestens zwei bis drei Jahre: «Die Zulassung eines solchen Impfstoffs vor Ende 2021 wäre aus meiner Sicht a priori unseriös.»

Beschleunigte Zulassung

Ein Impfstoff muss, ähnlich wie ein Medikament, vor der Zulassung durch die Arzneimittelbehörde gründlich auf Wirkung und Nebenwirkungen geprüft werden – im Rahmen der klinischen Studien auch schon an freiwilligen ProbandInnen. Währenddem es bei Medikamenten um die individuelle Anwendung bei Erkrankten geht, will man bei Covid-19 Milliarden von Gesunden vorbeugend impfen. Das erfordert eine viel höhere Sicherheit. Dazu kommt, dass von den Milliarden Menschen nur ein sehr kleiner Anteil selber vom Impfschutz profitiert, weil bei ihnen ein schwerer Krankheitsverlauf verhindert würde. Die meisten Menschen erkranken nicht oder nicht schwer.

Bei jeder Art von Impfstoff versucht man, dem Immunsystem mit einem technischen Trick vorzugaukeln, es gehe um einen ernsthaften Infekt. Dazu braucht es meistens ein Gemenge an Zusatzstoffen, um die gewünschte Immunreaktion in Gang zu setzen, ohne dass eine Person erkrankt. Auch diese Stoffe bergen das Potenzial, unerwünschte Wirkungen auszulösen – kurzfristige innert ein paar Wochen oder langfristige innert Monaten oder Jahren.

Nun soll ein Covid-19-Impfstoff in einem «beschleunigten Verfahren» zugelassen werden. «Beschleunigt heisst: Sowohl die Wirksamkeitsprüfung als auch die Sicherheitsprüfung wird erheblich abgekürzt», sagt Klein. «Sind wir schon derart verängstigt, dass wir uns darauf einlassen wollen?»

Impfschäden

Bei einem soliden, zuverlässigen Impfstoff muss einer von 100 000 Geimpften mit einer schweren Nebenwirkung rechnen; der Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix, der vor zehn Jahren eingesetzt wurde, konnte zum Beispiel Narkolepsie auslösen (siehe WOZ Nr. 22/2020). Bei einem beschleunigt zugelassenen Covid-Impfstoff wird zwangsläufig mit Tausenden von Impfschäden zu rechnen sein. «Weil so viele Gesunde damit geimpft werden sollen, brauchen wir doch den besten und sichersten Impfstoff und nicht denjenigen, der möglichst schnell zugelassen wird», konstatiert Klein.

Er plädiert dafür, dass man den neuen Impfstoff vor der Zulassung wirklich breit im Feld testet. Mit einem strengen Studiendesign und genügend Beobachtungszeit liessen sich unerwünschte Nebenwirkungen rechtzeitig erfassen. Nachher sei das fast nicht mehr möglich: «Sobald ein Impfstoff einmal zugelassen ist, kehrt sich die Beweislast um.» Dann müssen die Menschen, die wegen der Impfung krank wurden, beweisen, dass die Krankheit von der Impfung kommt. Wie schwierig das ist, sah man auch im Fall von Pandemrix: In der Schweiz erkrankten als Folge der Impfung offiziell neun Menschen an Narkolepsie. Niemand hat eine Entschädigung erhalten, obwohl die Krankheit unheilbar ist und den Alltag der Betroffenen stark beeinträchtigt.

«Diese Fixierung auf technische Mittel – hier also auf den Impfstoff als Erlöser – halte ich für problematisch», sagt Klein. «Wir sollten vom Kampfmodus wegkommen und mit den unvermeidlichen Viren eine intelligente Koexistenz, ein Gleichgewicht anstreben. Im Rahmen dieser Bestrebungen können die Impfstoffe eine hilfreiche Rolle spielen.» Mit der intelligenten Koexistenz spricht Klein ein grosses Thema an. Da spielt zum Beispiel das Immunsystem der Menschen eine Rolle, das mit der Zeit lernt, mit neuartigen Viren umzugehen, aber auch die allgemeinen Lebensumstände und hygienischen Verhältnisse. Oder die grossräumige Zerstörung von Urwäldern, die dazu führt, dass Tierviren leichter auf den Menschen überspringen.

Der Glaube an eine technische Lösung sei letztlich mit der Hoffnung verbunden, mit einer Impfung könne man wieder zur alten Normalität zurückkehren. Klein hält das für verständlich, aber gefährlich: «Dieses Virus ist wesentlich auch ein Produkt von Verhalten und Eingriffen in die Biosphäre. Wir müssen grundsätzlich etwas ändern, sonst werden wir bald mit der nächsten Pandemie überfordert sein.»

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