Nr. 33/2020 vom 13.08.2020

Besser sicher als schnell

Von Susan Boos

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat beim US-Biotechunternehmen Moderna Impfstoff gegen das Coronavirus vorbestellt. Wie viel es für die 4,5 Millionen Dosen bezahlen muss, gibt es nicht preis. In den USA bietet Moderna seinen Impfstoff für rund 35 Dollar pro Dosis an. Damit dürfte die Schweizer Bestellung etwa 150 Millionen Dollar kosten.

Arme Länder werden sich den Moderna-Impfstoff nie leisten können. Schlimm? Nicht unbedingt – vielleicht ist es gar ein Glück. Der Hightechimpfstoff wird zurzeit in den USA an 30 000 Freiwilligen getestet. Ein Impfstoff ist wie ein Medikament und birgt Risiken und Nebenwirkungen. Vor allem, wenn er auf einem derart neuartigen Verfahren basiert wie das Produkt von Moderna (vgl. «‹Ein Impfstoff wäre nicht die Erlösung›»). Da weiss man einfach noch nichts über mögliche Gesundheitsschäden.

In diesem Punkt übertrumpft Russland zurzeit allerdings alle. Der russische Präsident Wladimir Putin hat gerade stolz verkündet, sein Land habe den ersten Impfstoff zugelassen. Das könnte böse enden, weil zu Recht bezweifelt wird, dass der Stoff ausreichend getestet wurde. Impfschäden sind nicht nur Hirngespinste von durchgeknallten ImpfgegnerInnen. Selbst bewährte Impfstoffe verursachen Schäden, wenn auch sehr selten. Wird nun Millionen von Menschen ein nicht ordentlich gemachter Impfstoff verabreicht, gibt es zwangsläufig Hunderte von Opfern. Das spricht nicht gegen das Impfen. Das spricht dafür, nur sorgsam getesteten Impfstoff einzusetzen.

Bei Moderna ist man auch noch im Blindflug. Das BAG hat den Impfstoff bestellt, ohne genau zu wissen, ob er überhaupt leisten kann, was er verspricht. Zudem ist es mit Vorbestellungen immer schwierig. Die Schweiz hat da schon Erfahrung: Als vor gut zehn Jahren die Schweinegrippe ausbrach, kaufte der Bund vorsorglich 13 Millionen Impfdosen und gab dafür 84 Millionen Franken aus. Am Ende war die Schweinegrippe eine harmlose Krankheit, und nur wenige wollten sich impfen lassen. Der Bund musste später einen Grossteil des Impfstoffs vernichten. Abgesehen davon löste Pandemrix, einer der eingekauften Schweinegrippeimpfstoffe, auch noch Narkolepsie («Schlafkrankheit») aus (siehe WOZ Nr. 22/2020).

Schnell sein zu wollen, gibt vielleicht im ersten Moment ein gutes Gefühl. Aber es ist weder klug noch solidarisch. Klug wäre es, international eine Impfstoffallianz aufzubauen, die gemeinsam sichere Impfstoffe entwickelt. Sicher ist wichtiger als schnell, gemeinsam besser als allein. Impfstoff müsse ein öffentliches Gut sein, und zwar für alle, überall auf der Welt, forderte Uno-Generalsekretär António Guterres schon im April. Eine kurze Zeit lang sah es so aus, als ob es gelänge, unter dem Dach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für alle Impfstoff bereitzustellen. Das Projekt ist noch nicht ganz gestorben, der WHO-Direktor klagte jedoch dieser Tage, ihnen fehlten dafür 90 Milliarden US-Dollar. Die reichen Staaten sind ausgeschert und kümmern sich inzwischen vor allem um sich selber. Wie die Schweiz, die zwar bei der Allianz mitmacht, aber gleichzeitig auch bei Moderna vorbestellt.

Astrazeneca könnte das Gegenmodell repräsentieren. Eine Allianz aus EU-Ländern will zusammen mit dem britisch-schwedischen Unternehmen einen Coronaimpfstoff bereitstellen, der auf einem herkömmlichen Herstellungsverfahren basiert. Das hat den Vorteil, dass man allfällige Nebenwirkungen besser abschätzen kann als beim neuartigen Moderna-Hightechimpfstoff. Ausserdem hat sich Astrazeneca verpflichtet, am Impfstoff nicht zu verdienen. Eine Dosis soll nur drei bis vier US-Dollar kosten. Vielleicht haben die armen Länder für einmal Glück – was sie sich werden leisten können, könnte auch sicherer sein.

Die Schweiz war laut «SonntagsZeitung» eingeladen worden, bei der EU-Astrazeneca-Allianz mitzumachen. Das BAG soll abgewinkt haben. Offenbar glaubt es mehr an die hochgejubelten Neulinge von Moderna. Die Firma hat aber noch kein einziges Produkt auf dem Markt. Gut möglich, dass die, die auf Moderna setzen, sich verzocken.

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