Nr. 07/2021 vom 18.02.2021

Und plötzlich fehlt die Struktur

Viele Menschen mit Essstörungen sind auf geregelte Tagesabläufe, gemeinsame Mahlzeiten und soziale Kontrolle angewiesen, um den Weg aus der Krankheit zu finden. Die Pandemie bremst bei manchen den Fortschritt aus. Auch Neuerkrankungen häufen sich – besonders bei Jugendlichen.

Von Natalia Widla

«Was, wenn ich jetzt eine Mahlzeit auslasse, das würde ja keiner ­merken?» Portionierte Mahlzeit in einem Rehabilitationszentrum. Foto: Annette Schreyer, Laif

Irene Zimmerli Spampinato ist beunruhigt. Dreissig bis vierzig Prozent mehr Anfragen hat das ambulante Zentrum für Menschen mit Essstörungen in Zürich, wo Zimmerli Spampinato als Psychotherapeutin arbeitet, im letzten Jahr verzeichnet: eine enorme Zunahme und eine Herausforderung für die Angestellten.

Ein Teil der Anfragen komme von Menschen, die zum ersten Mal mit einer Essstörung zu kämpfen haben; ein beachtlicher Teil betreffe aber jene, bei denen eine bisherige und oftmals bereits therapierte Essstörung wieder aufflamme. Was Zimmerli Spampinato als auffällig bezeichnet: Viele der Anmeldungen stammen von sehr jungen Menschen, teilweise nicht älter als dreizehn. Die meisten sind zwischen sechzehn und neunzehn Jahre alt. «Wir führen diese Entwicklung direkt auf den Lockdown zurück; die Einschränkungen sind besonders für Jugendliche gravierend», sagt die Psychologin.

Mit dieser Einschätzung steht Zimmerli Spampinato nicht alleine da. Bereits im vergangenen Jahr berichtete die BBC über hohe Rückfallzahlen bei essgestörten Menschen in Grossbritannien, von überfüllten Ambulatorien und Kliniken, überforderten Eltern, zunehmend gravierenden Krankheitsverläufen. Zwar wird in der Schweiz seit einiger Zeit vermehrt über die psychologischen Auswirkungen der Pandemiemassnahmen berichtet, bisher fehlt aber eine genauere Aufschlüsselung nach Symptomen.

Hoher Stresspegel

Barbara Widmer arbeitet als Therapeutin am Kompetenzzentrum für Essstörungen und Adipositas in Zürich. Auch hier beobachtet man eine eindeutige Zunahme, besonders bei den Zwölf- bis Achtzehnjährigen. Speziell Menschen, die generell Probleme damit haben, sich selber zu organisieren, und die sich bisher an äusseren Strukturen wie festen Essenszeiten orientierten, hätten momentan «stark Mühe», so die Psychologin.

Dass besonders viele Kinder und Jugendliche neu erkranken, kommt nicht überraschend: «Obwohl oder gerade weil die Eltern mehr zu Hause sind, ist der Stresspegel bei allen sehr hoch», sagt Zimmerli Spampinato. Viele Menschen mit Essstörungen sind hochsensibel, nehmen die Stimmungen ihres Umfelds also ungefiltert auf und leiden zusätzlich zu ihren anderen Sorgen und Nöten darunter. «Wenn dann noch jegliche Ventile wegfallen, um mit diesen negativen Emotionen umzugehen, werden diese gegen innen gerichtet.»

Jugendliche, die sich gerade in der Abnablungs- und Findungsphase befänden, so Widmer, würden durch das extreme Gefühl von Kontrollverlust in ihrer Entwicklung ausgebremst. Normale, aber akute Fragen dieser Lebensphase verkomplizieren sich durch die Umstände weiter. Durch das Essverhalten versuchen einige, Kontrolle zurückzuerlangen. Denn: «Emotionsregulation und Kontrollgewinn sind für jede Essstörung prägende Elemente.»

Gemeinsam Essen per Zoom

Gabriella Milos ist leitende Ärztin der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik des Universitätsspitals Zürich und leitet das Zentrum für Essstörungen. Sie beobachtet dieselben Tendenzen wie Zimmerli Spampinato und Widmer, differenziert aber auch: Für Menschen mit Bulimie (Ess-Brech-Sucht) oder einer Binge-Eating-Störung (periodische Essattacken) sei der Strukturverlust besonders gravierend.

Andererseits empfänden einige anorektische (umgangssprachlich: magersüchtige) PatientInnen durch die fehlenden Möglichkeiten, etwa intensiv Sport zu treiben, plötzlich eine gewisse Ruhe. Wie sich welches Empfinden aber mit der Dauer des «Ausnahmezustands» entwickeln wird, sei schwer abzuschätzen. Atomisierung und Strukturverlust seien grundsätzlich nie förderlich für von psychischen Erkrankungen Betroffene – ob auf kurze oder auf lange Sicht.

«Unser Therapieschwerpunkt liegt auf der Erarbeitung von Ritualen und eigenen Strukturen», sagt Milos. Gewisse PatientInnen verabredeten sich etwa untereinander per Whatsapp zu gemeinsamen Mittagspausen oder Abendessen auf Zoom, andere arbeiteten eigene Tagespläne fürs Homeoffice aus, bei wiederum anderen sei ein stationärer Aufenthalt unvermeidbar.

Kein schnelles Ende in Sicht

Dass die Kurve der Neuerkrankungen, Rückfälle und schweren Verläufe mit dem Ende der Pandemiemassnahmen schnell wieder abflacht, ist nicht zu erwarten. «Gerade etwa Bulimie und Binge Eating bleiben oft lange vom Umfeld unbemerkt», erklärt Barbara Widmer. Vieles, was momentan noch im Geheimen geschehe, werde unter Umständen erst nach Monaten oder Jahren sichtbar. Man müsse deshalb jetzt handeln. Ein konkreter Ansatzpunkt wäre es, Videotherapien zu fördern. Derzeit dürfen PsychologInnen pro PatientIn und Halbjahr nur 360 Minuten Distanztherapie über die Krankenkasse abrechnen. Bei den PsychiaterInnen gibt es diese Einschränkung nicht.

Zudem fordert Widmer eine Art nationalen «politischen Fahrplan» für die psychische Gesundheit. Gerade bei Kindern und Jugendlichen müssten die Massnahmen entsprechend ausgestaltet, gelockert oder angepasst, die psychische Gesundheit der körperlichen nicht länger diskussionslos untergeordnet werden. «Wer während der Pandemie eine Störung entwickelte oder in eine bestehende Störung zurückfiel, wird nicht einfach von alleine wieder genesen, auch wenn die Läden wieder offen sind und das Homeoffice vorbei ist.»

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