Nr. 33/2020 vom 13.08.2020

«Uns haben Menschen angerufen, die ein Systemkomplott fürchten»

Wie wirkt sich die Coronapandemie auf unsere Psyche aus? Charles Benoy, leitender Psychologe an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, hat sich in den letzten Monaten intensiv mit dieser Frage beschäftigt.

Interview: Cigdem AkyolMail an AutorIn

WOZ: Herr Benoy, beobachten Sie einen starken Anstieg seelischer Nöte seit dem Beginn der Pandemie?
Charles Benoy: Ja. Uns haben auf der Coronahotline viele Menschen angerufen, die noch nie zuvor eine Psychiatrie kontaktiert hatten. In der Zeit nach dem Lockdown hatten wir aufgrund des grossen Andrangs für ambulante Behandlungsplätze längere Wartezeiten. Und den Menschen, die wir im stationären Bereich empfangen, geht es zum Teil wesentlich schlechter als vor der Coronasituation.

Was sind die Ursachen dafür?
Hier gibt es viele Gründe. Wichtige Aspekte sind sicherlich der Wegfall von externen Betreuungs- und Unterstützungsstrukturen, die Einschränkungen der sozialen Kontakte, die zum Teil massiven Veränderungen im beruflichen Kontext oder auch noch die Angst vor einer Infektion. Eine kürzlich von der Uni Basel durchgeführte Studie bestätigt, dass der Anteil an Menschen, die unter einer depressiven Symptomatik leiden, stark zugenommen hat.

Warum wirkt sich der Wegfall der Tagesstruktur so stark auf die Psyche aus?
Die äussere Ordnung vermittelt uns Sicherheit. Das Hirn scannt die Umwelt ständig nach Gefahren. Sobald sich um uns herum etwas verändert, ist das Hirn alarmiert. Und wenn diese Veränderung nicht richtig kontrollierbar oder einschätzbar ist, löst das Stress aus – dann kann das innere Ruhe- und Sicherheitsgefühl aus dem Gleichgewicht geraten. Das ist aber zunächst einmal eine sehr normale Reaktion. Ein Problem entsteht erst dann, wenn der Stress anhält und wir uns der neuen Situation nicht richtig anpassen können. Gefährdet sind vor allem gewisse Personengruppen, die diese Anpassungsleistung nicht ausreichend meistern können. Diese Menschen sind mittelfristig gefährdet, psychische Störungen zu entwickeln.

Unterscheiden sich die Anliegen der Menschen bei der Coronahotline von den Anliegen, denen Sie üblicherweise in Ihrer Sprechstunde begegnen?
Die Sorgen waren wesentlich alltagsnäher und weniger breit gestreut als jene, die wir sonst in der Praxis sehen. Ein Beispiel wäre ein Ehepaar, das sich nicht einigen kann, ob sie die Medikamente, die sie über die Apotheke bestellt haben und die nun auf dem Balkon liegen, holen können. Sie wollten wissen, ob das gefährlich sei. Normalerweise haben die Menschen, die uns in der Klinik aufsuchen, nicht ein einzelnes Thema, das sie beschäftigt, oder eine einzelne Frage. Sie leiden meist viel länger unter mehreren Problemen gleichzeitig. Uns haben aber auch Menschen angerufen, die sehr misstrauisch und wahnhaft anmutend wurden und ein Systemkomplott fürchteten.

Sind das Menschen, in denen die Krankheiten bereits zuvor schlummerten, oder kann die Pandemie auch die Ursache für psychische Erkrankungen sein?
Die Coronasituation kann auch ohne Vorerkrankung zur Entstehung einer psychischen Krankheit beitragen. Stellen Sie sich vor, Sie haben jahrelang für den Aufbau Ihres eigenen Geschäfts gearbeitet, und nun fällt dieses auf einmal in sich zusammen – und damit auch ein Teil Ihres Lebenswerks. Das kann Menschen hart treffen. Finanzielle Nöte und Existenzprobleme gehören zu den häufigsten Gründen für Suizide. Wenn sich eine Lebenssituation sehr stark und plötzlich verändert, kann das zu psychischen Störungen führen – das ist bei Corona nicht anders.

Wie trifft die Pandemie Menschen, die bereits psychisch krank sind?
Aus klinischer Sicht gehören diese zu den Risikogruppen. Die Pandemie kann die Symptome psychisch kranker Menschen deutlich verstärken. Diese Menschen haben viel schlechtere Voraussetzungen, um sich an die neue Situation anzupassen. Jemand, der bereits Angststörungen hat, wird durch diese Situation noch mehr Ängste entwickeln. Besonders gefährdet sind aber auch Menschen mit Depressionen. Fällt der geregelte Alltag weg, kann dies ihr inneres System relativ schnell weiter verunsichern. Bei Suchtkranken fällt auf einmal die externe Kontrolle weg; für Menschen mit wahnhaften oder schizophrenen Erkrankungen kann die Pandemiesituation eine Bestätigung ihrer Angst bedeuten, dass eine äussere Macht die Kontrolle über ihr Leben übernimmt.

Ab wann sind Ängste als krankhaft zu bezeichnen?
Dann, wenn Ängste einen selbst oder das direkte Umfeld über einen längeren Zeitraum beeinträchtigen und belasten. Dann, wenn man zum Beispiel aufgrund einer Angst nicht mehr schlafen kann, nicht mehr aus dem Haus geht oder nicht mehr so mit anderen Menschen interagieren kann, wie man sich das eigentlich wünscht. Dann wird die Angst pathologisch.

Die Zahlen der Coronaneuinfektionen steigen wieder, im schlimmsten Fall droht ein weiterer Lockdown. Wie lässt sich die Psyche der Menschen darauf vorbereiten?
Erfahrung ist die beste Vorbereitung. Wir sollten uns daran erinnern, dass wir eine gesellschaftliche Verantwortung haben. Es ist wichtig, solidarisch mit anderen Menschen zu sein – ein Rückzug aus Solidarität kann die Menschen in diesem Fall auch verbinden.

Die Schweiz ist verglichen mit anderen Ländern bisher relativ gut durch die Krise gekommen. Viele verlieren jetzt aber die Motivation, die Sicherheitsregeln weiter einzuhalten. Wie erklären Sie diese Leichtsinnigkeit?
Neben dem Grundbedürfnis nach Sicherheit haben wir auch ein Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung. In Zeiten wie jetzt beissen sich diese Bedürfnisse, dadurch entsteht ein Dilemma. Es braucht immer eine kritische Masse, die die Massnahmen umsetzt, dann machen die anderen auch mit. So funktioniert Solidarität. Ich rate dazu, nur so strenge Massnahmen wie nötig zu ergreifen, damit die Leute auch bereit sind, diese umzusetzen.

Kann in dieser Krise nicht auch Gutes entstehen, wenn Menschen ihre Verletzlichkeit spüren?
Sie kann uns helfen, dass wir als Gesellschaft näher zusammenrücken und dass wir uns auf wesentliche Fragen besinnen – jeder für sich, aber auch die Gesellschaft insgesamt. Das erleben wir gerade auch.

Charles Benoy (Hrsg.): «COVID-19. Ein Virus nimmt Einfluss auf unsere Psyche». Kohlhammer-Verlag. Stuttgart 2020. 132 Seiten. 31 Franken.

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