Nr. 01/2021 vom 07.01.2021

«Die Stationen sind zum Teil überbelegt»

JedeR Zweite in der Schweiz fühlt sich schlecht, Suizidgedanken häufen sich. Auch Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll. Dabei sind Kinder vor allem Träger der Symptome ihres Umfelds.

Von Sebastian Sele

Die Eltern sind ständig gereizt, und die FreundInnen darf man nicht mehr sehen: Es gibt viele Gründe, warum das Coronavirus Kindern und Jugendlichen das Leben schwermacht. Foto: Eleni Kougionis, UPK Basel

Die Pandemie schlägt auf die Psyche. Seit dem Frühjahr fragt die SRG regelmässig nach dem Wohlbefinden der Schweiz. In der jüngsten Umfrage vom November antworteten mehr als die Hälfte der rund 40 000 Befragten mit «schlecht» oder «sehr schlecht». Im März, dem bislang härtesten Monat, war es noch lediglich jedeR Vierte gewesen. Gemäss einer Befragung der Universität Basel zeigten vor der Pandemie 3 Prozent Symptome einer schweren Depression, im Lockdown 9 Prozent und im November bereits 18 Prozent. «Einschätzungen von ExpertInnen zufolge kann die Corona-Krise als ‹Katalysator› bezeichnet werden», schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in seinem ersten Teilbericht zu Corona und psychischer Gesundheit im November. Bestehende Ungleichheiten und Vorbelastungen würden durch die Krise verstärkt. Am meisten betroffen: «die jüngere Generation».

Das Sorgentelefon und der Chat von Pro Juventute sind entsprechend gefragt. In rund 600 Gesprächen pro Tag sind SeelsorgerInnen da, wenn Kinder und Jugendliche von ihren Ängsten berichten. Zu den häufigsten Problemen gehören: Freunde verlieren, Einsamkeit, häusliche Gewalt. Allein bis zum Sommer stieg die Anzahl der Anfragen im Chat fast auf das Dreifache des Vorjahres an. «Noch immer arbeiten wir in Zusatzschichten», sagt Lulzana Musliu von Pro Juventute. Auch Susanne Walitza, Direktorin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich, spricht von einer Zunahme im Notfall ihrer Klinik von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. «Jeder Platz ist besetzt, und die Stationen sind voll ausgelastet, teils überbelegt.» In der ganzen Schweiz sei das zu sehen, auch in Lausanne, in Genf und Bern.

Triage in der Psychiatrie

Gelangt eine Betroffene an die kinder- und jugendpsychiatrische Klinik in Basel, kommt ein Prozess ins Rollen. Die zentrale Frage der Triage: Wie und wo ist wem am besten geholfen? «Wir versuchen, all unsere Angebote bestmöglich zu nutzen», sagt der dortige Chefarzt Alain di Gallo: Hospitalisation, direkte Hilfe im Kinderheim, aufsuchende Arbeit zu Hause. Die Notfälle würden noch am gleichen Tag konsultiert. «Dabei geht es meist um Suizidalität, aber auch um massive Überforderung der Eltern» – wenn diese etwa Angst hätten, ihre Kinder aus Not zu schlagen. Kinder- sei immer auch Familienpsychiatrie. Das Problem, das Kinder gegen aussen tragen, sei vielfach systemisch. «Kinder sind oft nur Symptomträger.»

Nicht dringende Fälle gelangen in Basel ans Ambulatorium. Dort liege die Wartefrist aktuell bei mehr als drei Monaten. Üblich seien vier bis sechs Wochen. Es komme vor, sagt di Gallo, dass jemand notfallmässig Hilfe brauche und man sich erst fragen müsse: Wo gibt es überhaupt noch Platz? Mit «Platz» meine er dabei nicht in erster Linie den Raum. Davon gibt es im Neubau von 4000 Quadratmetern genug. Er spricht vom Personal, das den Kindern und Jugendlichen die Beziehungssicherheit gibt, die sie in ihrer Situation brauchen. «Zurzeit könnten wir unsere Plätze doppelt belegen, so gross ist die Nachfrage.»

Alain di Gallo vergleicht den Beginn der Pandemie mit einem Schockzustand. Alles war neu, und es entwickelte sich ein Wir-Gefühl. Inzwischen gleiche die Situation dem Rückfall bei einer schweren Krankheit. «Jetzt werden wir eingeholt.» Fragen tauchen auf: Was passiert hier eigentlich? Und was bedeutet das alles für uns? Der Psychiater spricht von einem Gefühl der tiefen Verunsicherung.

Achtzehn Basler Familien bekommen regelmässig Besuch von Marc Schmids Team für multisystemische Familientherapie. «Aufsuchende Behandlung» nennen das Alain di Gallo und Marc Schmid. An drei bis vier Tagen pro Woche behandelt das Team aus TherapeutInnen die Familien daheim, arbeitet auch mit den LehrerInnen in der Schule oder an der Lehrstelle zusammen. Die Nachfrage sei gerade sehr hoch. Besonders belastet seien jene Familien, die bereits zuvor in prekären Bedingungen lebten, sozioökonomisch wie psychisch. «Diese Kinder haben sowieso schon eine höhere Wahrscheinlichkeit, psychisch zu erkranken», sagt Schmid. Mit dem zusätzlichen Stress durch Corona, häufig finanzielle Not, werde ihre Situation noch schwieriger.

Der Zürcher Kinder- und Jugendpsychologin Susanne Walitza ist es auch daher wichtig, dass die Schulen offen bleiben. Den Eltern bieten sie Entlastung, den Kindern neben Wissenserwerb und Tagesstruktur auch ein Mittel gegen soziale Isolation. Dieselbe Forderung stellt auch Pro Juventute. Bereits über 10 000 Menschen haben eine entsprechende Petition unterschrieben. «Nur eine sehr kleine Zahl von SchülerInnen profitiert vom Fernunterricht», heisst es in dieser. «Gewisse kamen schulisch gut voran», ergänzt Alain di Gallo, «andere wurden abgehängt.» Den Preis, so der Direktor, spürten die Schulen bereits deutlich.

Regelmässig tauschen sich di Gallo und Walitza aus, auch mit der Taskforce des Bundes. Es sei wichtig, sagt Walitza, dass sie nun alles daransetzten, die Betroffenen optimal zu behandeln und auch präventiv tätig zu sein. Etwas bereite ihr dabei besondere Sorgen: «Es gibt vermehrt suizidale Krisen.» Auch das BAG hält fest: «Aufgrund der Erfahrung mit vergangenen Pandemien wird ein Anstieg von Suizidversuchen und Suiziden befürchtet.»

Nicht die Hoffnung verlieren

Alain di Gallo sagt: «Krisen können sich bei Jugendlichen in selbstschädigendem Verhalten oder Suizidalität äussern.» Suizidalität könne dabei Ausdruck einer psychischen Erkrankung, oft einer Depression, sein. Sie könne aber auch aus akuter Überforderung, dem Gefühl tiefer Verzweiflung und Perspektivlosigkeit resultieren. «Suizidäusserungen müssen immer ernst genommen werden.»

«Die Situation ist zehrend und belastend», sagt Alain di Gallo, auch für sein Team. Gerade jetzt sei es wichtig und schaffe Vertrauen, dass alle aufeinander zählen könnten. Susanne Walitza bereitet zusammen mit der Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie Vorschläge für die Taskforce des Bundes vor, wie die Versorgung gesichert werden kann, auch bei Personalengpässen und der erwarteten weiteren Zunahme persönlicher Krisen. «Wenn wir ehrlich sind», sagt di Gallo im Blick auf die nächsten Monate jedoch, «wissen wir nicht, was uns erwartet.» Die Hoffnung dürfe man jedoch nicht verlieren: «Zuversicht von uns Erwachsenen ist wichtig für Kinder.»

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