Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Die Lehren aus Pandemrix

Vor etwas mehr als zehn Jahren hielt die Schweinegrippe die Welt in Atem. Damals wurden schnell Impfstoffe eingesetzt. Einer davon, Pandemrix, taugte nicht viel. Was dabei passierte – und worauf im Hinblick auf einen allfälligen Covid-19-Impfstoff zu achten ist.

Von Susan Boos

Impfen, auch wenn noch nicht genug getestet wurde? Das Beispiel Pandemrix zeigt, warum das keine gute Idee ist. Foto: Ottfried Schreiter, Alamy

Die Welt hofft auf einen Covid-19-Impfstoff. Peter Hasler wäre da wohl skeptischer. Er leidet an Narkolepsie. Ursache dafür ist eine Impfung. Das sieht inzwischen auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) so.

Hasler heisst eigentlich anders. Er hat vor einigen Jahren einem Journalisten seine Geschichte erzählt, möchte jetzt aber keine Interviews mehr geben. Vor gut zehn Jahren, als die Schweinegrippe um die Welt zog, war er Anfang zwanzig und wollte Medizin studieren. Daraus wurde nichts. Die Schweinegrippeimpfung hat es ihm vermasselt. Er liess sich 2009 impfen, kurz danach brach die Narkolepsie aus.

Vor allem für Kinder und junge Menschen ist es eine fiese Krankheit: Sie werden schläfrig, können sich nicht mehr konzentrieren; manche werden auch mitten in einer Tätigkeit vom Schlaf übermannt. Im Volksmund spricht man von «Schlafkrankheit». Lange sitzen und lernen geht mit dieser Krankheit einfach nicht.

Panik vor dem «Todesvirus»

Das BAG geht davon aus, dass wegen der Schweinegrippeimpfung in der Schweiz neun Menschen an Narkolepsie erkrankt sind. ImpfgegnerInnen werden das als Beweis dafür werten, dass Impfen grundsätzlich gefährlich sei. Das ist falsch. Richtig ist, dass sich am Beispiel der Schweinegrippepandemie zeigen lässt, welche Risiken die rasche Entwicklung und Zulassung eines Impfstoffs birgt.

Im März 2009 erkrankten in den USA die ersten Personen an der Schweinegrippe. Der Virustyp war neu. Man fürchtete ihn, weil er dem Erreger der Spanischen Grippe ähnelte, der 1918 weltweit zwischen zwanzig und fünfzig Millionen Menschen umgebracht hatte.

Ende April 2009 tritt der erste Schweinegrippefall in der Schweiz auf. Die Panik steigt von Tag zu Tag. Die Gratiszeitung «20 Minuten» schreibt: «Das Todesvirus breitet sich aus»; der «Tages-Anzeiger» berichtet über «die Bevölkerung, die Masken hamstert», und der «Blick» titelt: «Seuche in Europa – neu Alarmstufe 4!»

Im Juni 2009 stuft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Schweinegrippe als Pandemie ein. Nun versuchen alle Länder, möglichst schnell an Impfstoff heranzukommen. Auch die Schweiz. Der Bund nimmt sich vor, achtzig Prozent der Bevölkerung zu impfen. Da jede Person zwei Impfdosen bräuchte, um einen ausreichenden Schutz zu erhalten, will er dreizehn Millionen Dosen einkaufen.

Schon seit längerem versuchte sich der Bund auf eine drohende Pandemie vorzubereiten. Deshalb hatte er schon früher mit dem britischen Pharmaunternehmen Glaxo Smith Kline (GSK) einen Impfstoff-Liefervertrag abgeschlossen. In jenem Frühling 2009 kann GSK einen passend scheinenden Schweinegrippe-Impfstoff anbieten: Pandemrix. Der Bund kauft acht Millionen Dosen. Nun fehlen noch fünf Millionen. Diese kauft der Bund bei Novartis. Insgesamt kostet der Impfstoff 82 Millionen Franken.

Im November 2009 beginnt man zu impfen. In manchen Kantonen übernehmen das HausärztInnen, in andern die Spitäler. Die ganze Bevölkerung wird ermuntert, sich doch impfen zu lassen. Inzwischen hat man aber auch erkannt, dass die Schweinegrippe meist sehr mild verläuft. Die Leute lassen sich deshalb nur zögerlich impfen, weshalb am Ende nur drei Millionen Impfdosen gebraucht wurden (acht Millionen Dosen mussten später vernichtet werden, der Rest wurde an arme Länder gespendet).

Weil Swissmedic sichergehen will, dass unerwünschte Nebenwirkungen sofort erkannt werden, installiert sie das Überwachungsprogramm «Paniflow». ÄrztInnen werden aufgefordert, alle Nebenwirkungen sofort in die Datenbank einzugeben. Einige Monate nach der Impfkampagne publiziert Swissmedic eine Analyse über die Schweinegrippe-Impfkampagne: Knapp zwanzig Prozent der Bevölkerung haben sich impfen lassen. 560 unerwünschte Nebenwirkungen waren gemeldet worden, am häufigsten Fieber, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, grippeähnliche Symptome, allergische Reaktionen und Müdigkeit. Was damals schon auffiel: Über achtzig Prozent der Meldungen betrafen Pandemrix. Die beiden Impfstoffe von Novartis lösten kaum unangenehme Reaktionen auf. Von Narkolepsie war in diesem Bericht von Swissmedic noch nicht die Rede.

Warum wurde nicht informiert?

Es dauerte noch einige Monate, bis wissenschaftlich belegt war, dass mit Pandemrix etwas nicht stimmte. In drei renommierten Schlaflaboren – in Kanada, den USA und in Frankreich – hatte man gleichzeitig erkannt, dass die Narkolepsiefälle anstiegen. Die Ergebnisse publizierten sie in einer gemeinsamen Studie: Im Jahr nach der Schweinegrippe hatten die drei Institutionen in den von ihnen untersuchten Regionen zusammen eine Verdreifachung der neuen PatientInnen registriert. «Von diesen 31 Patienten hatten sich 14 impfen lassen, und zwei weitere waren an der Grippe erkrankt», schreibt dazu der Berner Neurologe und Narkolepsieexperte Johannes Mathis. Bei den meisten PatientInnen trat die Narkolepsie zwei bis acht Wochen nach der Impfung auf, bei manchen aber auch früher oder erst nach fünf Monaten.

Das Problem hatte jedoch nicht mit der Impfung generell zu tun, sondern sehr spezifisch mit Pandemrix. Um möglichst schnell möglichst viele Dosen bereitstellen zu können, hatte GSK einen Zusatzstoff beigemischt, der die Wirkung des Impfstoffs verstärken sollte. Dieser Zusatz galt lange als der Auslöser der Narkolepsie. Das «British Medical Journal» (BMJ) enthüllte vor zwei Jahren, dass die Probleme auch mit dem Herstellungsprozess zu tun hatten. Laut dem BMJ erkrankten in Europa 1300 Menschen wegen Pandemrix an Narkolepsie. Das Wissenschaftsjournal konnte belegen, dass GSK – bevor breit mit dem Impfen begonnen wurde – genügend Indizien dafür hatte, dass Pandemrix oft unerwünschte Nebenwirkungen verursachte. «Warum war die Öffentlichkeit nicht früher informiert worden?», fragte der BMJ-Autor empört.

Swissmedic hatte recht

Interessant ist, wie die Schweiz mit Pandemrix umging. Der Bund beauftragte schon früh die Unternehmensberatung Ernst & Young mit einer Analyse der grossen Schweinegrippe-Impfkampagne. Ihr Bericht lag im Frühjahr 2010 vor. Darin wird Swissmedic kritisiert, zu lange gebraucht zu haben, um die drei Impfstoffe zuzulassen. Andere Länder in Europa seien schneller gewesen. Tatsächlich hatte die europäische Arzneimittelbehörde EMA Pandemrix schon Ende September 2009 die Zulassung erteilt. Swissmedic brauchte einen Monat länger.

Wichtiger war aber ein ganz anderer Punkt: Die EMA hatte Pandemrix für alle freigegeben. Swissmedic jedoch schrieb vor, dass nur Erwachsene mit Pandemrix geimpft werden sollten – keine Jugendlichen, keine Kinder, keine Schwangeren. Swissmedic hatte von GSK einfach zu wenig Informationen erhalten, die belegt hätten, dass Pandemrix für junge Menschen und Schwangere ungefährlich war. Deshalb empfahl sie, diese Gruppen mit einem der Novartis-Impfstoffe zu immunisieren.

Der Neurologe Johannes Mathis sagt: «Swissmedic hat sich richtig verhalten. Vermutlich sind deshalb in der Schweiz nur neun Menschen aufgrund der Schweinegrippe-Impfung an Narkolepsie erkrankt.» Andere europäische Länder dagegen hielten sich an die Empfehlung der EMA und impften auch Kinder und Jugendliche systematisch mit Pandemrix. Die meisten Narkolepsiekrankheiten brechen im Alter zwischen zehn und zwanzig Jahren aus, erklärt Mathis, weil in diesem Alter das Immunsystem besonders aktiv sei. So wurde nach der Pandemrix-Impfung denn auch bei dieser Altersgruppe gehäuft Narkolepsie festgestellt.

Warum der Impfstoff genau diese Krankheit auslöst, sei nicht geklärt, sagt Mathis. Viele Menschen hätten eine genetische Veranlagung für Narkolepsie, ohne jemals an der Krankheit zu leiden. Ein zusätzlicher Faktor wie zum Beispiel der Impfstoff lege dann aber den Schalter um – und löse die Krankheit aus. «Es gab eine Studie aus China, die zeigte, dass 2009 auch die Schweinegrippe selbst als Trigger gewirkt hat», gibt Mathis zu bedenken. Junge Menschen, die an dieser erkrankt waren, litten danach ebenfalls häufiger an Narkolepsie.

Mathis ist überzeugter Impfbefürworter. Er plädiert aber sehr dafür, dass die Impfstoffe ausreichend getestet werden, bevor man sie breit verabreicht. Gerade im Fall der Schweinegrippe wäre es grundsätzlich möglich gewesen, das Risiko zu minimieren, indem nur die anderen Impfstoffe eingesetzt worden wären.

Als Narkolepsieexperte hat Mathis die Daten der neun Pandemrix-Opfer in der Schweiz zusammengestellt, auch die von Peter Hasler. Der junge Mann hatte versucht, eine Entschädigung einzuklagen. Mathis unterstützte ihn dabei. Bis heute aber habe Hasler wie auch alle anderen acht Opfer noch kein Geld erhalten. Das Problem war, dass 2010 noch die Kantone für die Entschädigung von Impfschäden zuständig waren. Seit 2016, seit das neue Epidemiengesetz in Kraft ist, obliegt das nun dem Bund. Die Entschädigung ist mit einer Höchstsumme von 70 000 Franken indes bescheiden angesetzt. Wie viele Entschädigungsklagen schon eingegangen sind und ob man schon Entschädigungen bezahlt hat, will das BAG nicht sagen.

Schnellschüsse sind gefährlich

Die Ausgangslage bei der Schweinegrippe war wesentlich einfacher als heute. Man verfügte über bewährte Impfstoffe gegen die normale Grippe und musste sie – vereinfacht gesagt – nur anpassen. Gegen das aktuelle Coronavirus existiert noch kein Impfstoff. Man weiss also nicht, auf welche Nebenwirkungen man sich einstellen muss. Ein Impfstoff ist in dieser Hinsicht wie ein Medikament: Jemand verträgt ein Schmerzmittel, eine andere reagiert darauf mit einer lebensgefährlichen Allergie. Solche Nebenwirkungen lassen sich auch bei Impfstoffen nicht ganz vermeiden, aber minimieren.

«Gerade weil mit Impfstoffen gesunde Personen geschützt werden sollen, sind die Anforderungen an die Sicherheit und Herstellungsqualität besonders hoch», sagt Lukas Jaggi von Swissmedic. Der Nutzen, jemanden vor dem Ausbruch einer gefährlichen Infektionserkrankung zu schützen, müsse das Risiko von Nebenwirkungen überwiegen. «Daher braucht es nicht nur Labornachweise, sondern immer auch Studien mit betreffenden Bevölkerungsgruppen. Das benötigt Zeit.»

Vor dem Hintergrund von Pandemrix versteht man, was das heisst: Je überstürzter Impfstoffe in Umlauf gesetzt werden, desto mehr Fälle wie jener von Peter Hasler wird es geben.

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